24.06.2010 · In Kalifornien werden Sexualstraftäter rigide verfolgt. Doch weil dem Staat das Geld fehlt, versagen die Gesetze. Die Gefängnisse sind überfüllt und Mörder kommen sogar vorzeitig aus der Haft frei.
Von Christiane Heil, Los AngelesSelten hat Kalifornien eine ähnliche Mischung aus Wut, Trauer und Ohnmacht erlebt wie in den vergangenen Monaten. Das ungute Gefühl stellte sich erstmals am Abend des 25. Februar ein, als Chelsea King aus Rancho Bernardo bei San Diego nicht vom Jogging nach Hause kam. Verzweifelt warteten die Eltern auf ein Lebenszeichen der 17 Jahre alten Schülerin und begannen noch am Tag ihres Verschwindens mit Hunderten von Freiwilligen entlang der Laufstrecke im Stadtpark von Rancho Bernardo nach ihr zu suchen. Den schwarzen BMW der Langstreckenläuferin hatten Spaziergänger bald auf einem Parkplatz entdeckt. Brieftasche und Handy waren sorgfältig darin abgelegt, als würde Chelsea jeden Moment zurückkehren. Die Polizei ließ in den Tagen danach unaufhörlich Hubschrauber über dem Gebiet kreisen, schickte Spürhunde durch das Unterholz und forderte Taucher an, die das braune Wasser des Hodges-Sees in der Mitte des Parks durchkämmten.
Auch am dritten Tag nach Chelseas Verschwinden wollte ihr Vater Brent King nicht den leisesten Zweifel aufkommen lassen, dass seine einzige Tochter wieder nach Hause kommen würde. „Wir können sie wieder holen“, sagte er den Helfern von der Ladefläche eines Kleinlasters aus. „Sie ist nicht aus eigenen Stücken verschwunden.“ Leider sollte King nur zum Teil recht behalten. Während der Suche im Stadtpark von Rancho Bernardo entdeckte das San Diego County Sheriff Department vier Tage nach Chelseas Verschwinden einen Schuh und ihre Unterwäsche. Die Spurensicherung fand auf den Kleidungsstücken DNA-Spuren, die sich John Albert Gardner, einem verurteilten Sexualstraftäter, zuordnen ließen. Während Dutzende von Suchtrupps mit mittlerweile mehr als 6000 Freiwilligen weiter den Park durchstreiften, nahm die Polizei Gardner vor einem Geschäft in Escondido, etwa 80 Kilometer von Rancho Bernardo, fest. Zwei Tage später fand die Polizei Chelseas Leichnam in einer eilig ausgehobenen Grube im Rancho Bernardo Community Park.
Fast täglich beunruhigende Details
Obwohl nur wenige Stunden später Anklage wegen Vergewaltigung und Mordes gegen Gardner erhoben wurde, zweifeln viele Kalifornier seit Chelseas Tod am Rechtssystem ihres Golden State. Fast täglich kommen beunruhigende Details über Gardner ans Licht, der eigentlich noch im Gefängnis sitzen müsste. Der 30 Jahre alte ehemalige Rettungsschwimmer hatte im Jahr 2000 ein 13 Jahre altes Mädchen aus der Nachbarschaft sexuell missbraucht und war zu einer Gefängnisstrafe von sechs Jahren verurteilt worden. Er wurde jedoch schon nach fünf Jahren entlassen, obwohl ein Psychiater ausdrücklich die Höchststrafe von mindestens zehn Jahren gefordert hatte. „Der Angeklagte leidet nicht unter einer psychotischen Erkrankung“, hieß es damals in dem Gutachten. „Er ist einfach ein niederträchtiger Mensch mit einem übermäßigen Interesse an jungen Mädchen und stellt eine Gefahr für die Allgemeinheit dar.“ Dennoch forderte die Staatsanwaltschaft nur eine sechsjährige Haftstrafe. Noch dramatischer scheint aber, wie Gardner nach seiner Entlassung immer wieder gegen Bewährungsauflagen und die jahrelang erkämpften Gesetze zum Schutz vor Sexualstraftätern verstoßen hat, ohne auch nur ein einziges Mal dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden.
„Megans Gesetz“ und das seit Monaten in Kalifornien diskutierte „Jessicas Gesetz“, beide benannt nach Opfern von Kinderschändern, wurden kaum beachtet, obwohl sie den gewaltsamen Tod von Chelsea King verhindert hätten. In Kalifornien mischt sich daher unter Wut und Trauer über den Mord an der Schülerin auch die Forderung nach schärferen Gesetzen und vor allem nach ihrer rigiden Durchsetzung. Nachdem jetzt bekannt wurde, dass die Gefängnisbehörde Gardners Akten unmittelbar nach dem Ende seiner Bewährung 2008 vernichtet hatte, forderte der Abgeordnete Nathan Fletcher eine Untersuchung zur Aktenführung in den kalifornischen Vollzugsbehörden. Als Schritt zu mehr Transparenz wies Gouverneur Arnold Schwarzenegger die Behörden an, sämtliche Unterlagen von Sexualstraftätern für unbestimmte Zeit aufzubewahren. „Es dient der öffentlichen Sicherheit, wenn alle Informationen über diese Personen verfügbar sind“, sagte Schwarzenegger.
„Kinder werden von der Politik leicht vergessen“
Wie zäh die Versuche der Politik sind, Kinder vor Übergriffen von Sexualstraftätern wie Gardner zu schützen, weiß in den Vereinigten Staaten vermutlich niemand besser als Mark Klaas. Seit seine zwölf Jahre alte Tochter Polly vor mehr als 16 Jahren entführt und später ermordet wurde, versucht Klaas, mit der von ihm gegründeten Klaaskids-Stiftung den Gesetzgeber wachzurütteln. „Da Kinder keine Wahlstimme haben“, so Klaas, „werden sie von der Politik leicht vergessen.“
Zumindest auf dem Papier hat Kalifornien seit dem Mord an Polly in Petaluma bei San Francisco Fortschritte gemacht. In dem Bundesstaat mit den meisten Sexualstraftätern in den Vereinigten Staaten kann seit sechs Jahren jeder Bürger zu Hause am Computer überprüfen, ob in seiner Nachbarschaft Sexualstraftäter wohnen. Wie in einer Reihe anderer Bundesstaaten wurde „Megan’s law“ damals nach dem Tod der siebenjährigen Megan Kanka verabschiedet, die von einem mehrfach wegen Sexualdelikten verurteilten Nachbarn vergewaltigt und ermordet worden war. Das Gesetz galt auch für Gardner, dessen Name sich vor Chelseas Ermordung tatsächlich in der kalifornischen Datenbank von Sexualstraftätern fand. Dennoch fiel niemandem auf, dass er von seinem registrierten Wohnort in der Gemeinde Lake Elsinore längst zu seiner Mutter nach Rancho Bernardo gezogen war. Das Reihenhaus von Cathy Osborne steht etwa 1,5 Kilometer entfernt von dem Stadtpark, in dem Chelseas Leichnam gefunden wurde. Da Gardner sich nicht, wie in „Megans Gesetz“ verlangt, nach seinem Umzug bei der Polizei meldete, wurden seine neuen Nachbarn auch nicht gewarnt.
Trotz negativer Prognose vorzeitig entlassen
Ähnlich verpuffte in Gardners Fall das in Kalifornien seit Monaten vieldiskutierte „Jessica’s law“, benannt nach der neunjährigen Jessica Lunsford, die im Jahr 2005 nur 100 Meter von ihrem Zuhause entfernt tagelang vergewaltigt und schließlich getötet wurde. Die im November 2006 verabschiedete Regelung in ihrem Namen sieht für Sexualstraftäter längere Gefängnisstrafen vor und verbietet ihnen, näher als 700 Meter an Schulen, Parks und anderen Plätzen zu wohnen, die von Kindern besucht werden. Beide juristische Schranken scheinen bei Gardner versagt zu haben. Trotz der negativen Prognose des Psychiaters wurde der Gewalttäter vielmehr vorzeitig aus der Haft entlassen. Wie nach Chelseas Tod bekannt wurde, hat er zudem mehrfach gegen seine Bewährungsauflagen und die 700-Meter-Regel verstoßen, ohne dafür eine Gefängnisstrafe zu verbüßen. Wäre er nach der Entdeckung der Verletzung der Pufferzone wie vorgeschrieben wieder in Haft gekommen, hätte er sich einer Evaluierung in der Psychiatrie unterziehen müssen. Als sogenannter „brutaler Sextäter“ wäre er vermutlich für den Rest seines Lebens mit einer Fußfessel mit elektronischem Ortungssystem bestraft worden.
Obwohl Gouverneur Schwarzenegger „Jessicas Gesetz“ wiederholt als wichtig für die öffentliche Sicherheit gelobt hat, zeigt Chelseas Tod auf tragische Weise, wie unausgegoren die Regelung bis heute ist. Wie das „Watchdog Institute“ feststellte, verstoßen allein im Bezirk San Diego, in dem der Leichnam der Schülerin gefunden wurde, drei Viertel aller registrierten Sexualstraftäter gegen die 700-Meter-Regel.
Überprüfung scheitert an chronischer Budgetkrise
Für die Polizei scheint es dennoch fast unmöglich, das Verbot durchzusetzen. Eine regelmäßige Überprüfung der Straftäter scheitert bereits an der chronischen Budgetkrise in Kalifornien. Die Überwachung mit den vielgelobten Fußfesseln gilt als ausgesprochen teuer, so dass nur etwa 7000 der fast 85 000 in Kalifornien registrierten Sexualstraftäter auf diese Weise kontrolliert werden. Die Polizei erwischte Gardner viermal mit einer fast leeren Batterie an seiner Fessel, ließ den als „niedrig bis mittelmäßig gefährlich“ eingestuften Sexualstraftäter aber jedes Mal laufen. Obwohl Gardner 18 Tage vor Ende seiner Bewährung im September 2008 ein weiteres Mal die Auflagen verletzte, wurde er von dem elektronischen Ortungsgerät befreit. „Solche Vergehen gelten als unerheblich“, sagte Oscar Hidalgo, Sprecher der kalifornischen Vollzugsbehörden. „Wenn wir jedem kleinen Verstoß nachgingen, würde das System zusammenbrechen.“
Chelseas Tod hat in Kalifornien über Nacht die Debatten über Mindestabstände, Fußfesseln und die Registrierung von Sexualstraftätern verstummen lassen. In Rancho Bernardo ist der Ton in den vergangenen Monaten härter geworden. Als Gardner dem Haftrichter vorgeführt wurde, protestierten vor dem Gerichtsgebäude Hunderte von Menschen und schrien: „Kastriert Vergewaltiger!“ An das Garagentor seiner Eltern hatten aufgebrachte Bürger kurz zuvor in roten Lettern die Forderung „Chelseas Blut klebt an euch, zieht aus!“ gesprüht. Als Gardner wenig später noch mit dem Mord an der 14 Jahre alten Amber Dubois und dem Überfall auf eine Joggerin in Verbindung gebracht wurde, verließen seine Eltern Rancho Bernardo.
Lebenslänglich für jeden Sexualstraftäter?
Bei der Trauerfeier für Chelsea im Stadion ihrer Schule applaudierten mehrere Tausend Menschen in einem Meer gelber Sonnenblumen, als ihr Vater dem „Bösen“ den Kampf ansagte. Zudem unterstützen Brent King und seine Frau Kelly den Abgeordneten ihres Wahlbezirks, Nathan Fletcher, auch nach der Verurteilung Gardners zu einer lebenslangen Haftstrafe vor vier Wochen weiter bei der Reform der Gesetzgebung zum Schutz von Kindern. Gemeinsam mit Fletcher waren die Kings unterdessen mehrfach in Sacramento, um dort von kalifornischen Gesetzgebern und Polizeibehörden härtere Strafen zu fordern. Ganz oben auf der Liste des geplanten „Chelsea’s law“ steht dabei die Idee, jeden Sexualstraftäter nach dem ersten Vergehen lebenslänglich einzusperren – unabhängig davon, ob es sich bei dem Vergehen um die Vergewaltigung eines Sechsjährigen handelt oder ob ein 21 Jahre alter Student mit seiner 16 Jahre alten und damit minderjährigen Freundin ins Bett geht. Dass die auf zahllosen Internetseiten schon gefeierte „one stroke“-Regel ein ebenso wenig durchsetzbares Gesetz werden könnte wie „Megan’s law“und „Jessica’s law“ scheinen die meisten Kalifornier jedoch zu übersehen: Schon heute sind die Gefängnisse des Golden State so überfüllt, dass Gouverneur Schwarzenegger Hunderte von Straftätern nach Hause schicken musste.
Wissen denn diejenigen, die generell Lebenslang fordern
Klaus Dischinger (SilvaH)
- 24.06.2010, 12:15 Uhr
Wie traurig
Andreas Kirsch (A.Kirsch)
- 24.06.2010, 12:26 Uhr
Wollen die Californier jetzt mehr Steuern zahlen,
Steffen Rupp (steffenrupp)
- 24.06.2010, 12:48 Uhr
Es ist wirklich schrecklich...
Stephan Hoppe (shoppe57)
- 24.06.2010, 12:54 Uhr
Überfüllte Gefängnisse?
Torlin Monger (TMonger)
- 24.06.2010, 12:58 Uhr