20.02.2010 · In Köln wird die kontrollierte Flutung der U-Bahn-Baustelle am Heumarkt vorbereitet. Die Staatsanwaltschaft durchsucht unterdessen Büros der zuständigen Baufirma Bilfinger. Dabei geht es um Hinweise, dass auch Ankerprotokolle bei den Bauarbeiten an der ICE-Trasse zwischen Nürnberg und München gefälscht wurden.
Von Reiner Burger, KölnAnne Schmitgen nimmt es noch immer mit Humor. „Manchmal hat es hier so gerumpelt, das war wie Ganzkörpermassage.“ Seit vielen Jahren leidet die 68 Jahre alte Frau in ihrer Wohnung am Kölner Heumarkt unter Großbaustellen. Erst entstand direkt gegenüber ein großer Hotelkomplex, dann begannen direkt vor ihrem Haus die Bauarbeiten für die Nord-Süd-Trasse der Kölner U-Bahn. Von ihrem Balkon kann sie in die große Grube der zukünftigen Haltestelle Heumarkt hinabschauen. Unablässig sind Bauarbeiter dabei, mit einem großen Kran Armierungseisen in das Loch hinabzuhieven.
Am Grund der Grube sind ihre Kollegen an großflächigen Verschalungen beschäftigt. Auf den ersten Blick scheint alles seinen guten Gang zu gehen. Doch seit in der vergangenen Woche immer neue Details über den Pfusch beim Bau der Kölner U-Bahn bekannt werden, wird an der Baugrube Heumarkt nicht weitergebaut, sondern in aller Eile gesichert. Und am Freitagnachmittag durchsuchte die Kölner Staatsanwaltschaft die Büros eines Bauunternehmens. „Wir gehen einem Hinweis nach, dass es Unregelmäßigkeiten bei der Verbauung von Ankern an Baustellen gegeben hat“, sagte Oberstaatsanwalt Günther Feld. Es seien umfangreiche Unterlagen sichergestellt worden. Der Hinweis habe sich aber nicht unmittelbar auf die Kölner U-Bahn bezogen, sondern auf die ICE-Strecke zwischen Nürnberg und München, an der das Unternehmen ebenfalls beteiligt gewesen sei.
„Kontrollierte Flutung“
Am Heumarkt fürchten Fachleute um die Standfestigkeit der Baustelle bei Hochwasser, weil Bewehrungseisen nicht wie vorgesehen eingebaut wurden und die Qualität der Schlitzwände wegen vermutlich gefälschter Bauprotokolle in Frage steht, Zwar kamen Ingenieure zu dem Ergebnis, dass die schon errichteten Bauten nicht, wie bislang angenommen, nur dem Druck bei einem Pegelstand des Rheins von rund vier Metern standhalten, sondern auch noch bei 6,50 Metern. Doch auch diese Marke ist für Köln nicht ungewöhnlich und könnte schon in wenigen Tagen erreicht werden, wenn das Tauwetter anhält. Fieberhaft sind deshalb Bauarbeiter am Heumarkt dabei, zusätzliche Stahlplatten und Aussteifungen an den noch freistehenden Schlitzwänden einzubringen. Hinzu kommen sogenannte Schotts. Sie sollen die Baugrube nach Norden und Süden hin abdichten und eine Flutung möglich machen. Steigt der Pegelstand über 6,50 Meter, sollen die Pumpen, die das Wasser aus der Baustelle heraushalten, umgeschaltet werden - bis der Grundwasserstand innerhalb der Grube jenem außerhalb entspricht. „Auf diese Weise würde dem von außen durch das Wasser auf die Bauwand ausgeübten Druck innen ein gleich großer Druck entgegenstehen“, erläutert ein Sprecher der Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB), die Bauherrin der U-Bahn ist. Gemeinsam mit der Stadt Köln hat sich die KVB für diese „kontrollierte Flutung“ entschieden.
Was technisch-nüchtern klingt, ist für Anwohner wie Frau Schmitgen überlebenswichtig, denn würden die Schlitzwände der U-Bahn-Baugrube am Heumarkt unter dem Wasserdruck kollabieren, bestünde die Gefahr, dass umliegende Häuser wie vor einem Jahr das Historische Archiv an der zukünftigen Haltestelle Waidmarkt zusammenbrechen. Bis spätestens Montagmorgen sollten die Sicherungssysteme am Heumarkt fertiggestellt sein. Während Frau Schmitgen noch einmal Dutzende Meter weit in den Abgrund vor ihrem Balkon hinabschaut, kommt in der sogenannten Piazetta, einem überdachten Innenhof des altehrwürdigen Rathauses, der Hauptausschuss des Kölner Stadtrates zu einer Sondersitzung zusammen.
Oberbürgermeister Jürgen Roters (SPD) demonstriert Entschiedenheit: „Ich will, dass dieses wichtige Bauwerk absolut sicher, hoch kontrolliert und ordentlich zu Ende gebaut wird, dass während der Bauzeit jederzeit ein Höchstmaß an Sicherheit für alle Anwohner und Betroffenen garantiert ist.“ Entscheidend sei, den Bürgern zu verdeutlichen, dass es bei der Stadt und der KVB nach dem Einsturz des Historischen Archivs am Waidmarkt eine „Zeitenwende“ gegeben habe. Doch zunächst müssen Roters und der Ausschuss eine weitere Wendung zur Kenntnis nehmen. War in den vergangenen Tagen schon bekanntgeworden, dass an mehreren Baustellen nur 17 Prozent der zwingend vorgeschriebenen Eisenbügel in die Bewehrungskörbe der Schlitzwände eingebaut wurden und mindestens 28 Bauprotokolle mutmaßlich verfälscht wurden, hat KVB-Vorstand Walter Reinarz eine weitere Hiobsbotschaft für den Hauptausschuss: An zwei weiteren Baustellen und damit nun schon an fünf der insgesamt acht neu entstehenden Bahnhöfe der Nord-Süd-Trasse gibt es Hinweise auf gefälschte Prüfprotokolle für Schlitzwände. „Dies stellt eine neue Qualität der möglichen Messmanipulationen dar“, sagt Reinarz. Die Staatsanwaltschaft, die schon drei Ermittlungsverfahren in der Causa Archiveinsturz und Baupfusch führt, sei umgehend informiert worden. Die Behörde weitete daraufhin ihre Ermittlungen im Pfusch-Skandal aus, die sich bislang gegen zwölf Personen richten.
„Als Bauingenieur unbegreiflich“
Oberbürgermeister Roters weist den Vorwurf zurück, seit dem Unglück am Waidmarkt sei nichts passiert. „Die jetzt aktuell diskutierten kriminellen Machenschaften an den Schlitzwänden der Nord-Süd-Stadtbahn passierten nicht im vergangenen Jahr, sondern vor vier bis fünf Jahren.“ Die in der ARGE Süd zusammengeschlossenen Bauunternehmen müssten sich fragen lassen, ob ihre internen Strukturen ausreichend darauf gerichtet sind, betrügerische Machenschaften zu verhindern, meint Roters mit Blick auf Äußerungen des Vorstandsvorsitzenden von Bilfinger Berger. Herbert Bodner hatte dem Oberbürgermeister geschrieben, der fehlende Einbau von Schubhaken in den Lamellen sei für ihn „als Bauingenieur unbegreiflich“.
Unterdessen hat Frau Schmitgen wieder eine unruhige Nacht verbracht. Angst wie etwa ihr Nachbar Miroslav Simic hat sie zwar nicht. Aber der Baulärm bis in den Morgen hinein reibe die Nerven auf. Wie Hohn wirkt das Plakat, das seit Beginn der Arbeiten am Heumarkt hängt. „Achtung, diese Baustelle wird Video-Fernüberwacht. Wir bauen mit Sicherheit.“