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Morde im Taunus : Nach Jahrzehnten hellen sich die Fälle auf

  • -Aktualisiert am

Auf der Suche nach Zeugen: Die Polizei zeigt am Donnerstag im Wiesbadener Landeskriminalamt Fotos des mutmaßlichen Täters. Bild: dpa

Die Polizei bringt Manfred S., den Täter von Schwalbach, mit sechs Frauenmorden in Verbindung - alle auf die gleiche sadistische Weise begangen. Hat er auch den 13 Jahre alten Tristan ermordet?

          Anfang der siebziger Jahren fing es an. Alle paar Monate verschwanden Prostituierte. Auf dem Frankfurter Straßenstrich vermutete man, sie hätten vielleicht die Stadt gewechselt oder seien untergetaucht. Bei anderen Frauen, die drogensüchtig waren, dachte man, sie hätten sich vielleicht einen „goldenen Schuss“ gesetzt. Das war schon das schlimmste Szenario. Bis man eine von ihnen fand.

          Gudrun Ebel, 19 Jahre alt. In einer karg möblierten Gartenhütte in Frankfurt wurde sie im Februar 1971 von Reitern entdeckt. Ihr Körper war auf grausame Weise mit einem Messer zugerichtet worden, der Unterbauch war vollständig geöffnet. Der Polizei war schon damals klar, dass dieser Fall außergewöhnlich ist. Doch die Ermittler kamen nicht weit. Seitdem zählte der Fall zu den „Cold Cases“ – jenen Morden, die niemals aufgeklärt worden sind.

          Leichenteile lagerten in einer Garage

          Nun, nach 45 Jahren, hellen sich die Hintergründe langsam auf. Und mit diesem Fall auch viele weitere. Gudrun Ebel, so hieß es am Donnerstag im hessischen Landeskriminalamt (LKA), ist mit hoher Wahrscheinlichkeit von einem sadistischen Serienmörder getötet worden. Möglicherweise war sie sogar sein erstes Opfer. Der Verdächtige ist Manfred S., ein Mann aus Schwalbach am Taunus, der im Jahr 2014 an einer Krebserkrankung gestorben ist. Manfred S. soll die junge Frau erst in die Gartenhütte gelockt und sich dann an ihr vergangen haben. Erst durch den Tod des Rentners sind die Ermittler dem ganzen Ausmaß seines abartigen Tötungstriebs auf die Spur gekommen. Inzwischen werden ihm etwa ein halbes Dutzend Fälle zugeschrieben.

          Angestoßen hatte die Ermittlungen das LKA. Als nach dem Tod von Manfred S. in einer von ihm angemieteten Garage Leichenteile in zwei blauen Tonnen verstaut gefunden wurden, kamen die Ermittlungen auch älterer Fälle wieder in Gang. „Aufgrund des Verletzungsbildes, das die Leiche aufwies, schien es wahrscheinlich, dass der Täter nicht zum ersten Mal gemordet hat“, sagt Urban Egert, der die Ermittlungen geleitet hat. Das LKA gründete die AG Alaska – nach dem Spitznamen, den man Manfred S. in Schwalbach gegeben hatte wegen einer Reise, die er in den amerikanischen Bundesstaat unternommen hatte.

          Aufwändige Suche nach ähnlich gelagerten Fällen

          Acht Beamte wälzten ein Jahr lang alte Akten, suchten sich Fälle heraus, die ähnlich gelagert waren. Fälle, in denen die Opfer junge Frauen waren, die in der Regel aus dem Frankfurter Prostitutiertenmilieu stammten. Die Beamten stießen auf eine Vielzahl an Fällen. Die Masse an Delikten überwältigte sie.

          In einem aufwändigen Verfahren sortierten sie die Morde nach Verletzungsbild und Tatverlauf. Manche sortierten sie aus, andere kamen in die engere Wahl. Am Ende blieb etwa eine Handvoll an Fällen übrig, von denen die Ermittler inzwischen überzeugt sind, dass sie Manfred S. begangen hat.

          Der Täter, der nach bisherigen Erkenntnissen allein gemordet hat, ist jedes Mal auf die gleiche Weise vorgegangen. Er würgte seine Opfer und misshandelte sie. Als sie tot waren, trennte er ihnen Körperteile ab oder entnahm ihnen Organe. Er handelte offenbar aus einem abartigen sexuellen Trieb. „Wir haben es mit einer speziellen Form des sexuellen Sadismus zu tun“, sagt Mordermittler Frank Herrmann.

          Polizei sucht öffentlich nach weiteren Hinweisen

          Und noch ein Verdacht drängte sich den Beamten auf: dass Manfred S. nicht nur die Frauen auf diese Weise tötete, sondern in mindestens einem Fall auch ein Kind. Die zugefügten Verletzungen an den weiblichen Leichen ähnelten fast bis ins Detail denen an der Leiche des Frankfurter Schülers Tristan Brübach. Auch dem damals Dreizehnjährigen wurden Fleischstücke aus dem Oberschenkel entnommen, und ihm wurde ein Hoden abgetrennt. „Wir schließen aufgrund dessen nicht aus, dass auch Tristan Brübach dem Verdächtigen zum Opfer fiel“, sagt Hermann. „Auch, wenn der Junge nicht in das sonst eher einheitliche Opferschema passt.“

          Das trifft dafür umso genauer auf die anderen Frauen zu, die Manfred S. nach den Erkenntnissen mit ziemlicher Sicherheit getötet hat. Außer Gudrun Ebel wohl auch Hatice Erülkeroglu, die im selben Jahr ums Leben gebracht worden war. Außerdem noch Dominique Monrose und Gisela Singh. Auf seinem Computer fanden die Beamten 32.000 Bilddateien, die dieselbe sadistische Vorgehensweise zeigen, wie sie später an den Leichen entdeckt wurden. Dazu gehörte, Teile aus dem Körper herauszutrennen, nach den Worten der Ermittler auch aus „sexuell relevanten Bereichen“, und sie als Trophäen mitzunehmen.

          Das LKA arbeitet weiter an dem Fall. In einer Mitteilung wird die Öffentlichkeit seit Donnerstag nach möglichen Hinweisen befragt: „Sind Kontaktpersonen zu Manfred S., insbesondere aus Wehrdienst- oder Bundeswehrzeiten, während der Ausbildungszeit oder Berufstätigkeit, im Rahmen eines Studiums sowie aus einer Entzugsklinik „Sonnenberg“ in Erbach/Odenwald bekannt oder kennen Sie Manfred S.? Können Sie Angaben zu sexuellen Präferenzen von Manfred S. machen, beispielsweise im Rahmen der Prostitutionsausübung oder aus der SM-Szene, einschlägiger Foren oder ggf. gar Sadisten-Szene? Können Sie Angaben zu angemieteten oder zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten von Manfred S. machen? Können Sie Angaben zu genutzten oder zur Verfügung stehenden Fahrzeugen von Manfred S. machen?“ Und das sind nur einige der Fragen. Der Fall so viel scheint klar, ist längst noch nicht abgeschlossen.

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