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Ungeklärter Fall Wer ermordete die beiden Jesuiten?

08.11.2008 ·  Im Fall der beiden ermordeten Jesuiten in Moskau gibt es Unklarheiten: Der Berliner Kardinal Georg Sterzinsky zweifelt die russischen Ermittlungen an. Ist der wahre Täter wirklich eine männliche Prostituierte oder war es ein Mord aus religiösen Motiven?

Von Michael Ludwig
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Angeblich stehen die Morde an zwei Angehörigen des Ordens der Jesuiten, die seit Jahren in Russland arbeiteten, unmittelbar vor der Aufklärung. Der aus Ecuador stammende Theologieprofessor Victor Betancourt-Ruiz und der Wolgadeutsche Otto Messmer, der die Jesuitengemeinschaft in Russland leitete, waren in ihrer Moskauer Wohnung ermordet worden.

Nach den bislang zur Verfügung stehenden Angaben geschah der Mord an Betancourt-Ruiz am 25. Oktober. Messmer wurde, als er zwei Tage später von einer Tagung in Madrid in die gemeinsame Wohnung zurückkehrte, ebenfalls ermordet. Wahrscheinlich wurden beide erschlagen.

Katholische Kirche forderte lückenlose Aufklärung

Schon am Donnerstag hatten die russischen Ermittlungsbehörden die Nachricht verbreitet, dass ein verdächtiger Mann festgenommen worden sei, der die Taten gestanden habe. Derweil hielten Repräsentanten der katholischen Kirche in Deutschland, unter ihnen der Berliner Kardinal Georg Sterzinsky, in Berlin eine Mahnwache vor der Botschaft der Russischen Föderation. Sie forderten die lückenlose Aufklärung der Morde.

Die russische Vertretung reagierte nicht auf die Bitte, die Botschaft der deutschen Katholiken entgegenzunehmen. Sie soll nun, wie es aus Berlin hieß, unmittelbar der russischen Regierung in einem Brief zugeleitet werden.

„Plötzliche Feindseligkeit“

Die Ermittlungsbehörden nehmen nach einem Bericht der russischen Nachrichtenagentur Interfax an, dass das Verbrechen an den beiden Ordensleuten womöglich im Zusammenhang mit Kontakten zur homosexuellen Szene in Moskau steht. Der Tatverdächtige sei in einer Bar festgenommen worden, die als Treffpunkt von Menschen mit „ungewöhnlichen sexuellen Vorlieben“ gelte.

Der 38 Jahre alte, mehrfach vorbestrafte Mann, dessen Name nicht bekanntgegeben wurde, habe als Motiv für den Mord an Betancourt-Ruiz angegeben, der Grund sei „plötzlich aufgetretene Feindseligkeit in den persönlichen Beziehungen“ gewesen.

Täter war männliche Prostituierte

Die Zeitung „Gaseta“ schrieb am Freitag jedoch unter Bezugnahme auf die Ermittlungen, Betancourt habe mit dem späteren Täter erst am 26. Oktober in einem Moskauer Park Bekanntschaft gemacht und diesen mit in die Wohnung genommen. Der Täter habe die Zeit nach dem ersten Mord am 26. Oktober in der Wohnung der Jesuiten weitergetrunken. Messmer habe er am Tag darauf ermordet, um die Tat zu vertuschen.

Der geständige Tatverdächtige stamme aus der Stadt Twer, sei in Moskau nicht gemeldet gewesen und habe seinen Unterhalt als männliche Prostituierte verdient. Man habe die Identität des Mannes aufgrund der Telefongespräche festgestellt, die dieser von seinem Handy aus geführt habe.

Schon mehrere katholische Priester ermordet

Schon kurz nach der Entdeckung der Morde hatten einige russische Zeitungen die Tat in den besagten Zusammenhang gestellt und berichtet, in der Wohnung seien angeblich benutzte Präservative und „Spuren eines Trinkgelages“ gefunden worden. Im „Live Journal“ im Internet wurde auf der gleichen Klaviatur gespielt, und die Morde wurden unter dem Rubrum „Schwule Sexorgie mit Blutbad“ abgehandelt. Die katholische Bischofskonferenz in Russland hat den Tod der beiden Jesuiten bislang nicht kommentiert.

Immerhin machte eine der russischen Zeitungen, die über die Morde berichtet hatten, die „Nesawissimaja Gaseta“, auch auf Gewaltakte gegen Katholiken aufmerksam, etwa gegen die beiden Journalisten Wiktor und Jurij Tarassewitsch, die eine katholische Zeitschrift und einen katholischen Nachrichtendienst herausgegeben hatten. Beide wurden 2002 erschossen. Der katholische Bischof von Nowosibirsk, Josef Wehr, erinnerte in einer Predigt daran, dass in den vergangenen Jahren mehrere katholische Priester ermordet worden seien.

Religiöse Motive nicht auszuschließen

In der Einladung zur Berliner Mahnwache schrieb Klaus Mertes, der Rektor des vom Jesuitenorden geführten Berliner Gymnasiums Canisius-Kolleg, in Russland richte sich zunehmend eine Pogromstimmung gegen christliche Gruppierungen, die nicht zur Orthodoxie gehörten. Sie seien auch von staatlicher Seite Behinderungen und Verleumdungen ausgesetzt. Mertes forderte die russische Regierung auf, sich diesem antiökumenischen und fremdenfeindlichen Denken erkennbar entgegenzustellen.

Im Gespräch mit dieser Zeitung wies Mertes am Freitag darauf hin, das die „Sexstory“ unglaubhaft wirke und die Ermittlungsbehörden sich in Widersprüche verwickelt hätten. Mertes hält es nicht für ausgeschlossen, dass der Hintergrund für die Morde die wachsende Unduldsamkeit in Russland gegen alle Nicht-Orthodoxen sei. Es kommt hinzu, dass keineswegs erwiesen ist, dass der als Verdächtiger vorgeführte Mann tatsächlich auch der Täter ist und die von ihm angeblich erzählte Geschichte auch der Wahrheit entspricht. „Konstruktionen“ der Ermittlungsbehörden sind in Russland jedenfalls keine Seltenheit.

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Jahrgang 1948, politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

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