Home
http://www.faz.net/-gus-754yr
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
50 Plus

Nach dem Amoklauf Keine Waffen – keine Massaker

Aus psychiatrischer Sicht sind Amokläufer oft von Minderwertigkeitskomplexen bestimmt. Die Hauptursache sei aber die Verfügbarkeit der Waffen, sagt Psychiater Freisleder.

© dapd „Mit einer Waffe, die ich nicht habe, kann ich auch kein Massaker anrichten“

Auch wenn noch nicht viel bekannt ist über die Motivlage des Täters von Newtown - nach Einschätzung von Fachleuten fallen Massenmorde wie dieser nicht vom Himmel. Es gebe oft eine Vorgeschichte von Zurückweisungen, psychischen Störungen und subjektiv empfundenen Benachteiligungen, die junge Männer dann in letzter Konsequenz zu Waffen greifen lassen, sagt Franz Joseph Freisleder, ärztlicher Direktor am renommierten Heckscher Klinikum für Kinder- und Jugendpsychiatrie in München. So ist es immer eine Verkettung von vielen ungünstigen Umständen, die besonders in der Adoleszenz junge Männer zu dem Schluss kommen lassen, es nun für alle Zeiten „allen einmal zeigen“ zu wollen.

Karin Truscheit Folgen:

Doch Freisleder, der in dem Verfahren wegen des Mordes an Dominik Brunner und in dem Prozess gegen die sogenannten U-Bahn-Schläger in München als Gutachter bestellt war, sieht auch eine zeitliche Häufung der Taten innerhalb der letzten zehn bis 15 Jahren. Das sei sicherlich auch auf die übergroße mediale Präsenz dieser Ausnahmetaten zurückzuführen. „Gerade Jugendliche, die sich immer mehr von der Gesellschaft im täglichen Leben zurückziehen, halten über die Medien Kontakt zur Welt - und suchen dort ihre Bestätigung.“ Alle Täter in vergleichbaren Massakern seien offenbar gescheiterte Existenzen mit großen Minderwertigkeitskomplexen gewesen, unbedeutend innerhalb ihrer normalen Lebenssituation.

Nährboden für Gewalttaten

Die Taten geben ihnen nun schlagartig eine enorme Aufmerksamkeit auf der ganzen Welt - auch über ihren Suizid hinaus. So schildert Freisleder, dass nach dem Amoklauf von Winnenden in seiner Klinik plötzlich zahlreiche junge Männer eingewiesen wurden, die entweder in Gesprächen oder per Mail mit ähnlichen Taten gedroht hatten, nach dem Muster: „Wenn ihr das nicht macht, dann knall’ ich alle ab.“ Diese Jugendlichen, die oft an einer depressiven Störung litten, hätten mit solchen Äußerungen vor allem Aufmerksamkeit erzeugen wollen. Wie ernsthaft die Pläne gewesen seien, lasse sich schwer sagen. „Wir sind froh, dass wir sie behandeln konnten.“ So habe auch der Täter von Winnenden eine depressiv-suizidale Vorgeschichte gehabt.

© reuters, Reuters Amoklauf in Newtown: Tathergang klar, Motiv bleibt unklar

In der Regel sind es junge Männer, die diese Taten begehen. Männer neigen nicht zuletzt wegen hormoneller Dispositionen dazu, auf Zurückweisungen durch aggressives Verhalten zu reagieren. Das zeigen nicht nur Amokläufe, sondern auch Familiendramen. Rudolf Egg, Direktor der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden, ergänzt, zumeist sei der Griff zu Waffen ein Zeichen mangelnden Selbstwertgefühls. „Da ist die Waffe dann das Symbol für Männlichkeit.“ Männer richteten ihre Aggressionen, die aus Enttäuschungen resultieren, oft gegen andere und nicht gegen sich selbst, wie es bei Frauen meist der Fall ist. Doch auch bei den Mädchen registriert die Forschung seit etwa zehn Jahren eine Tendenz zur zunehmenden Gewalttätigkeit.

Wenn nun mehrere Faktoren zusammenkommen - Liebeskummer, schulische Probleme oder Ärger mit Freunden und Eltern sowie Gefühle tiefer Kränkung - und der Jugendliche nicht gefestigt genug ist, um mit diesen Schwierigkeiten fertig zu werden, kann das der Nährboden für Gewalttaten sein. „Wenn dann Waffen leicht greifbar sind und der Umgang mit diesen sogar schon erlernt, ist die Hemmschwelle eher gering“, sagt Freisleder.

Die Waffen gaukeln Stärke vor

Action- und Horror-Filme oder Ego-Shooter-Spiele wirken hier verstärkend. „Doch man kann nicht nur den Computerspielen die Schuld geben.“ Vielmehr suggerieren die Filme, dass mit Waffengewalt Probleme gelöst werden können. „Die Täter identifizieren sich dann schnell mit den vermeintlichen Helden, die für eine ,gerechte Sache’ das Gesetz und die Waffe selbst in die Hand nehmen. Und was die gerechte Sache ist, das bestimmen dann die jungen Männer.“ Die Grausamkeit und Unerbittlichkeit, die gerade bei dem Amoklauf von Newtown so erschüttert, könnte ein Hinweis darauf sein, dass der Täter die Bezüge zur Realität längst hinter sich gelassen hat. „Dass die Welt sich gegen ihn verschworen hat, rechtfertigt in seinen Augen alles. Jegliche Empathie und jedes Mitgefühl wird auf diese Weise ausgeschaltet.“

Die Waffen gaukeln den von Minderwertigkeitskomplexen bestimmten Jugendlichen dann die Stärke vor, die sie sonst nicht haben. Lebten sie sonst auch überwiegend im Verborgenen (was sich dann oft nach den Taten in Charakterisierungen wie „Der war ganz unauffällig“ äußert), katapultieren sie sich mit der „Fanaltat“ unerbittlich in die Öffentlichkeit. Doch die Hauptursache, meint Freisleder, sei die Verfügbarkeit der Waffen. „Mit einer Waffe, die ich nicht habe, kann ich auch kein Massaker anrichten.“

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Attacke im Thalys Die Helden aus Waggon 12

Fünf Reisende überwältigten im Thalys-Schnellzug einen schwer bewaffneten Marokkaner und verhinderten so ein Blutbad. Nach Informationen der F.A.Z. stand dessen Name auf verdeckten Listen der Geheimdienste. Sie sehen ihn als radikalen Islamisten. Mehr Von Eckart Lohse, Berlin, Christian Schubert, Paris und Michael Stabenow, Brüssel

23.08.2015, 20:34 Uhr | Politik
Massaker in Bosnien Von der Schuld nach Srebrenica

Der Mord an 8000 Bosniern fand 1995 unter den Augen niederländischer UN-Blauhelme statt. Das Massaker an den fast ausschließlich muslimischen Männern und Jungen wurde zum Trauma für die Niederlande und die damaligen Soldaten. Mehr

09.07.2015, 11:32 Uhr | Politik
Thalys-Helden ausgezeichnet Ihr Heldenmut sollte ein Vorbild für viele sein

François Hollande hat die Thalys Helden, drei Amerikaner und einen Briten, zu Rittern der französischen Ehrenlegion ernannt. Mit ihrem Einsatz gegen den schwerbewaffneten Angreifer hätten sie einen Anschlag und ein Blutbad verhindert. Mehr

24.08.2015, 10:53 Uhr | Politik
Bosnien-Krieg Überlebender von Srebrenica-Massaker erinnert sich

1995 marschieren kurz vor dem Ende des Bosnien-Kriegs bosnisch-serbische Milizen in die damalige UN-Schutzzone Srebrenica ein. Sie verschleppen und töten mehr als 8000 muslimische Jungen und Männer. Ein Überlebender des Massakers erzählt von seinen traumatischen Erfahrungen. Mehr

10.07.2015, 18:12 Uhr | Politik
Leben im Islamischen Staat Kinderlieder vom Dschihad

In Mossul wächst eine Generation Kalifat unter islamistischer Herrschaft heran. Kinder werben Kinder an, Jugendliche werden mit Privilegien gelockt und rund um die Stadt entstehen Trainingscamps für Islamisten. Mehr Von Khales Joumah

28.08.2015, 07:16 Uhr | Politik

Veröffentlicht: 17.12.2012, 17:28 Uhr