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Newtown Kämpfen gegen die Finsternis

 ·  Nach dem Amoklauf befindet sich Newtown im Ausnahmezustand. Die Einwohner trauern - und kämpfen schon um den Ruf der Stadt.

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© REUTERS Stilles Gedenken: An der Straße zur Grundschule von Sandy Hook in Newtown

Normalerweise ist Newtown eine kinderfreundliche Stadt. Gleich zwei Spielzeugläden gibt es an der Church Hill Road, die als eine Art Hauptstraße des Ortsteils Sandy Hook fungiert. An der Straßenkreuzung der Ortsmitte steht ein mit roten und grünen Lampen beleuchteter Weihnachtsbaum. Unweit davon hat kürzlich eine Eisdiele aufgemacht, die „Heaven“ heißt. Fährt man über die Kreuzung nach Osten, erblickt man hinter einem Hügel, kurz vor der Feuerwache, am Straßenrand ein blütenweißes Schild, das an einem Holzpfosten hängt. Es markiert die Abzweigung zur Schule von Sandy Hook und ihr Gründungsjahr 1956. „Besucher willkommen“ steht darauf.

Dieses Schild ist nach dem Massaker an der Grundschule zu einer Art Heiligtum geworden. Jemand hat weiße Luftballons, einen Kranz und ein Paar weiße Engelsflügel daran befestigt. Es gibt Kerzen und einen großen weißen Teddybären, auf dessen Bauch mit Filzstift „Ruhe in Frieden“ gekritzelt wurde. „Das ist eine liebevolle Stadt“, sagt die Schulbusfahrerin Nancy, die am Samstagabend mit ihren Mann zu dem Mahnmal gepilgert ist. „Es gibt hier nur wenig Verbrechen. Niemand hat gedacht, dass so etwas in dieser Stadt passieren würde.“

Was am Freitagmorgen in dieser Stadt passiert war, hatte am Samstag H. Wayne Carver, der Chef-Gerichtsmediziner des Bundesstaates Connecticut, erläutert. Die zwanzig Kinder und sechs Erwachsenen, die am Freitag in der Grundschule von Sandy Hook starben, wurden alle von mehr als einer Kugel getroffen, sagte er. „Ich glaube, sie waren alle Erstklässler.“ Carver, ein bulliger Mann mit Glatze, weißem Vollbart und offenem weißen Kittel, rang zeitweilig um Worte. „Ich mache das seit einem Dritteljahrhundert, aber es ist wahrscheinlich das Schlimmste, was ich bisher gesehen habe“, sagt er.

Die Kinder waren alle zwischen sechs und sieben Jahre alt. Der Täter, der 20 Jahre alte Adam Lanza, der sich am Tatort selbst erschoss, habe vor allem ein halbautomatisches Gewehr benutzt, berichtete Carver. Wenn die Kinder gelitten hätten, dann nicht sehr lange. Angemeldet war die Waffe wie die beiden Pistolen, die Lanza bei sich trug, auf Lanzas Mutter, die in ihrem Haus in Newtown ebenfalls erschossen aufgefunden worden war.

Für die guten Schulen bekannt

„Wir waren alle geschockt“, sagt die 16 Jahre alte Eleanore Ress, deren Oberschule am Freitag sofort abgeriegelt wurde, als die ersten Nachrichten von der Schießerei an einer Schule die Runde machten. „Es ist eine kleine Stadt, jeder kennt hier irgendjemanden, der direkt davon betroffen ist“, fügt ihre Mutter Karen mit stockender Stimme hinzu. Die Stadt, nur anderthalb Autostunden nordöstlich von New York, sei in den vergangenen Jahren aber stark gewachsen. „Nach dem 11. September sind viele Leute aus New York in den Norden gezogen“, sagt sie. Die Familie Ress war selbst erst kurz vor den Terroranschlägen im August 2001 aus Kalifornien nach Newtown gekommen. Attraktiv sei die Stadt wegen ihrer guten Schulen.

Newtown hat wohlhabende Anwesen. An der Pearl Street verlieren sich beleuchtete Rentiere und Schneemänner in weitläufigen Vorgärten. Manager von amerikanischen Großkonzernen wie General Electric, für den auch der Vater des Amokläufers arbeitete, IBM oder Pepsico wohnen in Newtown. Die Unternehmen haben in der Region ihre Hauptverwaltungen. Nun fragt sich Karen Ress wie so viele hier, warum der Täter, der bei seiner Mutter in einem ganz ähnlichen Haus wohnte, ausgerechnet die Grundschule von Newtown ausgewählt hat. Erste Meldungen, die Mutter habe dort als Erzieherin gearbeitet, wurden später wieder dementiert. Es ist nicht klar, ob der Täter selbst einmal die Schule besucht hat. Eine Antwort hat Ress nicht, noch nicht mal einen Verdacht. „Es ist so sinnlos.“ Aber sie glaubt, dass es in Amerika viel zu leicht sei, an Waffen zu kommen. „Wir brauchen schärfere Waffengesetze. Das könnte endlich der Wendepunkt sein.“

Präsident Barack Obama, der Newtown am Sonntag besuchen wollte, hatte am Freitag zwar gesagt, dass es in Amerika in den vergangenen Jahren zu viele dieser Tragödien gegeben habe. Dazu hat er „wirkungsvolle Maßnahmen“ angemahnt. Aber selbst angesichts eines Blutbades an einer Grundschule ist es in Amerika keine Selbstverständlichkeit, dafür den leichten Zugang zu Schnellfeuergewehren verantwortlich zu machen. „Hören Sie mir mit Obama auf. Ich glaube an das Recht auf Waffenbesitz“, sagt der 48 Jahre alte David Dorsa, der in Connecticut für eine Behörde arbeitet. „Ich besitze acht Pistolen“, sagt er. Wenn jemand eine Pistole gehabt hätte, wäre das Massaker vielleicht verhindert worden. Dorsa wohnt eine halbe Stunde von Newtown entfernt und hat eine 13 Jahre alte Tochter. Er ist am Samstagabend in die Stadt gekommen, um einen Strauß weißer Blumen für die Opfer niederzulegen. Als er zu seinem Auto zurückgeht, wischt er sich – wie Obama bei seiner Fernsehansprache am Freitag – Tränen aus den Augen.

Der Strom der Menschen, die zu den Mahnmalen von Sandy Hook kommen, reißt am Samstag nicht ab. Auf den Einfallstraßen staut sich der Verkehr. Kinder sind kaum auf der Straße an diesem Abend. Nur ein Vater macht mit seinem achtjährigen Sohn vor den Blumen und den Spielzeugtieren halt.

Wer keine Blumen in der Hand hält, macht Fotos. Auch an der Church Hill Road reihen sich die Übertragungswagen der Fernsehsender. Auf Parkplätzen haben Fernsehreporter Stellung bezogen. In allen Restaurants sitzen Reporter mit Notizblöcken und Laptops. Kaum jemand entkommt den Mikrofonen und den Kameras. „Es ist wie im Zoo“, sagt der Fahrer eines Fernsehteams. Aber die Bewohner von Newtown geben bereitwillig Auskunft. Sie wollen nicht, dass der Name der Stadt zu einem Synonym für Massenmord wird – wie Columbine oder Aurora.

An der Ausfahrt zur Autobahn hat sich einsam eine Frau mit einem Transparent postiert: „Ich bin Liebe – Ich bin Newtown“ steht darauf. Sie halte eine Mahnwache, um „Liebe und Licht zu versenden“, sagt die Mittvierzigerin. Auch bei ihr stehen Reporter Schlange. Sie nimmt es hin. „Ich will nicht, dass diese Stadt, meine schöne Stadt, für Finsternis bekannt wird.“

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Jahrgang 1965, Finanzmarktkorrespondent in New York.

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