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Veröffentlicht: 11.05.2015, 06:38 Uhr

Tugce-Prozess Gruppenbild mit Rissen

Im Prozess um den Tod von Tugce Albayrak kristallisieren sich drei klar voneinander zu trennende Phasen des Konflikts heraus: Die Studentin hatte während dieser Nacht demnach mehrfach Kontakt mit dem Angeklagten.

von , Darmstadt
© Reuters Nebenkläger: Die Eltern der getöteten Studentin Tugce Albayrak verfolgten im Darmstädter Gerichtssaal den Prozess gegen Sanel M.

Im Prozess um die getötete Tugce Albayrak sind nun vier der zehn angesetzten Verhandlungstage vorbei. Die wichtigsten Zeugen – Freundinnen von ihr sowie Freunde des Angeklagten Sanel M. – haben ausgesagt. Besteht nun also mehr Klarheit über das, was in der Nacht auf den 15. November 2014 passiert ist und was kurz nach vier Uhr morgens mit einem Schlag endete, an dessen Folgen Albayrak letztlich starb? Antwort: ja und nein.

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Immerhin haben sich drei ziemlich klar voneinander zu trennende Konfliktphasen herauskristallisiert. Die erste Phase könnte sich, wenn man alle Zeugenaussagen nach Glaubwürdigkeit gewichtet und dann übereinanderlegt, etwa so abgespielt haben: Sanel M. und eine Handvoll Freunde haben nach ein paar Stunden in einem Offenbacher Balkan-Club Zwischenstation beim McDonald’s eingelegt. Danach wollen sie in Frankfurt weiterfeiern. Einer von ihnen – es ist nicht der Angeklagte – wird in dieser Phase im Schnellrestaurant als besonders auffällig empfunden. Das liegt daran, dass er sehr groß ist und – wie er bei seiner Zeugenaussage am Freitag bewies – ein loses Mundwerk hat. Er gehört aber auch zu denen, die vorher ordentlich getankt haben. Die Angaben der Jugendlichen über ihren Alkoholkonsum decken sich in etwa. Zusammen wollen sie zwei Flaschen Whiskey geleert oder fast geleert haben, den „Jacky“ immer mit Cola gemischt. Dazu eine überschaubare Menge an Shots. Zumindest auf der Seite der jungen Männer dürfte der Alkohol also ein Grund dafür sein, dass die Lage später außer Kontrolle geriet.

Die Freunde des Angeklagten haben vor dem Landgericht Darmstadt ausgesagt, sie gingen selten aus. Das ist glaubhaft. Denn mangels Geld – die meisten von ihnen sind aus unterschiedlichen Gründen noch immer Schüler – können sie nicht so oft den Dicken machen. Wenn, dann aber richtig. Das sieht man an den Markenklamotten, die sie in jener Novembernacht nach Angaben von Albayraks Freundinnen mit pubertärem Stolz zur Schau stellen. Vor allem zeigt das aber der Kaufpreis der Autos, mit denen sie unterwegs sind. Sanel M. etwa wird den Tatort als Beifahrer eines BMW X6 verlassen. Kurz nach den jungen Männern betreten die ersten Frauen aus der Gruppe um Albayrak den Offenbacher McDonald’s. Auch sie haben zuvor in einem Club gefeiert. Nach übereinstimmenden Angaben haben sie dort eine Flasche Whiskey bestellt, die unter etwa zehn Frauen aufgeteilt wurde. Für die einzelne bleibt da nicht viel. Auf Seiten der Freundinnen dürfte der Alkohol also eine geringere Rolle gespielt haben. Bei Albayrak wurden im Krankenhaus 0,5 Promille errechnet, beim Angeklagten ergab ein Atemalkoholtest eineinhalb Stunden nach der Tat einen Wert von 0,88 Promille.

„Du hast nicht mal drei Haare am Sack“

Im McDonald’s kommt es schnell zum ersten Kontakt der beiden Gruppen. Der erwähnte Große spricht die Frauen an, ist anzüglich, beleidigt sie womöglich, setzt sich jedenfalls zu ihnen. Die Freundinnen von Albayrak, das sieht man bei jeder Verhandlung im Zuschauerraum, legen Wert auf ihr Äußeres. Gemachte Fingernägel sind Pflicht. Ob der Große in szenetypischer Selbstüberschätzung wirkliches erotisches Interesse an ihnen hatte oder ihnen bloß dumm kommen wollte, wurde im Prozess nicht ganz klar. Jedenfalls blitzt er mit seinen vermutlich mäßig originellen, womöglich beleidigenden Sprüchen ab. Die Frauen, die älter sind als er, haben den Eindruck, er sei nicht ihre Kragenweite – ein Kind. „Du hast nicht mal drei Haare am Sack“, soll eine, die das selbst nicht für ausgeschlossen hält, gesagt haben. Nach der Abfuhr gibt es womöglich ein kleineres verbales Scharmützel – nichts Ungewöhnliches um diese Zeit in Offenbach. Wichtig ist: Die Lage beruhigt sich wieder. Das hat auch damit zu tun, dass sich die Frauen an einen anderen Tisch beim Abgang zu den Toiletten setzen – wahrscheinlich auch deshalb, weil sie den jungen Männern aus dem Weg gehen wollen.

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Bis dato haben weder Albayrak noch der Angeklagte die jeweils herausragende Rolle gespielt. Das ändert sich mit Phase zwei des Konflikts. Der Angeklagte ist zusammen mit einem Freund, der an dem Abend eher als deeskalierend auffällt, die Treppen zur Toilette hinuntergegangen. Dass halbstarke alkoholisierte Jugendliche um diese Uhrzeit die Toilette nicht nur zur Verrichtung der Notdurft nutzen, sondern auch zur sozialen Interaktion, kennen viele aus eigener Erfahrung. Auch, dass sich Männer auf den Toiletten der Frauen wiederfinden und umgekehrt, soll schon vorgekommen sein. M.s Freund will nun durch eine Scheibe im Vorraum der Damentoilette ein junges Mädchen gesehen haben. Es sitzt auf dem Boden. Der Freund macht die Tür auf, sieht, da sind zwei Mädchen. Er geht in die Toilette, M. steht offenbar im Rahmen der geöffneten Tür. Das Gespräch, das sich daraufhin entwickelt, wird unterschiedlich wiedergegeben. Die wahrscheinlichste Variante: Die Mädchen empfinden es als durchaus unangenehm, wenn auch nicht unbedingt als bedrohlich. Wobei die Wahrnehmung zweier minderjähriger Mädchen, die um diese Uhrzeit nicht wissen, wo sie sich die Nacht um die Ohren schlagen sollen, durch allerlei getrübt sein könnte – von ihrer späteren Erinnerung daran zu schweigen.

Für die jungen Männer gilt: Sie sind alles andere als harmlos, das zeigt schon ein Blick in M.s Strafregister, im Umgang mit dem weiblichen Geschlecht sind sie aber doch linkisch. Vieles in dieser Nacht erinnert an eine präpotente Ausformung des Kinderspruchs: „Was sich liebt, das neckt sich.“ Einigermaßen gesichert ist, dass die Unterhaltung (oder der Disput?) mit den Mädchen so laut wird, dass sie oben am Tisch zu hören ist. Im Unterschied zur Einschätzung manches Zeugen ist das akustisch sehr wohl möglich. Anders ist auch nicht zu erklären, dass Albayrak plötzlich – auch aus Sicht der meisten ihrer Freundinnen plötzlich – aufsteht und die Treppe zur Toilette hinuntereilt. Dort ist sie vorher schon mal gewesen, hat die Mädchen sitzen sehen und wohl auch mit ihnen gesprochen. Dass sie sie nun in Gefahr wähnt, ist demzufolge verständlich. Die Frage ist, ob sie auch mitbekommen hat, wer die möglichen Gefährder sein könnten – ob sie also innerlich eine Verbindung zur Konfliktphase eins ziehen kann und deswegen aufgebracht ist.

Konflikt eskaliert erst vor dem Restaurant

Als sie unten ankommt und die jungen Männer sieht, macht sie eine klare Ansage: „Verpisst euch.“ Gut möglich, dass M. und seine Freunde in dieser Nacht den Eindruck vermittelt haben, als verstünden sie nur diese Sprache. Klar ist aber auch, dass sich erst durch Albayraks Intervention ein fast schon physisches Wortgefecht ergibt, das heftiger ist als Phase eins. Zufällig hinzukommende Zeugen – gutgebaute Mittzwanziger – fühlen sich offenbar bemüßigt, M. und Co. zu sagen, sie sollten sich mal lockermachen. Womöglich benutzen sie dazu sogar ihre Körperkraft („in den Schwitzkasten genommen“). Es gibt Aussagen von Albayraks Freundinnen, M. sei sehr aufgebracht gewesen und habe Albayrak gedroht: „Du wirst schon sehen“ oder „Wir werden uns noch sehen“. Ob das nun stimmt oder nicht: Wichtig ist auch hier, festzuhalten, dass der Konflikt nach Phase zwei abermals abkühlt.

Die Frauen essen nämlich weiter, unterhalten sich und lachen – offenbar empfinden sie die jungen Männer nicht als so bedrohlich, dass es geboten scheint, das Restaurant auf dem schnellsten Wege zu verlassen. Erst nach einigen Minuten gehen die Frauen nach draußen. Sie nutzen die dortigen Sitzgelegenheiten, um noch eine zu rauchen. Dann folgt die dritte Phase des Konflikts. Die jungen Männer kommen aus dem McDonald’s, begegnen den vor dem Eingang sitzenden Frauen. Woran sich nun der Streit abermals entzündet, dafür gibt es bis jetzt noch keine vernünftige Erklärung. Auf Seiten der Freunde M.s mag eine Rolle gespielt haben, dass ein älterer Bekannter im ebenfalls dicken Auto vorgefahren kommt, dass sie ihm imponieren wollen und deshalb wieder mit dem Beleidigen anfangen. M.s Freunde sagen hingegen, der erste Spruch sei von den Frauen gekommen. Zwei Mikrokonflikte entwickeln sich. Eine Blonde, die von Zeugen als eine der treibenden Kräfte beschrieben wird, streitet sich mit dem Großen aus Phase eins, womöglich kommt es schon da zu einem Schlag oder Schlagversuch durch den Großen. Der zweite Mikrokonflikt: M. gegen Albayrak, mit den bekannten katastrophalen Folgen. Wie es zu diesen Konfliktlinien gekommen ist, inwieweit Phase eins und zwei dafür ursächlich sind – unklar.

Es gibt auf beiden Seiten Leute, die in dieser Nacht zumindest sich selbst im Griff haben oder sogar versuchen, ihre Freunde zu beruhigen. Leute, die sich vernünftig verhalten, weil sie wissen, dass so etwas ganz dumm enden kann – oder weil es ihnen schlicht zu peinlich ist, sich in aller Öffentlichkeit wie Vollprolls aufzuführen. In der Berichterstattung unmittelbar nach dem Vorfall ist das anders transportiert worden. Es wurde die Fiktion zweier gänzlich unterschiedlicher Gruppen geschaffen. Überspitzt gesagt: Hier die nichtintegrierten halbkriminellen Verlierer um Sanel M., dort die aufgeklärten altruistischen Akademiker um Tugce Albayrak. Wenn man den Prozess beobachtet und dabei auch das Publikum nicht außer Acht lässt, dann wird man dieses Bild zwar nicht völlig revidieren, aber doch etwas zurechtrücken müssen. Für die Beurteilung des Konflikts ist das durchaus von Belang.

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