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Doppelmord von Herne : Marcel H. plaudert über die größten Grausamkeiten

Marcel H. schlachtete seine Opfer regelrecht ab. Anschließend prahlte er damit im Internet. Bild: dpa

Marcel H. muss sich wegen zweier furchtbarer Morde vor Gericht verantworten. Gutachterinnen haben ihm jetzt attestiert, voll schuldfähig zu sein. Sie zeichnen das Bild eines grausamen Besserwissers, Wichtigtuers und Phantasten.

          „Das Monster von Herne“ hat sich Marcel H. in einem Internet-Chat einmal genannt. Zu diesem Selbstbild will die unscheinbare Figur nicht passen, die am Donnerstagmorgen von zwei Justizbeamten in den Saal des neuen Bochumer Landgerichts geführt wird. Marcel H. ist ein blasser Junge in zu weitem Holzfällerhemd; und anders als an den bisherigen Verhandlungstagen hebt er seinen Blick nicht einmal, als sein Verteidiger ihn begrüßt.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Der 19 Jahre alte Mann muss sich seit September wegen zweier furchtbarer Morde vor Gericht verantworten. Am 6.März lockte er den neun Jahre alten Nachbarsjungen Jaden unter einem Vorwand in den Keller jenes Hauses in Herne, aus dem seine Eltern ein paar Tage zuvor ausgezogen waren. Dort stach er, wie es in der Anklageschrift heißt, „heimtückisch und aus Mordlust“ mit einem Klappmesser 52 Mal auf das arglose Kind ein. Auf der Flucht vor der Polizei fand Marcel H. einige Stunden später Unterschlupf bei seinem ehemaligen Schulkameraden Christopher W. Als W. ihn am nächsten Morgen mit dem Fahndungsaufruf der Polizei konfrontierte, stach H. auch auf Christopher W. mit seinem Messer ein.

          Marcel H. hat alle seine Horrortaten gestanden. In der Nacht als er sich stellte, sprudelte es bei der polizeilichen Vernehmung nur so aus ihm heraus. Im Strafverfahren dagegen hat der Angeklagte bisher so gut wie nichts gesagt und ließ seinen Verteidiger ein pauschales Geständnis abgeben. Umso wichtiger sind für das Gericht die Aussagen der Zeugen, der Vernehmungsbeamten und natürlich vor allem auch die Darlegungen der beiden Gutachterinnen, der Rechtspsychologin Sabine Novara und der Psychiaterin Astrid Rudel. Mehrfach haben die beiden H. im Gefängnis besucht. Ausführlich erstatten die beiden am Donnerstag Bericht, über den jungen Mann, den es gedrängt habe, über alles mögliche zu reden, der sich einer merkwürdigen militärischen Sprache bediene, der häufig Fremdwörter in seinen Redefluss einfließen lasse, die er nicht immer richtig verwende, aber immer wieder selbst erkläre, um zu zeigen, wie kenntnisreich er doch sei. Die beiden Gutachterinnen zeichnen das Bild eines Besserwissers, Wichtigtuers und Phantasten, der gleichwohl in der Lage sei, sein Verhalten zu kontrollieren. H. sei voll schuldfähig.

          Auf der „Pyramide ganz weit oben“

          Marcel H., der mit einem IQ-Wert von 100 ein durchschnittlich begabter junger Mann sei, wolle schon im Kindergarten bemerkt haben, schlauer zu sein als die allermeisten, sehe sich auf der „Pyramide ganz weit oben“ und behaupte von sich, mittlerweile besser Englisch zu sprechen als Deutsch.

          Sechzehn Stunden verbrachte H. nach eigener Aussage täglich vor dem Computer, weshalb er selbst „Computersucht“ bei sich diagnostiziert hat. Bis morgens um drei spielte er im Netz oder schaute sich Filme an. Darunter waren auch Sezier-Videos, aus denen er tieferes Wissen über Organe gewonnen haben will. Schon als Kind habe er Pathologe werden wollen, doch dann davon Abstand genommen, als er feststelle, dass man dafür ziemlich lange studieren muss. Denn schon mit der Schule hatte es H. nicht so sehr. Hunderte Fehlstunden häufte er an. Sein Interesse galt vor allem japanischen Comics, darunter auch besonders grausame Pornos.

          Über die größten Grausamkeiten spreche H. zuweilen in harmlosen Plauderton, sagen die Gutachterinnen. „Es ist ein Singsang, der gar nicht dem Anlass angemessen ist“, berichtet Novara. „Er hat viel und gerne erzählt, auch über die Delikte.“ Als die beiden Gutachterinnen dann abwechselnd über das Tatgeschehen vortragen, rutschen die beiden Mütter von Jaden und Christopher W., die als Nebenklägerinnen im Prozess dabei sind, ganz nah zueinander. Gemeinsam hoffen sie, den Horror besser ertragen zu können.

          Von unten nach oben habe er sich an Jadens Köper mit dem Klappmesser hochgearbeitet, berichtete Marcel H. den Gutachterinnen. Und weil das Kind ihn dabei angeschaut habe, habe er ihm dann auch in die Augen gestochen. Vom hervorquellenden Gedärm und dem Geschlechtsteil des Opfers machte H. Fotos, die er wenig später Chat-Partnern schickte. Den massigen Christopher W. zu töten sei dann viel schwerer gewesen. W. konnte sich noch zur Tür seinen Wohnung schleppen, aber Marcel H. stellte ihm ein Bein und stach ihm dann in die Kehle. „Wie fühlst du dich?“, will H. sein sterbendes Opfer gefragt haben, das ihm dann auch noch seinen Handy-Sperrcode verriet, im Glauben H. werde einen Krankenwagen rufen. Es ist der Moment, an dem die Mutter von Christopher W. den Horror kaum noch aushalten kann. Laut schluchzt sie auf.

          Quelle: F.A.Z.

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