30.03.2009 · Immer wieder werden Stars in Hollywood Opfer von Stalkern. Die Gesetze in Kalifornien sind zwar verschärft worden, aber die Grenze zwischen Fan und Fanatiker ist oft fließend. Einige lassen sich erst vom Richter stoppen.
Von Christiane Heil, Los AngelesNur die wenigsten dürften geahnt haben, was Steven Spielberg in der Oscar-Nacht vor zehn Jahren alles durch den Kopf ging. Als der Regisseur die goldene Trophäe für den Kriegsfilm „Der Soldat James Ryan“ entgegennahm, beschrieb er die Dreharbeiten in seiner Dankesrede als „außergewöhnlichste Zeit im Leben meiner ganzen Familie“. Tatsächlich war die Produktion selbst für Hollywood-Maßstäbe einzigartig: Omaha Beach wurde von der Normandie kurzerhand an Irlands Küste verlegt, mehr als tausend irische Soldaten als Komparsen angeheuert und die Hauptdarsteller Tom Hanks, Edward Burns und Tom Sizemore so heftig militärisch gedrillt, dass sie vermutlich heute noch die Handzeichen des Zweiten Weltkrieges beherrschen.
Albträume bereiteten Spielberg während der Dreharbeiten in Irland aber nicht historische Details oder neue Kameratechniken, sondern ein unwillkommener Besucher zu Hause in Los Angeles. Jonathan Norman, ein 30 Jahre alter Bodybuilder, war mehrfach vor dem Anwesen des Regisseurs aufgetaucht und konnte schließlich nach einer Verfolgungsjagd durch den noblen Stadtteil Pacific Palisades festgenommen werden. Was die Polizei in Normans Wagen fand, war alarmierend: ein Teppichschneidemesser, Rasierklingen und gleich mehrere Paare Handschellen, daneben noch eine Art Einkaufszettel mit Hilfsmitteln für Sadomaso-Sex. Wie Norman den Beamten erklärte, sei er von Spielberg besessen und habe ihm nachgestellt, um ihn vor den Augen seiner Familie zu vergewaltigen.
Spielberg: „Fühle mich, als sei ich die Beute dieses Mannes“
Monatelang schien Jonathan Norman dazu Informationen über den Filmemacher zusammengetragen zu haben. Neben Memorabilia von Spielberg-Filmen wie „E. T. - Der Außerirdische“ und „Jurassic Park“ entdeckten die Beamten in einem Notizbuch auch Fotos von Spielbergs Frau, der Schauspielerin Kate Capshaw, und den sieben Kindern. Selbst David Geffen und Jeffrey Katzenberg, die Partner des Regisseurs bei den Dreamworks-Studios, hatte der Dreißigjährige wochenlang mit viel Hingabe beobachtet. Als Spielberg in Irland von Jonathan Normans Obsession erfuhr, machte sich Panik breit. „Ich hatte immer wieder einige Fans, die ein bisschen heftig waren. Aber nie solche mit Handschellen, Klebeband, Messern und einem Stadtplan zu meinem Haus“, erzählte Spielberg später. „Bis heute fühle ich mich, als sei ich die Beute dieses Mannes.“ Er habe in der ständigen Angst gelebt, dass Norman ihm auch an den Set von „Der Soldat James Ryan“ nach Irland folgen würde, um sich dort als Komparse auszugeben.
Erst ein paar Monate später konnte der Filmemacher wieder aufatmen. Jonathan Norman wurde von einem Gericht in Santa Monica schuldig gesprochen, Spielberg mit seinen Taten in Schrecken versetzt und ihn „glaubhaft bedroht“ zu haben. Da Stalking in Kalifornien besonders hart geahndet wird und Norman zudem vorbestraft war, wurde der ehemalige Bodybuilder zu einer Gefängnisstrafe von mindestens 25 Jahren verurteilt. Für sein prominentes Opfer hatte er vor Gericht nur ein abfälliges Grinsen übrig.
Mindestens hundert Meter Abstand
Wenn auch nicht alle Stalker den Celebrities Gewalt antun wollen, sorgt das Phänomen des allzu ausgeprägten Starkults in Los Angeles immer wieder für Unruhe. Durch die Flut von Blogs und Klatschblättern fühlen sich viele Fans den Prominenten näher als für beide Seiten erträglich. Wer wissen möchte, wo Britney Spears ihren täglichen Pappbecher Latte kauft und in welchem Nachtclub Rihanna tanzen geht, wird dank der omnipräsenten Paparazzi und ihrer Fotos garantiert fündig. Selbst die Privatadressen vieler Stars lassen sich mit ein bisschen Recherche online herausfiltern. „Der Grat zwischen einem Fan und einem Fanatiker ist sehr schmal“, weiß Jeff Dunn, der in der Abteilung „Bedrohungsmanagement“ bei der Polizei von Los Angeles arbeitet. Gemeinsam mit den Prominenten versucht er, aggressive Stalker ausfindig zu machen und mit einer Einstweiligen Verfügung zu belegen, bevor sie ihren Opfern zu nahe kommen.
Für die Schauspielerin Jennifer Garner („Juno“) hat sich das Leben daher vor ein paar Monaten wieder entspannt. Sechs Jahre lang hatte Steven Burky die Dreiunddreißigjährige mit verschrobenen Liebesbriefen und Besuchen an ihrer Haustür oder an Drehorten überrascht. „Es vergeht fast kein Tag, an dem ich nicht über meine Liebe zu dir schreibe oder sie laut ausspreche“, ließ der Stalker die von Angst geplagte Garner wissen.
Da die Ehefrau von Ben Affleck die Zuneigung des 36 Jahre alten selbsternannten Studenten und Punk Rockers nicht erwiderte, hatte er plötzlich eine Vision. „Wegen ihres Glaubens an Jesus Christus könnte Jennifer Garner am hellichten Tag verfolgt werden“, schrieb der offensichtlich geistig verwirrte Burky in einer Mail. „Dabei könnte auch ein dunkles Geheimnis in Amerika aufgedeckt werden - die Existenz von verbotener Hexerei und Opferungen.“ Das reichte dann endlich für eine Einstweilige Verfügung gegen den Stalker. Burky muss in Zukunft einen Abstand von mindestens hundert Metern zu Jennifer Garner, Ben Affleck und den Töchtern Violet und Seraphina wahren und seine Liebesbezeugungen für sich behalten.
Mord an Schauspielerin führte zu Stalking-Gesetz
Fast ironisch mutet dagegen das Stalking-Intermezzo von Garners Schauspielkollegin Uma Thurman an. Ausgerechnet ein arbeitsloser Rettungsschwimmer drohte dem „Pulp Fiction“-Star, sich das Leben zu nehmen, wenn er sie mit einem anderen Mann sähe. Zwei Jahre stellte Jack Jordan Thurman in New York nach, schrieb wirre Botschaften und schaute manchmal mehrfach in der Woche bei ihr in Greenwich Village vorbei. Schon als Jugendlicher hatte Jordan eine sehr einseitige Beziehung zu der Schauspielerin entwickelt, als er sie in der Rolle der Venus in dem Fantasy-Film „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“ bewunderte.
Im Winter 2005 erschien der 37 Jahre alte ehemalige Psychiatriepatient dann bei Dreharbeiten in Manhattan vor Thurmans Wohnwagen - auf einer Karte den vielversprechenden Satz: „Meine Hände wollten deinen Körper ständig berühren.“ Nach der tränenreichen Aussage der Schauspielerin vor Gericht wurde ihr Stalker im vergangenen Sommer schließlich zu einer dreijährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Solange Jordan keinen Kontakt zu Thurman sucht und sich psychiatrisch behandeln lässt, darf er sie im Haus seiner Eltern absitzen.
Nicht so glimpflich wie für Garner und Thurman endete die Begegnung mit einem krankhaften Fan dagegen für Rebecca Schaeffer. Die Nachwuchsschauspielerin wartete an einem Sommermorgen 1989 in ihrer Wohnung auf das Drehbuch von Francis Ford Coppolas „Der Pate III“, als Robert John Bardo an ihrer Tür klingelte. Der Neunzehnjährige aus dem kalifornischen Nachbarstaat Arizona hatte ihr jahrelang Briefe geschrieben und vergeblich versucht, sie am Set der Fernsehserie „My Sister Sam“ mit Plüschtieren und Blumen zu überraschen.
Mit Hilfe eines Privatdetektivs gelang es ihm schließlich, die Adresse der 21 Jahre alten Schaeffer in West Hollywood herauszufinden. Wütend über eine Bettszene in dem Film „Luxus, Sex und Lotterleben“ und ihre, wie er später aussagte, hochmütige Art, tötete Bardo die junge Schauspielerin mit einem gezielten Schuss in die Brust. Kurz zuvor hatte der Stalker seiner Schwester einen unmissverständlichen Brief geschrieben: „Ich habe eine Obsession für das Unerreichbare. Was ich nicht erreichen kann, muss ich vernichten.“ Nach einem aufsehenerregenden Prozess, in dem Bardo zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt wurde, führte Kalifornien im Jahr 1990 das erste Stalking-Gesetz in den Vereinigten Staaten ein.
„Er ist nicht hier, um Herrn Cruise zu belästigen wie ein kranker Fan“
Für Celebrities wird es jedoch immer schwieriger, den verschiedenen Varianten von Stalking zu begegnen. Ist es nicht vielleicht schon eine Bedrohung für Angelina Jolie, wenn „Octomom“ Nadya Suleman sich der Hollywood-Beauty operativ nähert? Und wie lange darf ein Paparazzo Prominenten vor ihrer Villa auflauern, bevor sein Verhalten in eine juristisch relevante Obsession ausartet? Für Diskussionen sorgt in Los Angeles derzeit auch der Trend zu Stalking in Kirchen und Synagogen. Früher oder später, so viel ist sicher, sind hier Stars anzutreffen. Immer wieder pilgern daher übereifrige Fans von Tom Hanks und seiner Frau Rita Wilson zur griechisch-orthodoxen Kirche St. Nicolas nach Northridge oder in die katholische Kirche nach Santa Monica, die von Prominenten wie Gouverneur Schwarzenegger, Martin Sheen und auch Supermodel Gisele Bündchen besucht wird.
Ähnlich bizarr gestaltete sich vor ein paar Monaten der Besuch von Edward Van Tassel bei Tom Cruise. Der 28 Jahre alte Soldat, der einen Einsatz im Irak hinter sich hat, wurde gleich dreimal am Anwesen des Schauspielers in Beverly Hills vorstellig - angeblich nur, um ihm einen Brief zu übergeben. „Er ist nicht hier, um Herrn Cruise zu belästigen wie ein kranker Fan“, erklärte Van Tassels Anwalt später dem Richter. „Er möchte ihn nur von seiner Mission überzeugen, die Veteranen des Irak-Krieges zu unterstützen.“ Cruise sei eine wichtige Person im Leben des ehemaligen Soldaten, da ihn seine Filme in der Wüste begleitet hätten. Staatsanwalt Darryl Perlin mochte der Argumentation jedoch nicht ganz folgen: „Er ist eine Bedrohung. Er ist ein Stalker.“
Mikrochip des Satanskultes
Tom Cruise hat inzwischen eine Einstweilige Verfügung gegen Van Tassel erwirkt, der nun keinen Kontakt mehr zu dem Schauspieler aufnehmen darf.
Wie schon Steven Spielberg erfahren musste, kann aber auch ein Stalking-Opfer im phantasiebegabten Hollywood schnell zu einem vermeintlichen Stalker avancieren. Vier Jahre nach der Verurteilung von Jonathan Norman behauptete die Sozialarbeiterin Diana Napolis in einem 13 Seiten langen Pamphlet, Spielberg hätte ihr als Mitglied eines Satanskultes einen Mikrochip als „Seelenfänger“ eingepflanzt. Der Kult, so Napolis, würde seine dunklen Machenschaften im Keller des Regisseurs planen. Das Gericht in Los Angeles war natürlich sofort mit einer Einstweiligen Verfügung zur Stelle - gegen Napolis.