05.07.2004 · Der geständige Serienmörder Michel Fourniret hat Beamte zu zwei Leichen geführt, die er verscharrt hat. Seine Frau hat offenbar bei der Entführung der Mädchen eine größere Rolle gespielt als bisher angenommen.
Auch nach dem Fund der sterblichen Überreste von zwei Opfern sind Ausmaß und Umstände der Verbrechen des mutmaßlichen Serienmörders Michel Fourniret am Sonntag noch undeutlich geblieben. Verdichtet haben sich dagegen die Hinweise darauf, daß seine ebenfalls inhaftierte Ehefrau Monique Olivier zumindest bei der Entführung mehrerer Opfer eine aktive Rolle gespielt haben dürfte.
Stärker in den Vordergrund des Interesses rückte am Sonntag in Belgien das ungeklärte Schicksal eines Kindermädchens, das 1993 im Haushalt des Ehepaars gearbeitet haben soll. Die damals 16 Jahre alte Jugendliche soll nach Darstellung der Ehefrau von Fourniret ermordet worden sein. Ihren Leichnam habe er in der Umgebung des damaligen südbelgischen Wohnorts Sart-Custinne vergraben. Fourniret bestreitet die Tat.
"Puzzle-Arbeit"
Mysteriös ist dieser Fall auch, weil derzeit nur bekannt ist, daß das Mädchen aus dem Großraum Brüssel gekommen sein und gut Französisch gesprochen haben soll. Außerdem hat es zum fraglichen Zeitpunkt keine entsprechende Vermißtenanzeige gegeben. Cedric Visart de Bocarme, der zuständige belgische Staatsanwalt im wallonischen Namur, betrachtet das Mädchen dennoch als eines von mindestens zehn Opfern Fournirets.
Das Interesse der Ermittler richtet sich offenbar besonders auf die Jahre von 1993 bis bis 2000. Für diesen Zeitraum hat der schon in den sechziger und in den achtziger Jahren verurteile Triebtäter offenbar keinerlei Morde zugegeben. "Ich muß sagen, daß das niemand glaubt", sagte Visart de Bocarme am Sonntag im belgischen Fernsehsender RTBF.
Staatsanwalt Yves Charpenel aus dem französischen Reims sprach von einer "Puzzle-Arbeit", bei der es um das Ausfüllen von Lücken gehe. Er schloß auch nicht aus, daß es in Frankreich weitere Grabungsarbeiten geben werde. Als wahrscheinlich gilt, daß der von der Brüsseler Zeitung "La Derniere Heure" am Sonntag als "Ardennen-Monster" bezeichnete Fourniret in seine französische Heimat ausgeliefert wird.
Zwischen 1993 und 2000 mehrfach straffällig geworden?
Berichte belgischer Medien vom Wochenende legen die Vermutung nahe, daß der erst im Juni vergangenen Jahres nach der unweit von Namur mißglückten Entführung eines 13 Jahre alten Mädchens festgenommene Fourniret auch zwischen 1993 und 2000 mehrfach straffällig geworden sein soll. Genannt wurden Übergriffe gegen die Angestellte eines Tierfrisiersalons in Namur (1995), die versuchten Entführungen einer Krankenschwester in Brüssel (1994) sowie einer 20 Jahre alten Frau in der Provinz Namur (2001) und eines neun Jahre alten Mädchens in der belgischen Provinz Luxemburg (2002).
Berichtet wurde ferner, daß jetzt niederländische und deutsche Behörden in mehreren Fällen verschwundener Jugendlicher mit den belgischen Behörden Kontakt aufgenommen hätten. Sogar die dänische Polizei hat sich gemeldet: Ein elf Jahre altes Mädchen war 1999 auf der Insel Falster vergewaltigt worden, und der Täter versuchte, es zu ermorden; ein Phantombild aufgrund von Aussagen eines deutschen Zeugen ähnele Fourniret.
"Da haben Sie nicht tief genug gegraben."
Bei den Grabungsarbeiten auf seinem früheren Landschlößchen "Chateau du Sautou", das in der Nähe von Sedan liegt, gab Fourniret gemeinsam mit seiner Frau präzise Hinweise auf die verscharrten Leichen. Am Samstag abend fand man dort die sterblichen Überreste der französischen Studentin Jeanne-Marie Desramault und der belgischen Schülerin Elisabeth Brichet. Beide Opfer waren 1989 entführt und auf dem Grundstück in den französischen Ardennen vergraben worden.
Obwohl bis zu der förmlichen Identifizierung durch ein gerichtsmedizinisches Institut in Bordeaux noch mehrere Tage vergehen dürften, bestehen dazu keine Zweifel mehr. So berichtete Staatsanwalt Visart de Bocarme, daß neben Kleidungsstücken auch der Personalausweis der zum Zeitpunkt zwölf Jahre alten Elisabeth gefunden worden sei. Fourniret habe präzise Hinweise bei den Baggerarbeiten gegeben, aber keine Emotionen gezeigt. Bei der Suche nach den schließlich in mehr als drei Metern Tiefe entdeckten Überresten von Jeanne-Marie Desramault habe er gesagt: "Da haben Sie nicht tief genug gegraben."
Perfides Vorgehen
Offenbar tiefer in die Verbrechen Fournirets verstrickt als zunächst angenommen dürfte seine Ehefrau Monique Olivier sein. So soll sie die damals 22 Jahre alte Studentin Desramault in Charleville-Mezieres in einen Hinterhalt gelockt haben. Noch perfider ist das Ehepaar bei der Entführung von Elisabeth Brichet vorgegangen. Das Mädchen soll vier Tage vor Heiligabend 1989 unter dem Vorwand der Suche nach einem Arzt für das angeblich erkrankte Kleinkind des Ehepaares angesprochen worden sein. Es sei arglos in das Fahrzeug eingestiegen und entführt worden.
Francis Brichet, der Vater des Mädchens, sagte am Wochenende: "Ich bin froh und erleichtert, daß wir jetzt endlich wissen, was passiert ist." Am Sonntag empfingen das belgische Staatsoberhaupt König Albert II. und Königin Paola den sichtlich von der Ungewißheit der vergangenen 15 Jahre gezeichneten Mann zu einem Gespräch auf Schloß Laeken.