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Serienmord : Die Ängste von Ipswich

  • -Aktualisiert am

Ermittler suchen nach weiteren Leichen Bild: AFP

Der „Würger von Suffolk“ hat schon fünf Prostituierte ermordet. Er mordet in hektischer Eile. Ipswich liegt ungefähr an der Stelle, wo der sitzende englische Hase seinen Bürzel reckt. Doch auf dem Atlas der Gruselgeschichten, schreibt Bernhard Heimrich, hatte der Ort schon vorher einen Platz.

          Ipswich ist eine englische Stadt, nicht zu klein, nicht zu groß, wo immer noch jeder jeden zu kennen meint. Das macht die Ereignisse nur noch unheimlicher. Seit zehn Tagen werden in der Umgebung von Ipswich nackte Frauenleichen entdeckt. Erst eine, dann zwei, dann drei, dann vier, als sollte ein grausiger adventlicher Rhythmus nachgestellt werden. Immerhin ist die Geschichte so rätselhaft, daß man keine denkbare Erklärung abtun dürfte.

          Doch dann entdeckte die Besatzung eines Polizeihubschraubers in der Nähe des vierten Fundes schon die nächste Tote im Unterholz. Die fünf Ermordeten waren alle Prostituierte. Allmählich aber beginnen die Ipswicher sich zu fragen, wann auch andere Frauen an die Reihe kommen. Vor allem aber fragen sie sich, ob sie, ohne es zu wissen, den Würger in ihrer Mitte kennen.

          Die „Hexen von Ipswich“

          Auf dem Atlas der Gruselgeschichten hatte Ipswich schon vorher einen Platz. In der Mythologie, und sei es nur in der von Hollywood, waren da einmal die „Hexen von Ipswich“, was auf englisch viel eingängiger klingt: „Witches of Ipswich“. Gemeint aber war ein Ort in den Kolonien, Ipswich im amerikanischen Massachusetts. Viel passender, viel englischer ist die Erinnerung an eine Episode in den „Pickwickern“, in der berichtet wird, wie Mister Pickwick eine erschröckliche Affäre mit einer Dame in gelben Lockenwicklern hat. Charles Dickens war einmal Journalist in Ipswich gewesen, und er hat den Ort nicht nur aus der Phantasie gemalt. Das „Great White Horse Hotel“, wo die gelben Lockenwickler in die Literaturgeschichte geflochten wurden, ist noch offen.

          Seit zehn Tagen werden in der Umgebung von Ipswich nackte Frauenleichen entdeckt
          Seit zehn Tagen werden in der Umgebung von Ipswich nackte Frauenleichen entdeckt : Bild: AP

          Wer dieses Ipswich im Sinn hat, das nordöstlich von London ungefähr an der Stelle liegt, wo der sitzende englische Hase seinen Bürzel reckt, denkt an betuliche Aufgeregtheit des Lockenwickler-Kalibers, nicht an Hexerei. Erst recht aber dächte er nicht an den „Würger von Suffolk“.

          Weihnachtsgeschenke anschaffen

          Dabei dringt sogar in diese gräßlichen Begebenheiten ein Strahl von Vorweihnachtslicht, nur ein besonders düsterer. Das betrifft jenen Teil der Geschichte, über den wir bis jetzt Bescheid zu wissen glauben: Die ermordeten Frauen waren alle Prostituierte. Einige mag es überraschen, daß es auch in Ipswich einen Rotlichtbezirk gibt. Andere müssen es durchaus gewußt haben, denn woher sollte sonst die Kundschaft kommen. Selbst seit dem 7. November, als die Polizei zum erstenmal gesagt hatte, sie sei über das Verschwinden einer Prostituierten beunruhigt, oder seit dem ersten Fund am 2. Dezember sind die „Working Girls“ noch auf dem Strich unterwegs. Der englische Euphemismus „Working“ ähnelt dem deutschen „Anschaffen“, und das hilft auch, die Sache zu verstehen: Die Huren von Ipswich arbeiten immer noch, weil sie zu allem anderen auch noch Geld brauchen für Weihnachten. Weihnachtsgeschenke anschaffen.

          Das hatte Paula Clennell im Fernsehen gesagt. Vor ein paar Tagen hatte man sie noch bewundert, weil sie sich einem Fernsehinterview zur Verfügung gestellt hatte; heute ist sie als eine der beiden Ermordeten in den Zeitungen, die man als letzte gefunden hatte. „Warum machen Sie das?“ hatte die Journalistin gefragt. „Ich habe eine Rauschgift-Abhängigkeit zu füttern“, sagte Paula, „und ich brauche Geld für Weihnachten. Was soll ich denn sonst tun?“ Sie hatte sich allerdings eine Alarmpfeife gekauft und trug in der Handtasche einen Backstein herum als Waffe. Am entscheidenden Knick aller allzu kurzen Lebensgeschichten der Opfer spielt Rauschgift die wichtigste Rolle, oft auch die Rauschgiftsucht des „boyfriends“. Auch dieser Knick hat wieder eine Vorgeschichte gehabt während des Heranwachsens.

          Sind nur Prostituierte sein Ziel

          Doch eine der Frauen hatte ein geradezu schockierend gutbürgerliches Vorleben. Die 25 Jahre alte Gemma Adams, deren Fund am 2. Dezember die blutige Reihe eröffnete, war Enkelin eines Polizeibeamten und einer Versicherungskauffrau gewesen. Auch die 19 Jahre alte Tania Nicol, der nächste Fund am 8. Dezember, war keine Ausgestoßene; sie und ihr Bruder lebten brav daheim bei der Mutter. Anneli Alderton, 24, die am 10. Dezember auf die Liste der Mordfunde kam, wurde mit 13 Jahren süchtig und hatte seither auf der Straße „gearbeitet“. Annette Nicholls, die fünfte Ermordete, war mit 29 Jahren die älteste.

          Der Mörder hat bis jetzt nur einen Phantomnamen: „Suffolk Strangler“. Das erinnert an den „Yorkshire Ripper“ vom Ende der siebziger Jahre, wenn nicht gar an „Jack the Ripper“ zu Olims Zeiten. Da gibt es Ähnlichkeiten, aber auch Unterschiede, und vor allem diese lassen das Haar zu Berge stehen. Denn jener Peter Sutcliffe, der in Yorkshire wütete, hatte seine Taten über Jahre verübt. Der Würger von Ipswich dagegen mordet in geradezu hektischer Eile. Steht er unter einem Druck, der zu immer höherer Beschleunigung treibt? Sind nur Prostituierte sein Ziel oder Frauen im allgemeinen? Vor allem, wenn die Prostituierten mittlerweile derart von Polizisten und Journalisten umschwärmt werden? Oder sind es gar mehrere Täter? Und was für einen monströsen Kurzschluß muß er, müssen sie nur gehabt haben, mitten in Pickwickers Ipswich?

          Quelle: F.A.Z.

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