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Nach dem Amoklauf Keine Waffen – keine Massaker

Aus psychiatrischer Sicht sind Amokläufer oft von Minderwertigkeitskomplexen bestimmt. Die Hauptursache sei aber die Verfügbarkeit der Waffen, sagt Psychiater Freisleder.

© dapd Vergrößern „Mit einer Waffe, die ich nicht habe, kann ich auch kein Massaker anrichten“

Auch wenn noch nicht viel bekannt ist über die Motivlage des Täters von Newtown - nach Einschätzung von Fachleuten fallen Massenmorde wie dieser nicht vom Himmel. Es gebe oft eine Vorgeschichte von Zurückweisungen, psychischen Störungen und subjektiv empfundenen Benachteiligungen, die junge Männer dann in letzter Konsequenz zu Waffen greifen lassen, sagt Franz Joseph Freisleder, ärztlicher Direktor am renommierten Heckscher Klinikum für Kinder- und Jugendpsychiatrie in München. So ist es immer eine Verkettung von vielen ungünstigen Umständen, die besonders in der Adoleszenz junge Männer zu dem Schluss kommen lassen, es nun für alle Zeiten „allen einmal zeigen“ zu wollen.

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Doch Freisleder, der in dem Verfahren wegen des Mordes an Dominik Brunner und in dem Prozess gegen die sogenannten U-Bahn-Schläger in München als Gutachter bestellt war, sieht auch eine zeitliche Häufung der Taten innerhalb der letzten zehn bis 15 Jahren. Das sei sicherlich auch auf die übergroße mediale Präsenz dieser Ausnahmetaten zurückzuführen. „Gerade Jugendliche, die sich immer mehr von der Gesellschaft im täglichen Leben zurückziehen, halten über die Medien Kontakt zur Welt - und suchen dort ihre Bestätigung.“ Alle Täter in vergleichbaren Massakern seien offenbar gescheiterte Existenzen mit großen Minderwertigkeitskomplexen gewesen, unbedeutend innerhalb ihrer normalen Lebenssituation.

Nährboden für Gewalttaten

Die Taten geben ihnen nun schlagartig eine enorme Aufmerksamkeit auf der ganzen Welt - auch über ihren Suizid hinaus. So schildert Freisleder, dass nach dem Amoklauf von Winnenden in seiner Klinik plötzlich zahlreiche junge Männer eingewiesen wurden, die entweder in Gesprächen oder per Mail mit ähnlichen Taten gedroht hatten, nach dem Muster: „Wenn ihr das nicht macht, dann knall’ ich alle ab.“ Diese Jugendlichen, die oft an einer depressiven Störung litten, hätten mit solchen Äußerungen vor allem Aufmerksamkeit erzeugen wollen. Wie ernsthaft die Pläne gewesen seien, lasse sich schwer sagen. „Wir sind froh, dass wir sie behandeln konnten.“ So habe auch der Täter von Winnenden eine depressiv-suizidale Vorgeschichte gehabt.

Allerdings sprach die Polizei bereits davon, dass sie "einige sehr gute Hinweise" auf das Motiv des Täters habe. Artikel.Text Video starten $fazgets_pct
© reuters, Reuters Vergrößern Amoklauf in Newtown: Tathergang klar, Motiv bleibt unklar

In der Regel sind es junge Männer, die diese Taten begehen. Männer neigen nicht zuletzt wegen hormoneller Dispositionen dazu, auf Zurückweisungen durch aggressives Verhalten zu reagieren. Das zeigen nicht nur Amokläufe, sondern auch Familiendramen. Rudolf Egg, Direktor der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden, ergänzt, zumeist sei der Griff zu Waffen ein Zeichen mangelnden Selbstwertgefühls. „Da ist die Waffe dann das Symbol für Männlichkeit.“ Männer richteten ihre Aggressionen, die aus Enttäuschungen resultieren, oft gegen andere und nicht gegen sich selbst, wie es bei Frauen meist der Fall ist. Doch auch bei den Mädchen registriert die Forschung seit etwa zehn Jahren eine Tendenz zur zunehmenden Gewalttätigkeit.

Wenn nun mehrere Faktoren zusammenkommen - Liebeskummer, schulische Probleme oder Ärger mit Freunden und Eltern sowie Gefühle tiefer Kränkung - und der Jugendliche nicht gefestigt genug ist, um mit diesen Schwierigkeiten fertig zu werden, kann das der Nährboden für Gewalttaten sein. „Wenn dann Waffen leicht greifbar sind und der Umgang mit diesen sogar schon erlernt, ist die Hemmschwelle eher gering“, sagt Freisleder.

Die Waffen gaukeln Stärke vor

Action- und Horror-Filme oder Ego-Shooter-Spiele wirken hier verstärkend. „Doch man kann nicht nur den Computerspielen die Schuld geben.“ Vielmehr suggerieren die Filme, dass mit Waffengewalt Probleme gelöst werden können. „Die Täter identifizieren sich dann schnell mit den vermeintlichen Helden, die für eine ,gerechte Sache’ das Gesetz und die Waffe selbst in die Hand nehmen. Und was die gerechte Sache ist, das bestimmen dann die jungen Männer.“ Die Grausamkeit und Unerbittlichkeit, die gerade bei dem Amoklauf von Newtown so erschüttert, könnte ein Hinweis darauf sein, dass der Täter die Bezüge zur Realität längst hinter sich gelassen hat. „Dass die Welt sich gegen ihn verschworen hat, rechtfertigt in seinen Augen alles. Jegliche Empathie und jedes Mitgefühl wird auf diese Weise ausgeschaltet.“

Die Waffen gaukeln den von Minderwertigkeitskomplexen bestimmten Jugendlichen dann die Stärke vor, die sie sonst nicht haben. Lebten sie sonst auch überwiegend im Verborgenen (was sich dann oft nach den Taten in Charakterisierungen wie „Der war ganz unauffällig“ äußert), katapultieren sie sich mit der „Fanaltat“ unerbittlich in die Öffentlichkeit. Doch die Hauptursache, meint Freisleder, sei die Verfügbarkeit der Waffen. „Mit einer Waffe, die ich nicht habe, kann ich auch kein Massaker anrichten.“

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Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 17.12.2012, 17:28 Uhr