07.11.2006 · Wie erkennt und bestraft man mögliche Wiederholungstäter? Sind sie automatisch Fälle für die Psychiatrie? Nicht jeder, der als Kind schlecht behandelt wurde, wird gleich kriminell. Aber antisoziale Kinder sind dreimal gefährdeter.
In einer multidisziplinären Langzeitstudie der Abteilung für Präventiv- und Sozialmedizin der Universität von Otago in Neuseeland werden rund tausend junge Erwachsene regelmäßig auf ihre psychische, soziale und gesundheitliche Entwicklung hin untersucht. Ausgewählt wurden Kinder, die zwischen April 1972 und März 1973 in der Stadt Dunedin geboren wurden. Die Durchhaltequote der Teilnehmer ist erstaunlich hoch für ein derart langfristig angelegtes Projekt.
Gut 97 Prozent der ausgesuchten Kinder kommen noch heute zu den mittlerweile in mehrjährigen Abständen stattfindenden Untersuchungen. Dazu gehören psychologische Erhebungsmethoden wie Tests, Interviews und Fragebögen. Von Interesse ist beinahe alles, was das Leben der Langzeitprobanden prägt: Amouröse Desaster, berufliche Entwicklung, Krankheiten, Depressionen und allgemeine Krisen werden dabei gleichermaßen erfaßt.
Lebenserfahrung und genetische Disposition
An die tausend Studien wurden mittlerweile über die Dunedin-Kinder publiziert. Die Forschungen reichen weit: von Untersuchungen über Korrelationen zwischen frühkindlichem Temperament und späterer Persönlichkeitsentwicklung über den statistischen, aber, wie es heißt, nicht zwingend kausalen Zusammenhang von erhöhtem Fernsehkonsum und schlechterem Schulerfolg. Bis hin zu der Erkenntnis, daß neuseeländische Kinder angeblich lieber physisch als nichtphysisch bestraft werden.
Neuere Studien suchen häufig nach den Zusammenhängen einzelner Gene und gehäuftem Auftreten eines bestimmten Verhaltens. Doch der Direktor der Studie, Richie Poulton, erinnert unermüdlich daran, daß das menschliche Verhalten wesentlich komplexer sei, als daß man einzelnen Wesenszügen einzelne Gene zuordnen könne. Neue „Verbrechergene“ könnte es also jederzeit noch geben, ohne daß ein letztgültiges identifizierbar ist.
Poulton hat aus den Lebenswegen der Dunedin-Kinder den Zusammenhang von Erbe und Umwelt für sich eindeutig und vage zugleich geklärt: Es ist immer beides. Selbst wenn man eine genetische Disposition zu gewalttätigem Verhalten besitze, seien bestimmte negative Lebenserfahrungen in bestimmten Lebensabschnitten ausschlaggebend, um tatsächlich kriminell zu werden. Gangsterkarrieren lassen sich auch in Zukunft nicht über Speicheltests an Neugeborenen vorhersagen.