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Serienmörder Peter Kürten : Dem Vampir entkommen

Der 95 Jahre alte Hermann Mühlemeyer in seiner Wohnung in Düsseldorf – vor 87 Jahren entkam er dem Serienmörder Peter Kürten. Bild: dpa

Der „Vampir von Düsseldorf“ ermordete 1929 acht Menschen und versetzte die Weimarer Republik in Angst und Hysterie. Hermann Mühlemeyer, heute 95 Jahre alt, konnte noch fliehen.

          Es war ein warmer Sonntagmorgen im Juli 1929, als der acht Jahre alte Hermann Mühlemeyer einem der berüchtigtsten Serienmörder der Geschichte begegnete. Im Süden Düsseldorfs, wo damals noch ein Feldweg zwischen Bäumen entlangführte, kam Mühlemeyer ein elegant gekleideter Mann auf einem Fahrrad entgegen, stieg ab, zog ein langes Messer und sagte mit freundlicher Stimme: „Jetzt werd’ ich dir mal das Hälschen abschneiden.“

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft.

          Es war Peter Kürten, der „Vampir von Düsseldorf“, der die Weimarer Republik in ihren letzten Jahren in Angst und Hysterie versetzte. Und Hermann Mühlemeyer ist der einzige noch lebende Zeitzeuge des Serientäters.

          Sein Leben lang hat er Zeitungsartikel, Bücher und Filme über den Mann gesammelt, dem er vor 87 Jahren entkam. Dessen schaurige Biographie kennt er inzwischen gut. Mit neun Jahren soll Peter Kürten, Sohn eines gewalttätigen Alkoholikers, der sich an seiner Tochter verging, zum ersten Mal getötet haben. Er stieß zwei andere Kinder in den Rhein und ließ sie ertrinken. Später quälte er Tiere, würgte Mädchen, schlug sich als Einbrecher durch.

          Ein Taschentuch mit aus Blut geschriebenen Initialen

          Den ersten Mord, der ihm mit Sicherheit zugeordnet werden kann, beging er 1913 im Alter von 30 Jahren. Er war in die Wohnung von Gastwirten eingebrochen, hatte sie nach Wertsachen durchsucht und war dabei auf die schlafende neunjährige Tochter der Wirtsleute gestoßen. Mit einem Taschenmesser schnitt er ihr die Kehle durch und hinterließ ein Taschentuch mit seinen aus ihrem Blut geschriebenen Initialen.

          Wegen Diebstählen, Überfällen und Vergewaltigungen verbrachte er bis zu seinem 40. Geburtstag 20 Jahre im Gefängnis. Doch erst im Jahr 1929, im Alter von 45 Jahren, begann er seine beispiellose Mordserie und brachte innerhalb weniger Monate acht Menschen um. Seinen makabren Spitznamen bekam Kürten, weil er in Vernehmungen angab, das Blut mehrerer Opfer getrunken zu haben. Während niemand weiß, ob das wirklich stimmt, gibt es für einen anderen Vorfall Zeugen: Im Dezember 1929 schlitzte Kürten im Düsseldorfer Hofgarten einen jungen Schwan auf und trank das Blut des Tieres.

          Der Düsseldorfer Massenmörder Peter Kürten, aufgenommen 1931.
          Der Düsseldorfer Massenmörder Peter Kürten, aufgenommen 1931. : Bild: dpa

          Als er dem kleinen Hermann Mühlemeyer begegnete, sprach schon ganz Düsseldorf von dem Massenmörder. Der Junge war an diesem Tag auf einem für ihn viel zu großen Fahrrad - und daher unsicher und langsam - im Wald in Richtung Bahnschienen unterwegs. Ein älterer Freund war schon vorausgefahren. Als der sah, wie der Mann im Anzug ein Messer zog, rief er geistesgegenwärtig: „Da vorne kommt die Bahnpolizei!“

          Die Kinder durften nicht mehr in den Wald zum Spielen

          Kürten packte das Messer ein, sprang auf sein Fahrrad und fuhr im Stehen davon. In den Monaten zuvor hatte er ein neun Jahre altes Mädchen und einen 54 Jahre alten Invaliden umgebracht, weitere Mordversuche waren gescheitert. Allen war deshalb sofort klar, wer den Jungen bedroht hatte. Von nun an stand in der Nachbarschaft hinter jedem dritten Baum ein Polizist, Mühlemeyers Vater steckte sich ein Messer in den Gürtel, die Kinder im Ort durften nicht mehr in den Wald zum Spielen, erinnert sich Hermann Mühlemeyer. Die Suche nach dem Mörder trieb schon bald skurrile Blüten, an Stammtischen wurden falsche Bekennerschreiben verfasst.

          Der Moment, als Mühlemeyer das Gesicht des feinen Mannes nach dessen Verhaftung in der Zeitung erblickte, hat sich ihm ins Gedächtnis gebrannt. Knapp ein Jahr war seit seiner Begegnung mit dem Mann vergangen, in dieser Zeit hatte es sechs Morde und 30 Mordversuche gegeben. Im Text war von Kürtens „messerscharfem Scheitel“ die Rede - auch das weiß Mühlemeyer noch genau. Ebenso, dass der Mörder an jenem Sonntag vor 87 Jahren einen eleganten graumelierten Anzug trug - in einer Zeit, als viele Menschen bettelarm und sogar sonntags in Holzschuhen unterwegs waren.

          Der alte Mann erinnert sich auch deshalb so gut an all das, weil er sein Leben lang immer wieder davon erzählt hat - im kleinen Kreis. An die Öffentlichkeit gelangte seine Geschichte erst, als er kürzlich Gordian Maugg anrief, den Regisseur des biografischen Films „Fritz Lang“ über den Regisseur, der Kürtens Geschichte 1931 verfilmt hatte („M - Eine Stadt sucht einen Mörder“). Am Telefon sagte Mühlemeyer, auch wenn der Film gut gelungen sei, habe er Maugg eines voraus: Er sei Peter Kürten leibhaftig begegnet. So erfuhr Kürten-Spezialist Hanno Parmentier von Mühlemeyers Geschichte, die er für plausibel hält, und dann die „Westdeutsche Zeitung“.

          Zwei überlebende Frauen identifizierten Kürten

          Jetzt ist Hermann Mühlemeyer mit seinen 95 Jahren zum gefragten Gesprächspartner geworden. Ihm gefällt das. Klingelt das Telefon in seinem Haus im Düsseldorfer Stadtteil Hassels, wo er mit seiner Frau lebt, fängt er gleich an zu plaudern. Ob man ihn nicht einmal besuchen wolle, fragt er dann, er habe noch viel mehr Geschichten zu erzählen.

          Die sicherlich spektakulärste ist aber die von seiner Begegnung mit einem der berühmtesten Serienmörder der Geschichte. Mehr als ein Jahr nach Beginn seiner Mordserie wurde Kürten verhaftet. Zwei überlebende Frauen hatten ihn identifiziert. Seine Taten versuchte er als Rache an der Gesellschaft darzustellen: Er habe demonstrieren wollen, dass das Zuchthaus die Menschen nur noch schlechter mache. Forscher und Psychiater nehmen aber an, dass Kürten einfach ein Sadist war. 1930 wurde er zum Tode verurteilt und mit dem Beil hingerichtet. Der abgetrennte Kopf wurde untersucht. Man wollte eine Erklärung für Kürtens Grausamkeit finden. Doch das Gehirn sah aus wie jedes andere auch.

          Quelle: F.A.Z.

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