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Staatsanwaltschaft ermittelt : Skandal um Transplantationen in Essen

Die Universitätsklinik Essen stand bereits im vergangenen Jahr in der Kritik. Bild: dpa

Am Dienstag nahmen Beamte in Essen einen Transplantationschirugen fest. Der Mann soll nicht notwendige Lebertransplantationen durchgeführt haben. Die Stiftung Patientenschutz fordert ein Handeln des Gesetzgebers.

          Gerade erst war an der Universitätsklinik Essen nach einem sich lange hinziehenden Streik wieder etwas zur Ruhe gekommen, da wurde das renommierte Krankenhaus am Dienstag von einem Donnerschlag getroffen: Am frühen Morgen nahmen Polizisten Andreas P., den Direktor der Klinik für Transplantationschirurgie, fest. Auf besondere Diskretion legten die Beamten dabei keinen Wert. Die Staatsanwaltschaft Essen wirft dem 61 Jahre alten Mediziner zwei Verstöße gegen das Transplantationsgesetz, gefährliche Körperverletzung in fünf Fällen und in einem Fall sogar Totschlag vor. P. soll dafür verantwortlich sein, dass an der Klinik von 2012 bis 2015 an sechs Patienten medizinisch nicht notwendige Lebertransplantationen vorgenommen wurden.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Schon im vergangenen Jahr hatte ein Bericht der Prüfungs- und Überwachungskommission (Pük), die im Auftrag von Bundesärztekammer, Krankenhausgesellschaft und Krankenkassen die Transplantationszentren überwacht, an der Uniklinik Essen für Unruhe gesorgt. „Willentlich und systematisch“ habe man bei Lebertransplantationen gegen Richtlinien verstoßen, hieß es damals. So seien Wartelisten nicht korrekt geführt worden, auch hätten alkoholkranke Patienten eine Spenderleber bekommen, obwohl die Organempfänger nicht wie vorgesehen sechs Monate lang „trocken“ waren.

          Diesen Bericht nahm die Staatsanwaltschaft zum Anlass für eigene Ermittlungen. Dabei beauftragte sie auch einen anderen renommierten Transplantationsarzt als Sachverständigen mit der Auswertung von beschlagnahmten Krankenunterlagen. Das Gutachten führte zu dem Tatverdacht, dass man Patienten einer Transplantation unterzog, obwohl es für sie schonendere Behandlungsmöglichkeiten gegeben hätte und dass eine der medizinisch nicht angezeigten Transplantationen zum Tod des Patienten führte. Andreas P. bestreitet die Vorwürfe.

          Muss der Gesetzgeber tätig werden?

          Eugen Brych, der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, verfolgt den neuesten mutmaßlichen Transplantationsskandal aus vielfacher Hinsicht mit großer Sorge. Wenn Vorgänge wie nun in Essen bekannt würden, werde seit Jahren beteuert, es handle sich um Einzelfälle, sagt Brysch. „Aber es ist systemimmanent. Denn solange der Staat nicht die Verteilung von Lebenschancen übernimmt, stolpern wir von einem Skandal in eine anderen, und die Vertrauenskrise der Bevölkerung wird immer tiefer.“

          Als Kernproblem beschreibt Brysch, dass trotz des 1997 in Kraft getretenen Transplantationsgesetzes die genauen Regeln für die Zuteilung von Organen ungeklärt seien. Der Patientenschützer spielt damit darauf an, dass der Gesetzgeber die Konkretisierung der Regeln an die Bundesärztekammer übertragen hat. „Ich halte es für verfassungsrechtlich höchst zweifelhaft, dass bei dieser Frage der Lebenschancen nicht der Gesetzgeber entscheidet.“

          Im Essener Fall sieht Brysch auch ein Problem im Gutachten, auf das sich die Staatsanwaltschaft stützt. „Nach meinen Informationen handelt es sich beim Gutachter just um einen Verantwortlichen bei der Bundesärztekammer, der genau für diese Richtlinien zuständig ist“, berichtet Brysch. „Wenn dem so ist, hätte man also einen Gutachter beauftragt, der die Richtlinien selbst festgelegt hat. Das ist so, als würde die Legislative gleich auch noch die Aufgaben der Judikative übernehmen.“ Auch dieser Aspekt sei für ihn ein Beleg dafür, wie dringend nötig eine staatliche Regelung für die Verteilung von Lebenschancen in der Transplantationsmedizin sei.

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