30.08.2006 · Ein Unternehmen in Hessisch Lichtenau wetteifert mit Einbrechern. Seine Tresore müssen immer auf dem neuesten Stand sein, sonst ist später deren Inhalt in Gefahr. Um einen explosionssicheren Schrank zu bauen, benötigt es bis zu 18 Monate.
Von Claus Peter Müller, Hessisch LichtenauEin jeder hat seine Geheimnisse. Die kostbarsten trägt der Mensch in seinem Innersten. Was dort keinen Platz finden kann, will freilich auch verwahrt sein. Die Briefe des Liebsten gleiten in das Geheimfach des Schreibtischs. Das Geschmeide aber, das der Gatte schenkte, liegt im Schließfach, wenn es nicht die Fesseln oder den Nacken umschließt.
„Le Tresor“, zu deutsch der Schatz, birgt das Geld und das Käufliche. Nicht allein für Dagobert Duck ist der Panzerschrank der wahre Ort des Sinnlichen und allen Glücks. Geld und Gold machen die Besitzenden weder schön noch edel, aber sie wecken Begehrlichkeit. Sie ziehen auch jene an, die daran nicht teilhaben sollen.
Deutsche Bank ehrt Räuberbrüder
Immer schon flößten die Techniken, mit denen die Kriminellen an die Habe anderer kamen, den Zeitgenossen Angst ein. Und vielfach nötigten die Gauner der aus vermeintlich sicherer Distanz schaulustigen Öffentlichkeit Respekt ab. Sogar die Deutsche Bank ehrt die Berliner Räuberbrüder Sass in einer jüngeren Publikation mit einem Kapitel „Aus Keller und Tresor“.
Die Brüder hatten sich von einem Nachbarhaus aus einen Tunnel zum Keller der Zweigstelle der Disconto-Gesellschaft, eines Vorgänger-Instituts der Deutschen Bank, am Wittenberger Platz in Berlin gegraben. Im Januar 1929 brachen sie 179 Schließfächer auf. Die Bank bemerkte den Schaden erst Tage später.
„Berlin hat die Sensation eines Bankraubs“
Die Frankfurter Zeitung schrieb damals: „Berlins Ehrgeiz, eine Weltstadt amerikanischen Tempos zu werden, ist zu einem Teil erfüllt. Berlin hat seit einigen Tagen die Sensation eines Bankraubs, eines raffiniert ausgeführten Einbruchs in eine Tresoranlage.“
Die Deutsche Bank beugte vor. In ihrer Publikation zitiert sie aus dem Magazin „Wahre Detektiv-Geschichten“ vom 18. Oktober 1930: „Die Bank hat ihre Verbrecherkartothek und ein gewaltiges Bilder-Archiv mit den Photographien der Fachverbrecherwelt. Eine neue Errungenschaft sind die elektrischen Ohren.“ Das waren Mikrofone an den Decken der Tresoranlagen.
Beute loderte auf und zerfiel zu Asche
Respekt hat auch Udo Pawelka vor manchem Panzerknacker. Pawelka engagiert sich ehrenamtlich in der Resozialisierung. Einen der Bösewichte hat er offenbar besonders liebgewonnen. Von ihm erfuhr er vom Wirken eines Autodidakten der Metallbearbeitung. Manche Geschichten des Gestrauchelten entbehren nicht der Tragik und Komik zugleich.
Nachdem die Diebe einen Tresor mit dem Schneidbrenner geöffnet hatten, fuhr die Flamme ins Innere des Schranks, wo die Geldscheine nicht von Metallkassetten geschützt lagerten. Die Beute loderte auf und zerfiel zu Asche. Die Täter blieben zunächst unerkannt, weil der Chef der kleinen Bande professionell handelte. Als aber eine Nachbarin, die den Männern Unterschlupf gewährt hatte, begann, die Schecks aus der Beute einzulösen, flog die Geschichte auf.
Von Hessen nach Polen und zurück
Die Panzerknacker sind zwar Pawelkas Gegner, aber sie sind auch seine Abteilung für Forschung und Entwicklung. Denn Pawelka ist - neben Michael Keinert und Klaus-Dieter Apfel - einer der Geschäftsführer der Format Tresorbau in Hessisch Lichtenau bei Kassel.
Format wurzelt ursprünglich in Hessen, wanderte aber mit der Produktion nach dem Mauerfall nach Polen aus - und kehrte nun in seine Heimat zurück, wegen ihrer Qualitäten. Die Lohnkosten für gute Leute unterscheiden sich kaum mehr, obschon es an geeigneten Schweißern in Deutschland trotz der Arbeitslosenquote mangelt.
Format beschäftigt über einen Werkvertrag polnische Arbeiter, weil deutsche fehlen. Die Vorteile Deutschlands sind jedoch Präzision und Zuverlässigkeit im Arbeitsablauf sowie die Nähe zu den Märkten. Hessisch Lichtenau liegt mitten in Deutschland und Europa.
Panzerschränke inmitten der Trümmer
Das Format-Angebot reicht von der Blechkiste für weniger als 100 Euro über Tresore, an denen sich selbst Fachkräfte vier oder fünf Stunden bis zum Volldurchbruch abmühen, bis hin zu Schränken, die zwei Stunden im 1090 Grad heißen Feuer stehen, die Temperatur im Inneren auf 50 Grad begrenzen und zur Halbzeit, den Deckeneinbruch simulierend, den Absturz aus 9,50 Meter Höhe in ein Kiesbett überstehen.
Anschließend lassen sie sich auch noch problemlos öffnen. Nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York ließen sich die Panzerschränke inmitten der Trümmer noch öffnen. „Wenn es deutsche waren“, setzt Klaus-Dieter Apfel hinzu.
Schlagbohrer für Betondurchbrüche
Er ist der Ingenieur unter den Geschäftsführern. Eigentlich versteht er sich auf Feinmechanik und deren Kombination mit der Elektronik. Bis zur Wende baute Apfel in Treffurt auf der Thüringer Seite der Werra Medizintechnik. Nach der Wende wechselte er das Flußufer und das Metier. In Hessisch Lichtenau begann er bei Format Tresore zu entwickeln. Aber auch das macht ihm Freude.
„Schauen Sie sich das mal an“, sagt Apfel und startet einen Film auf seinem Computer. Das Video zeigt einen Mann in blauer Arbeitskleidung mit allem, was der Heimwerker begehrt: Hammer, Meißel, Trennschleifer, Schweißgerät, mit dem Schlagbohrer für Betondurchbrüche und der Sauerstofflanze, einem Brenner, dem wohl kein Material standhält.
„Dem macht die Arbeit auch Spaß“
Der Blau-Mann ist wie Apfel ein Ingenieur. Er arbeitet in Köln für den Verband der Schadensversicherer. In Kenntnis des Konstruktionsplanes des Schrankes, mit athletischer Figur, viel Kraft und Erfahrung im Panzerknacken macht sich der Sicherheitsingenieur an die Arbeit, Apfels Tresor zu zerlegen.
„Ja, dem macht die Arbeit auch Spaß“, sagt Apfel, während der Kollege im Film schneidet, bohrt, schweißt, meißelt und noch mehr schwitzt. Stets muß der panzerknackende Ingenieur das Werkzeug wechseln, denn Apfel hat, wie all die anderen Tresorhersteller auch, zahlreiche hartnäckige Hindernisse in der Füllung des Schrankes versteckt, um dem Gegner die Arbeit schwerzumachen.
Stahlgeflecht, das sich um den Bohrer schlingt
Die Außenwände zwischen den Stahlwänden sind mit Beton verfüllt, mit Baustahl und Edelstahlgeflecht bewehrt, dazwischen lagern Keramikteile und besonders harte oder hitzebeständige Metallverbindungen, aber auch Stahlgeflecht, das sich kräfteraubend um den Bohrer schlingt.
Jedes Material erfordert ein eigenes Werkzeug, es zu zerstören. Die Materialwissenschaftler der Kasseler Universität haben mitgetüftelt. Die Schränke sind zwar standardisiert, aber die Fertigung ist nicht für alle Schranktypen automatisiert.
„Jeden Schrank können sie aufbrechen“
Die Fabrik ähnelt einer Manufaktur, und die Baupläne werden vielfach in Abstimmung mit den Bedürfnissen des Kunden entwickelt. Denn was Tresore angeht, liefern sich Erbauer und Einbrecher einen Wettkampf. Apfel verspricht nicht die totale Sicherheit: „Jeden Schrank können Sie aufbrechen. Das ist nur eine Frage der Zeit.“
Doch um genau die geht es, denn auch hier gilt: Zeit ist Geld. Für die Blechbehälter aus dem Supermarkt hat Apfel nicht einmal ein Schulterzucken übrig. Die Leute wollen es eben. Die Tresorspezialisten nennen die Billigartikel, die meist aus China zugeliefert werden, Volkstresor.
Doch seit die vorige Bundesregierung Deutschland reformieren wollte, wurde auch für die kleinen Wertboxen der Personalvorstand der Volkswagen AG zum Namenspatron. „Hartz-IV-Tresore“ heißen sie nun, denn die Angst der Transferempfänger vor der Überprüfung ihrer Vermögensverhältnisse rief eine rege Nachfrage hervor. Reichtümer, die auf der Bank lagerten, wurden nun im Kleiderschrank versteckt.
„Am härtesten testen die Deutschen und Franzosen“
In die Sicherheitskategorien der Tresorbauer fügen sich die einfachen Schließkästen freilich nicht. Unter der Vielzahl der Normen sind die VDS- und ECBS-Klassen der deutschen Versicherer für die heimischen Hersteller die wichtigsten.
Ein Tresor, der dieser Prüfung standhalte, könne unter Umständen in Osteuropa eine oder mehrere Stufen höher bewertet werden, heißt es bei Format, denn Kompetenz und Technik der dortigen Gauner entsprechen eben nicht dem deutschen Niveau.
Auch Schränke nach amerikanischer Norm ließen sich für Europäer leicht öffnen. „Am härtesten testen die deutschen und französischen Institute“, sagt Apfel, „und die Franzosen und die Spanier testen unsere deutschen Schränke wiederum besonders hart.“
Ex steht für explosiv
Die Versicherer haben definiert, welcher Einwirkung mit welchem Werkzeug der Schrank bis zum Teil- oder Volldurchbruch standhalten muß. Daraus leiten sich die Sicherheitsklassen ab. Die Klassifikation der Sicherheitsstufen reicht von 0 bis XII Ex. Ex steht für explosiv.
Am Konzept für einen kleinen Schrank der Sicherheitsklasse I arbeitet Apfel zwei Monate, an einem Schrank der Klasse VI ein Jahr und an einem explosionssicheren Schrank bis zu 18 Monate. Für das dichtbesiedelte Deutschland reichen Schränke bis zur Stufe V aus. In den Weiten Skandinaviens aber, wo die Polizei lange Wege zurückzulegen hat und die Einbrecher in der Einsamkeit ungehört zulangen können, ist Sprengstoff offenbar das Mittel der Wahl.
Täter füllen den Tresor mit Gas
Auch Apfel ist davon begeistert. Schon Mengen von weniger als 100 Gramm Dynamit können Großes bewirken. „Beim ersten Mal flog die Tür 15 Meter weit“, sagt er über einen Versuch auf dem Testgelände der wehrtechnischen Anstalt der Bundeswehr.
Wie ein Reißverschluß öffnen sich sie Schweißnähte unter der Wucht der Explosion, während im Inneren des Tresors das teure Gut unversehrt bleibt, wenn der Räuber den Sprengstoff richtig dosiert hat.
Aus dem östlichen Europa dringt eine neue Sprengtechnik nach Westen. Die Täter füllen den Tresor mit Gas. In einer Wiener Bank sollen sie so eine mächtige Wand niedergelegt haben. Bis Salzburg sei das Verfahren schon gelangt. Format hält mit Neuentwicklungen dagegen.
Tresore in allen Filialen dieselben
Eine größere Bedrohung der Sicherheit als die Räuber sind vielfach die Betriebswirte, wenn sie am falschen Platz sparen. Apfel lobt die alten Tresore: „Sie waren im Riegelwerk besser, weil der Ingenieur den Schrank ohne den Controller entwickelte.“
Der Schaden ist groß, wenn das Sicherheitskonzept einer Ladenkette zu spärlich ausgelegt ist und eine Bande sich darauf spezialisiert hat, jene Tresore zu knacken, die in allen Filialen dieselben sind. Es gäbe Abhilfe, doch die kostet Geld.
Elektronische Daten sind oft unersetzlich
Ein Schwachpunkt, sagt Apfel, sei vielfach der Boden, in dem der Tresor verankert sei. Aber wer tausche schon die Betondecke aus, um den Geldschrank sicher zu verschrauben? Die Elektronik tritt hinzu. Für Tresore gibt es Neigungswinkel-, Ausriß- und Berührungsmelder. Wer aber schützt die Elektronik, etwa vor Feuer?
Format baut Schränke, in denen ein Computerserver einen Brand überstehen kann, denn elektronisch gespeicherte Daten sind für ein Unternehmen oft unersetzlich. Auch zu Hause, sagen die Geschäftsführer, sei der vor Feuer schützende Schrank für Zeugnisse, Rentenunterlagen und Liebesbriefe wichtiger als der klassische Tresor.
Das papierlose Klo
Neu im Programm ist der Madonnensafe, ein Geldschrank, dessen Rückseite aus einer Sicherheitsscheibe besteht, die zum Betrachter zeigt. Er eignet sich zur Präsentation von Kunst oder Schmuck. Die Idee dazu entwickelte Format in Zusammenarbeit mit der katholischen Kirche, die es leid war, daß ihr die Madonnen geraubt wurden.
Die Geschäftsführer Pawelka und Michael Keinert glauben nicht, daß ihnen die Kundschaft ausgehen wird. Die Verwaltungen in Asien etwa seien gute Kunden. Die Beamten und Angestellten brauchten die Tresore, um das Schwarzgeld sicher zu lagern.
China und die anderen asiatischen Volkswirtschaften wüchsen und mit ihnen die Sorge um die Sicherheit. Ausgeträumt seien die Visionen vom ausschließlich bargeldlosen Zahlen, vom Ende des Papiergelds und vom papierlosen Büro. Eine Welt ohne Banknoten und Dokumente sei so unwahrscheinlich wie das papierlose Klo.
Claus Peter Müller Jahrgang 1960, politischer Korrespondent für Nordhessen und Thüringen mit Sitz in Kassel.
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