http://www.faz.net/-gus-754yr
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 17.12.2012, 17:28 Uhr

Nach dem Amoklauf Keine Waffen – keine Massaker

Aus psychiatrischer Sicht sind Amokläufer oft von Minderwertigkeitskomplexen bestimmt. Die Hauptursache sei aber die Verfügbarkeit der Waffen, sagt Psychiater Freisleder.

von , München
© dapd „Mit einer Waffe, die ich nicht habe, kann ich auch kein Massaker anrichten“

Auch wenn noch nicht viel bekannt ist über die Motivlage des Täters von Newtown - nach Einschätzung von Fachleuten fallen Massenmorde wie dieser nicht vom Himmel. Es gebe oft eine Vorgeschichte von Zurückweisungen, psychischen Störungen und subjektiv empfundenen Benachteiligungen, die junge Männer dann in letzter Konsequenz zu Waffen greifen lassen, sagt Franz Joseph Freisleder, ärztlicher Direktor am renommierten Heckscher Klinikum für Kinder- und Jugendpsychiatrie in München. So ist es immer eine Verkettung von vielen ungünstigen Umständen, die besonders in der Adoleszenz junge Männer zu dem Schluss kommen lassen, es nun für alle Zeiten „allen einmal zeigen“ zu wollen.

Karin Truscheit Folgen:

Doch Freisleder, der in dem Verfahren wegen des Mordes an Dominik Brunner und in dem Prozess gegen die sogenannten U-Bahn-Schläger in München als Gutachter bestellt war, sieht auch eine zeitliche Häufung der Taten innerhalb der letzten zehn bis 15 Jahren. Das sei sicherlich auch auf die übergroße mediale Präsenz dieser Ausnahmetaten zurückzuführen. „Gerade Jugendliche, die sich immer mehr von der Gesellschaft im täglichen Leben zurückziehen, halten über die Medien Kontakt zur Welt - und suchen dort ihre Bestätigung.“ Alle Täter in vergleichbaren Massakern seien offenbar gescheiterte Existenzen mit großen Minderwertigkeitskomplexen gewesen, unbedeutend innerhalb ihrer normalen Lebenssituation.

Nährboden für Gewalttaten

Die Taten geben ihnen nun schlagartig eine enorme Aufmerksamkeit auf der ganzen Welt - auch über ihren Suizid hinaus. So schildert Freisleder, dass nach dem Amoklauf von Winnenden in seiner Klinik plötzlich zahlreiche junge Männer eingewiesen wurden, die entweder in Gesprächen oder per Mail mit ähnlichen Taten gedroht hatten, nach dem Muster: „Wenn ihr das nicht macht, dann knall’ ich alle ab.“ Diese Jugendlichen, die oft an einer depressiven Störung litten, hätten mit solchen Äußerungen vor allem Aufmerksamkeit erzeugen wollen. Wie ernsthaft die Pläne gewesen seien, lasse sich schwer sagen. „Wir sind froh, dass wir sie behandeln konnten.“ So habe auch der Täter von Winnenden eine depressiv-suizidale Vorgeschichte gehabt.

© reuters, Reuters Amoklauf in Newtown: Tathergang klar, Motiv bleibt unklar

In der Regel sind es junge Männer, die diese Taten begehen. Männer neigen nicht zuletzt wegen hormoneller Dispositionen dazu, auf Zurückweisungen durch aggressives Verhalten zu reagieren. Das zeigen nicht nur Amokläufe, sondern auch Familiendramen. Rudolf Egg, Direktor der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden, ergänzt, zumeist sei der Griff zu Waffen ein Zeichen mangelnden Selbstwertgefühls. „Da ist die Waffe dann das Symbol für Männlichkeit.“ Männer richteten ihre Aggressionen, die aus Enttäuschungen resultieren, oft gegen andere und nicht gegen sich selbst, wie es bei Frauen meist der Fall ist. Doch auch bei den Mädchen registriert die Forschung seit etwa zehn Jahren eine Tendenz zur zunehmenden Gewalttätigkeit.

Wenn nun mehrere Faktoren zusammenkommen - Liebeskummer, schulische Probleme oder Ärger mit Freunden und Eltern sowie Gefühle tiefer Kränkung - und der Jugendliche nicht gefestigt genug ist, um mit diesen Schwierigkeiten fertig zu werden, kann das der Nährboden für Gewalttaten sein. „Wenn dann Waffen leicht greifbar sind und der Umgang mit diesen sogar schon erlernt, ist die Hemmschwelle eher gering“, sagt Freisleder.

Die Waffen gaukeln Stärke vor

Action- und Horror-Filme oder Ego-Shooter-Spiele wirken hier verstärkend. „Doch man kann nicht nur den Computerspielen die Schuld geben.“ Vielmehr suggerieren die Filme, dass mit Waffengewalt Probleme gelöst werden können. „Die Täter identifizieren sich dann schnell mit den vermeintlichen Helden, die für eine ,gerechte Sache’ das Gesetz und die Waffe selbst in die Hand nehmen. Und was die gerechte Sache ist, das bestimmen dann die jungen Männer.“ Die Grausamkeit und Unerbittlichkeit, die gerade bei dem Amoklauf von Newtown so erschüttert, könnte ein Hinweis darauf sein, dass der Täter die Bezüge zur Realität längst hinter sich gelassen hat. „Dass die Welt sich gegen ihn verschworen hat, rechtfertigt in seinen Augen alles. Jegliche Empathie und jedes Mitgefühl wird auf diese Weise ausgeschaltet.“

Die Waffen gaukeln den von Minderwertigkeitskomplexen bestimmten Jugendlichen dann die Stärke vor, die sie sonst nicht haben. Lebten sie sonst auch überwiegend im Verborgenen (was sich dann oft nach den Taten in Charakterisierungen wie „Der war ganz unauffällig“ äußert), katapultieren sie sich mit der „Fanaltat“ unerbittlich in die Öffentlichkeit. Doch die Hauptursache, meint Freisleder, sei die Verfügbarkeit der Waffen. „Mit einer Waffe, die ich nicht habe, kann ich auch kein Massaker anrichten.“

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Aggressionsforscher Man kann Amokläufe verhindern

Nach der Bluttat von München gehen die Ermittler mit großer Sicherheit von einem Amoklauf aus. Christoph Paulus hat mehr als sechzig solcher Fälle untersucht und kommt zu dem Schluss: Amokläufer erkennt man schon im Vorfeld an vier Faktoren. Mehr Von Julia Bähr

23.07.2016, 13:07 Uhr | Gesellschaft
LKA-Chef zu Amoklauf Waffe stammt wahrscheinlich aus Darknet

Der bayrische LKA-Chef Robert Heimberger hat neue Informationen zum Amoklauf in München bekannt gemacht. So soll der Täter die Tat seit einem Jahr geplant haben und soll zu diesem Zweck bereits im vergangenen Sommer Winnenden besucht haben. Die Opfer in München habe er sich nicht gezielt ausgesucht. Mehr

24.07.2016, 20:40 Uhr | Politik
Waffenrecht Der beste Freund des Massenmörders

Auch die Waffe des Münchner Amokläufers war zunächst einmal legal. Fünf Jahre nach dem Utøya-Massaker werden private Schusswaffen in Europa noch immer zu Mordwaffen. Mehr Von Roman Grafe

25.07.2016, 11:52 Uhr | Feuilleton
Nach dem Amoklauf Bluttat von München löst Debatte über Waffenrecht aus

Nach dem Amoklauf in München, bei dem neun Menschen erschossen wurden, schließt Bundesinnenminister Thomas de Maizière Verschärfungen des Waffenrechts nicht aus. Der Koalitionspartner SPD verlangt mehr Anstrengungen gegen den illegalen Handel mit Waffen im Netz. Mehr

25.07.2016, 08:52 Uhr | Politik
Expertin im Gespräch Amoktäter streben alle nach Grandiosität

Amokläufer sind empathielos und selbstverliebt – und kommen oft aus guten Elternhäusern. Die Kriminologin Britta Bannenberg über die psychopathologischen Züge der Täter. Mehr Von Karin Truscheit

25.07.2016, 19:06 Uhr | Gesellschaft