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Sexuelle Belästigung : Wie sicher sind Festivals?

  • -Aktualisiert am

Der vorerst letzte Tag auf dem Bråvalla-Festival: Nächstes Jahr soll das beliebte Festival mit 50.000 Besuchern nicht mehr stattfinden. Bild: EPA

Nachdem dieses Jahr viele Anzeigen wegen sexueller Belästigung und Vergewaltigung eingegangen sind, wird ein Festival in Schweden 2018 nicht mehr stattfinden. Auf Festivals in Deutschland gibt es für Opfer eine spezielle Codefrage.

          Nachdem in Schweden ein Festival wegen sexueller Belästigung abgesagt wurde, hat die Debatte auch Deutschland erreicht. Auch hier ist derzeit Festivalsaison und viele Deutsche wollen unbesorgt feiern. Ursprung der Diskussion war das Bråvalla-Festival im schwedischen Norrköping Anfang Juli. Dort gingen insgesamt 23 Anzeigen wegen sexueller Belästigung und weitere fünf wegen Vergewaltigung bei der Polizei ein. Im Vorjahr waren die Zahlen bereits ähnlich hoch, weshalb mehr Polizisten vor Ort waren. So konnten sich die Opfer zwar leichter Hilfe holen, weniger wurden die Vorfälle jedoch nicht. Der deutsche Veranstalter FKP Scorpio zog deshalb die Reißleine: Nächstes Jahr soll das beliebte Festival mit 50.000 Besuchern nicht mehr stattfinden.

          Auf dem Festival Southside (Bild von 2016) gab es in diesem Jahr zum ersten Mal die Sicherheitsaktion: „Wo geht’s hier nach Panama?“
          Auf dem Festival Southside (Bild von 2016) gab es in diesem Jahr zum ersten Mal die Sicherheitsaktion: „Wo geht’s hier nach Panama?“ : Bild: dpa

          Sexuelle Belästigung ist ein Problem, das nicht nur das Bråvalla-Festival betrifft. Auch auf dem gleichzeitig stattfindenden Putte i Parken Festival im Süden von Schweden gingen zahlreiche Anzeigen ein. Die Betroffenen berichten von Grapschen, Griffen in den Schritt und sogar von Vergewaltigung.

          Die Absage ist ein Statement gegen die Täter

          Eigentlich bedeuten Festivals für die Besucher ein paar Tage fröhlichen Ausnahmezustand: Das erste Bier wird vor dem Frühstück aufgemacht, beim Tanzen in der Menge kommt man sich schnell näher. Sicher sollte die Feier trotzdem sein. Mit ihrer Absage des Bråvalla-Festivals wollen die Veranstalter ein Statement gegen die Täter setzen. In Schweden wurden die Vorfälle lautstark diskutiert: Eine Komikerin schlug vor, ein Festival nur für Frauen zu organisieren. Rechte instrumentalisierten die Vorfälle, um gegen Flüchtlinge zu hetzen.

          Sängerin Jennifer Rostock auf dem Southside in Neuhausen im Juni: Eigentlich bedeuten Festivals für die Besucher ein paar Tage fröhlichen Ausnahmezustand.
          Sängerin Jennifer Rostock auf dem Southside in Neuhausen im Juni: Eigentlich bedeuten Festivals für die Besucher ein paar Tage fröhlichen Ausnahmezustand. : Bild: dpa

          In Deutschland wollen derzeit ebenfalls Tausende junge Menschen gemeinsam zelten und auf Konzerten tanzen. Kann man hier unbesorgt feiern?

          In der offiziellen Statistik sind nur wenige Vorfälle zu finden. Bei der Polizei gingen Ende Juni auf dem Hurricane-Festival 2017 vier Anzeigen wegen sexueller Belästigung sowie eine wegen Vergewaltigung ein. Die Vergewaltigung, stellte sich später heraus, hatte gar nicht stattgefunden. Im Jahr 2015 wurden zwei Fälle von sexueller Belästigung angezeigt, 2016 keiner. Rund 70.000 Menschen besuchen jährlich das Festival. Ähnlich ist es bei Rock im Park, dort gehen laut Polizei jedes Jahr ein bis zwei Anzeigen wegen sexueller Belästigung ein. Auch beim SonneMondSterne-Festivals sehen die Veranstalter keinen konkreten Anlass zu Sorge.

          Natürlich muss man bei Zahlen hinter die Fassade schauen. Gezählt werden schließlich nur Fälle, bei denen die Betroffenen auf sich aufmerksam gemacht haben. Wo sich niemand meldet, gibt es offiziell auch kein Problem. Das Festival unterbrechen, um den unangenehmen Vorfall bei der Polizei zu melden – das könnte viele von einer Anzeige abschrecken.

          Besucher könne mit Codefrage um Hilfe bitten

          Deshalb spielt auch eine Rolle, wie leicht es den Opfern gemacht wird, Anzeige zu erstatten. Außerdem meldet die schwedische Polizei die Fälle, bevor diese überhaupt untersucht und aufgeklärt worden sind. „Der offene Umgang mit dem Thema sexuelle Belästigung sowie die seit vielen Jahren stattfindende öffentliche Debatte darüber haben dazu geführt, dass schwedische Frauen sich verstärkt trauen, Vorkommnisse von nicht einvernehmlichen sexuellen Handlungen bei der Polizei zu melden“, sagt Jasper Barendregt von FKP Scorpio. Die unterschiedlichen Zahlen in Schweden und Deutschland lassen daher nicht unbedingt auf unterschiedliche Sicherheit schließen. „An sich sind Festivals überall in Europa gleich sicher“, so Barendregt.

          Die Besucher eines Festivals, wie hier dem Hurricane, sollen sicher feiern können.
          Die Besucher eines Festivals, wie hier dem Hurricane, sollen sicher feiern können. : Bild: dpa

          In Deutschland gab es bei den FKP Scorpio Festivals Southside und Hurricane in diesem Jahr zum ersten Mal die Sicherheitsaktion „Wo geht’s hier nach Panama?“ Opfer von Diebstahl, sexueller Gewalt und anderen Delikten konnten sich mit dieser Frage diskret an das Sicherheitspersonal wenden und wurden dann sofort an einen sicheren Ort gebracht. Wenn nötig, waren Sanitäter und Polizei zur Stelle.

          Andere Veranstalter zeigen ebenfalls Interesse

          Beim Hurricane meldeten sich so 31 Besucher beim Sanitätsdienst und weitere 25 bei der Gastronomie, beim Southside nutzen zwölf Besucher das Angebot und suchten Hilfe beim Sanitätsdienst. „Die Anlässe waren ganz verschieden und reichten von Frauen, die Abstand zu bestimmten Personen gesucht haben, bis hin zu Gästen, denen der Festival-Trubel einfach nur zu viel geworden ist“, so Barendregt.  

          Polizeihauptkommissar Heiner van der Werp lobt das Angebot von FKP Scorpio. Mit „Wo geht’s hier nach Panama?“ würde man Hilfsangebote einfach zugänglich machen. „Das haben wir natürlich gerne aufgenommen“, sagt er. Barendregt will das Angebot fortführen. Mittlerweile gäbe es sogar Anfragen von anderen Veranstaltern, die das Konzept ebenfalls übernehmen wollten. „Wir finden das eine gute Entwicklung“, sagt Barendregt.

          Damit wäre ein Schritt in Richtung Sicherheit gemacht. Das Konzept der Codefrage kommt aus Großbritannien und wurde von Bars in Münster adaptiert. Wer in Clubs und Bars beim Personal „Ist Luisa hier?“ fragt, bekommt schnell und unkompliziert Hilfe. Für das Konzept spricht, dass für viele Frauen so die Hemmschwelle sinkt, in einer lauten Umgebung um Hilfe zu bitten. Kritiker bemängeln, dass sexuelle Belästigung auf diese Weise tabuisiert werde. Wichtig sei vor allem, die Täter zu erreichen – und zwar schon vorher.

          Quelle: FAZ.NET

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