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Sicherungsverwahrung im Mordfall Vanessa „Weitere Tötungsdelikte sind zu erwarten“

Der Mörder der zwölfjährigen Vanessa leidet unter einer starken Persönlichkeitsstörung und muss in nachträgliche Sicherungsverwahrung. Allerdings habe er Chancen, in einigen Jahren in Freiheit entlassen zu werden, so die Richter.

© dpa Der Verurteilte bei einer Tatortbegehung im Februar 2002, begleitet von einem Polizisten.

Er verbitte sich das Klatschen, ruft der Vorsitzende Richter Lenart Hoesch zornig, als spärlich Applaus aufkommt, während er sein Urteil verkündet. „Wer klatscht, verlässt den Saal.“ Zwar spricht der Vorsitzende sein Urteil im Namen des Volkes, aber Beifall wie auf dem Rummelplatz ist ihm dann doch des Volkes zu viel. In dem gesamten Verfahren hat er immer wieder deutlich gemacht, dass seine Kammer nicht das rächende Schwert sein werde, wonach die Medien riefen. Von Beginn an hatte er sich in aller Schärfe gegen Vorverurteilungen ausgesprochen und zum Teil unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt, um eine Stigmatisierung des Verurteilten durch Veröffentlichung persönlichster Details zu vermeiden. Schließlich hätte der Verurteilte auch in Freiheit entlassen werden können.

Karin Truscheit Folgen:

Warum es anders gekommen ist, führt der Vorsitzende fast anderthalb Stunden lang aus. Es ist ein Urteil, das nicht nur das Leben des Verurteilten in allen seinen Verästelungen in Betracht zieht, sondern auch die Gutachten in kleinste Details seziert. Wirklich alle Faktoren, die für und gegen den Verurteilten sprechen, wollte man gegeneinander abwägen. Am Ende sei die Kammer zu dem Schluss gekommen, dass der Verurteilte hochgradig gefährlich sei. Schwerste Gewaltstraftaten wie Tötungsdelikte seien zu erwarten. Die Kammer schließe sich dem Gutachten von Ralph-Michael Schulte an: „Das Risiko für zukünftige Tötungsdelikte liegt bei mehr als 50 Prozent.“ Daher sei die Unterbringung in der nachträglichen Sicherungsverwahrung anzuordnen. Jedoch könnte bei fortgesetzter Therapie in zwei bis drei Jahren mit Lockerungen begonnen werden. Auch eine spätere Entlassung, vielleicht in fünf Jahren, sei nicht ausgeschlossen. „Das haben Sie in der Hand.“

Persönlichkeitsstörung in der Kindheit gefestigt

Der Gefährlichkeit des Mannes liegt demnach eine Persönlichkeitsstörung zugrunde. Gewaltphantasien darüber, Menschen zu quälen und zu töten, bestimmten zu sehr sein Denken. Auch wirke sich die Tatsache, dass der Mann offenbar als Kind sexuell missbraucht wurde, negativ auf seine Prognose aus. Er sei im Vollzug immer wieder durch aggressives Verhalten aufgefallen und sei kaum fähig, dauerhafte soziale Bindungen aufzubauen.

Bindungslosigkeit ist eine der wenigen Konstanten im Leben des Mannes, der am Donnerstag unbewegt dem Urteil folgt, das kantige Gesicht fast so blass wie sein weißer Pullover. In der DDR geboren, wurde er mit sechs Jahren aus seiner Familie genommen – mangelernährt, verwahrlost. Er kam zu Adoptiveltern. Die gute Beziehung zu ihnen machte jedoch nie wieder wett, was in frühester Kindheit zerstört wurde. In der Schule als „Ossi“ gehänselt, fühlte er sich von allen schlecht behandelt. Der Unfalltod des Adoptivvaters beförderte seine negative Entwicklung, damals habe sich seine Persönlichkeitsstörung endgültig gefestigt. Während sich fortan die Adoptivmutter mit ihrem neuen Freund stritt, verließ der junge Mann nachts die Wohnung, streifte umher und schaute in die erleuchteten Zimmer der Häuser. Neben den Streifzügen bestimmten Horrorfilme sein Leben.

Vor Urteil im Vanessa-Prozess © dpa Vergrößern Mit der Totenkopfmaske (rechts) soll der Verurteilte die 12 Jahre alte Vanessa erschreckt und sie anschließend ermordet haben.

An Fasching 2002 schließlich verkleidete sich der damals Neunzehnjährige als Tod und traf sich mit Freunden in einer Gaststätte in Gersthofen. Auf der Straße versuchte er anschließend zunächst eine Studentin zu erschrecken, die ihn jedoch barsch abwies. Dann beobachtete er zwei Kinder, die in einem Wohnzimmer Fernsehen schauten. Über die Garage drang er in das Haus ein, ging in das Kinderzimmer der zwölfjährigen Vanessa G. Mit 21 Messerstichen tötete er das ihm unbekannte Kind, das im Bett lag. Dann verließ er das Haus wieder. Für den Mord an dem Mädchen wurde er zu zehn Jahren Freiheitsstrafe, der Jugendhöchstrafe, verurteilt. Die Staatsanwaltschaft hatte damals „Mordlust“ als Motiv gesehen. Eine Sicherungsverwahrung für jugendliche Straftäter gab es da noch nicht.

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