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Veröffentlicht: 07.04.2014, 07:29 Uhr

Selbstjustiz in Argentinien „Bringt ihn um, dann macht er keinen Scheiß mehr“

Argentinien leidet unter zunehmender Kriminalität, und die Polizei ist entweder überfordert oder korrupt. Inzwischen häufen sich Fälle von brutaler Selbstjustiz, die selbst Unschuldige trifft.

von , Buenos Aires
© picture alliance / Demotix Vergangenen November kam es in einem Armenviertel in Buenos Aires zu Zusammenstößen mit der Polizei – die Bewohner beschuldigten sie, einen örtlichen Drogenring zu beschützen

Brutal schlagen zwei junge Männer auf den 18 Jahre alten Hilfsarbeiter David Moreira ein, der gerade einer schwangeren Frau die Handtasche entrissen hat. Nach zwei Tagen erliegt der Taschen-Dieb in einem Krankenhaus der argentinischen Stadt Rosario seinen schweren Verletzungen. „Das sind keine Menschen, sondern Tiere“, sagt die Mutter des Gelynchten. „Er hatte sich nie zuvor etwas zuschulden kommen lassen.“ Statt ihn zusammenzuschlagen hätten die Männer, die ihn dingfest machten, der Polizei übergeben müssen, meint die Frau. Doch die argentinische Polizei ist entweder überfordert oder selbst in kriminelle Machenschaften verwickelt. Die Justiz kommt mit der Strafverfolgung nicht nach oder ist selbst erpressbar geworden. Den Tätern drohen immerhin Strafen zwischen acht und 25 Jahren wegen Mordes. Doch es ist fraglich, ob sie je hinter Gitter kommen.

In jüngster Zeit kam es in Argentinien zu mehr als einem Dutzend Fällen von Selbstjustiz aufgebrachter Bürger, die aus Wut, Hilflosigkeit oder Verzweiflung gegenüber der wachsenden Gewalt einen Dieb oder Räuber auf frischer Tat ertappt und ihn auf ihre Weise „bestraft“ haben: mit körperlichen Attacken. Denn auch die Kriminellen werden immer brutaler: Immer häufiger bleibt es nicht bei bloßem Diebstahl. Selbst ein leitender Agent der Polizei-Elite-Einheit „Halcón“ (Falke) wurde jetzt Opfer, als er in der Nacht sein Auto in seine Garage fuhr. Bei derartigen Angriffen kommt es immer wieder zu Schießereien. Wegen der angespannten Sicherheitslage hat der Gouverneur der Provinz Buenos Aires, Daniel Scioli, für ein Jahr den „Sicherheitsnotstand“ verhängt. Damit soll es der Polizei ermöglicht werden, rascher einzugreifen. Außerdem sollen die Sicherheitskräfte verstärkt werden.

Anhänger der Regierung machen die Medien verantwortlich

An vielen Orten greift derweil die Lynchjustiz um sich. In dem Stadtviertel Palermo von Buenos Aires wurde vor kurzem ein Mann niedergeprügelt, der einer Frau die Handtasche entwendet hatte. Als er bereits auf dem Boden lag, traktierte der Mob ihn noch mit Fußtritten auf den Kopf. „Bringt ihn um, dann macht er keinen Scheiß mehr“, rief einer der Umstehenden. Passanten, die auf den Delinquenten losgingen, hatten zuvor darüber diskutiert, ob sie ihn gemeinsam oder einzeln mit Tritten traktieren sollen. Auch der Mann der Bestohlenen beteiligte sich an der „Bestrafung“ des Delinquenten. „Dieser Hurensohn hat meiner Frau die Handtasche gestohlen.“ Nach dem Eintreffen der Polizei wurde der Täter, der zum Opfer geworden war, mit schweren Verletzungen in ein Krankenhaus gebracht. „Nicht mal einen Hund versucht man auf eine solche Art zu töten“, sagte hinterher der Mann – ein Hausmeister –, der den Räuber gefasst und ihn nach eigenem Bekunden vor dem Mob zu schützen versucht hatte.

Auch in Rosario liegen die Nerven blank. Die drittgrößte Stadt Argentiniens hat sich in den vergangenen Monaten zu einer Kapitale der Kriminalität und des illegalen Rauschgifthandels entwickelt. So auch lässt sich erklären, dass schon mal Unschuldige angegriffen werden. Erst vor ein paar Tagen wurden zwei Männer von Taxifahrern zusammengeschlagen, die sie fälschlicherweise für Diebe gehalten hatten. Die beiden Opfer (22 und 24 Jahre alt) hatten geglaubt, die Taxifahrer wollten ihnen ihr Motorrad rauben.

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