Home
http://www.faz.net/-gus-7857b
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
50 plus

Skandal im Kosovo Aussicht auf einen Job in Deutschland – gegen Geld

180 Studenten kommen jährlich aus Prishtina, Kosovo, nach Deutschland. Eigentlich wollen sie Geld verdienen, doch ein Unternehmen hat daraus ein Geschäft gemacht. Und verdient nun selbst.

© AFP Vergrößern Straßenszene in Prishtina: Ein Graffito fordert die Republik Kosovo

Wer Glück hat, kellnert in einer Gaststätte oder macht in einem Hotel die Betten. Andere schuften auf dem Feld, in Fabriken oder Putzkolonnen. Schwere Arbeit, heißt es schon in der Stellenausschreibung, begrenzt auf drei Monate, Ortswünsche nicht möglich. Doch hier in Prishtina, der Hauptstadt des Nachkriegs-Landes Kosovo, zählt nur eins: Arbeiten in Deutschland.

Jedes Jahr vermittelt die Bundesagentur für Arbeit Ferienjobs an etwa 180 Studenten aus Prishtina. Das ist Aufgabe der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV), einer Abteilung der Arbeitsagentur, die auch Informatiker und Ärzte aus dem Ausland anwirbt. In diesem Fall vergibt sie Stellen, für die sich in Deutschland kaum ein Interessent fände. Im Kosovo dagegen bewerben sich jedes Jahr Hunderte Studenten. Wenn sie denn können.

Hohe Gebühr ist eine Katastrophe

Denn der Kooperationspartner der ZAV im Kosovo hat aus dem Bewerbungsprozess ein Geschäft gemacht. 105 Euro verlangte die „Arbeitsförderung Kosovo“ (AFK) in diesem Jahr für die Vermittlung. Das berichten Studenten, und es geht aus Dokumenten des kosovarischen Arbeitsministeriums hervor. Bei rund 180 Vermittlungen kämen auf diese Weise fast 20.000 Euro zusammen. Die ZAV teilt auf Anfrage mit, dass der Kooperationspartner von den kosovarischen Studenten gar keine Gebühren erheben soll. Aber die deutsche Behörde hat in den vergangenen fünf Jahren die Arbeit der AFK nicht einmal an Ort und Stelle überprüft.

Nordkosovo - Serbischstämmige Kosovaren sorgen im Nordkosovo für Spannungen, da sie sich ihren Landsleuten jenseits der Grenze zugehörig fühlen. KFOR-Truppen mit deutscher Beteiligung überwachen das kosovarische Grenzgebiet zu Serbien. © Frank Röth Vergrößern Ärmliche Verhältnisse: Wohnblocks und Stadion der kosovarischen Hauptstadt Prishtina

Für die Studenten in Prishtina ist die Gebühr eine Katastrophe. „Das ist richtig viel Geld. Wer hier überhaupt einen Job hat, verdient als Student zwischen 100 und 150 Euro im Monat“, sagt Fisnik. Er studiert im sechsten Semester Germanistik. Das Studium finanziert er sich durch die Ferienarbeit in Deutschland. Im vergangenen Jahr hat er in Wiesbaden Pakete geschleppt und Briefe ausgetragen. Ein Verwandter hatte ihm das Geld für die Bewerbung geliehen. Nach dem Sommer will Fisnik es zurückzahlen. „Ich habe keine andere Möglichkeit, nach Deutschland zu kommen.“ Deshalb habe er sich auch nicht über die hohe Summe beschwert. „Ich bin davon abhängig, dass es klappt.“

Niemand bleibt

In den Bewerbungsgesprächen bei der AFK wagte keiner der Studenten, die Prozedur in Frage zu stellen. „Wir sind immer zu zweit in das Büro“, erzählt Fisnik. Das Gespräch mit dem deutschen Mitarbeiter habe rund fünf Minuten gedauert. „Er hat gefragt, woher wir kommen, wieso wir nach Deutschland wollen. Dann hat er auf einem Formular angekreuzt, was für Arbeit wir machen können.“ Gegen zehn Euro Zusatzgebühr stellte der AFK-Mitarbeiter ein Sprachzertifikat aus. „Dann haben wir ihm das Geld gegeben.“

Die Bewerbungsgespräche finden in einem Büro des Arbeitsministeriums statt. Ein Germanistikstudent zeigt den Weg zu dem Flachbau am Rand des Stadtzentrums. Das „Migrations-Service-Center“ des Arbeitsministeriums ist im selben Gebäude. Auf einem ovalen Konferenztisch stehen mehrere Wimpel, Kosovo, Italien, Deutschland, das europäische Sternenbanner. Hafiz Leka, Chef der Abteilung für Beschäftigung im Arbeitsministerium, berichtet, bevor die erste Frage gestellt ist, über den langjährigen Erfolg der Kooperation mit der ZAV. Allerdings wird schnell klar, dass er damit zunächst nicht den Nutzen für die Studenten meint: „Bislang sind alle aus Deutschland zurückgekommen, immer pünktlich, immer freiwillig.“ Niemand habe versucht zu bleiben.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Einwanderung aus dem Kosovo Willkommen in Deutschland!

Es ist gut, dass so viele Kosovaren zu uns wollen. Denn sie sind eine Chance für uns. Jetzt ist es Zeit für deutschsprachige Schulen im Kosovo. Ein gemeinsames Plädoyer für mehr Gelassenheit und ein paar Investitionen. Mehr Von Michael Martens und Rupert Neudeck

25.02.2015, 14:36 Uhr | Politik
Hongkong Studenten boykottieren Unterricht

In Hongkong haben Hunderte Studenten für demokratische Wahlen demonstriert. Geplant ist ein einwöchiger Boykott des Unterrichts. Mehr

23.09.2014, 15:50 Uhr | Politik
Kosovos Außenminister Gerüchte über Deutschland locken die Kosovaren

Die Zahl der kosovarischen Asylbewerber in der EU ist dramatisch angestiegen. Warum aber laufen dem Kosovo die Bürger weg? Ein Gespräch mit dem Außenminister des jungen Landes, Hashim Thaçi. Mehr Von Michael Martens

19.02.2015, 14:18 Uhr | Politik
Rivalisierende Bande Wurden die 43 getöteten Studenten in Mexiko verwechselt?

Die 43 in Mexiko getöteten Studenten wurden von ihren mutmaßlichen Mördern offenbar für Mitglieder eines rivalisierenden Kartells gehalten, sagte Ermittlungsleiter Tomas Zeron. Mehr

28.01.2015, 14:54 Uhr | Gesellschaft
Flüchtlings-Diskussion Wirtschaftlich ist das Kosovo besser als sein Ruf

Die Menschen sind motiviert, aber die Arbeitslosigkeit ist hoch - das kleine Land auf dem Balkan steht vor einer Reihe von Problemen. Viele Menschen flüchten Richtung Westen. Mehr Von Christian Geinitz

15.02.2015, 20:25 Uhr | Wirtschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 04.04.2013, 16:11 Uhr

Ausraster bei den Grammys Kanye West entschuldigt sich bei Beck

Kanye West bereut seinen unglücklichen Auftritt bei den Grammys, James Bond stößt sich den Kopf, und Madonna macht Bekanntschaft mit dem Bühnenboden – der Smalltalk. Mehr 3

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden