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Amoktäter von Newtown „Alle wussten, dass er Medikamente nahm“

Der Attentäter von Newtown soll der Lebensinhalt für seine Mutter gewesen sein. Sie unterrichtete ihn, sie brachte ihm das Schießen bei. Sie war es, die er zuerst tötete.

© dapd Vergrößern

Während in Newtown die ersten Opfer des Amoklaufs, der sechs Jahre alte Noah Pozner und sein Klassenkamerad Jack Pinto, beigesetzt wurden, suchten die Ermittler am Montag weiter nach einem Motiv für den mörderischen Überfall auf die Sandy-Hook-Grundschule. Nach den am selben Tag veröffentlichten Scheidungspapieren von Nancy und Peter Lanza, den Eltern des Attentäters Adam Lanza, wuchs der Zwanzigjährige behütet an der Yogananda Street auf. Bei der Trennung im September 2009 hatten sich die Lanzas auf das gemeinsame Sorgerecht für den damals 17Jahre alten Schüler geeinigt. Da Peter Lanza, ein Finanzmanager bei dem amerikanischen Mischkonzern General Electric, nach 28 Ehejahren jährlichen Unterhaltszahlungen von mindestens 240000 Dollar zustimmte, konnte Nancy Lanza mit Adam weiter das großzügige Haus im Kolonialstil bewohnen, in dem ihr Sohn aufgewachsen war. Der ältere Sohn Ryan, damals 21 Jahre alt, besuchte schon die Universität.

Obwohl die frühere Börsenmaklerin einigen Bekannten schon damals über Adam Lanzas Asperger-Diagnose berichtete, blieben psychische Auffälligkeiten ihres Sohns wie die leichte Form des Autismus in den Scheidungsunterlagen unerwähnt. „Alle wussten, dass er Medikamente nahm. Nancy musste ihn auch häufig zuhause unterrichten, da er mit dem Lernen in der Klasse nicht gut zurechtkam. Er war ihr Lebensinhalt“, sagte Louise Tambascio, eine Freundin der Zweiundfünfzigjährigen, dem Fernsehsender CBS. Nancy Lanza wurde am Freitagmorgen das erste Opfer ihres Sohnes. Polizisten fanden ihren Leichnam mit einem Nachthemd bekleidet im Bett, als sie nach dem Amoklauf an der Sandy Hook Elementary School an die Yogananda Street kamen. Wie die 20 Erstklässler und sechs Erwachsenen an der etwa zwei Kilometer entfernten Schule hatte Adam Lanza seine Mutter mit einem Sturmgewehr aus ihrer Waffensammlung getötet. Er gab vier Schüsse auf sie ab.

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Nach Ermittlungen des Amts für Alkohol, Tabak, Schusswaffen und Sprengstoffe des amerikanischen Justizministeriums hatte der Attentäter in den vergangenen Jahren wiederholt in Schießanlagen trainiert. Adam Lanzas letzter Besuch in einem der etwa zehn Schießstände in der Region soll aber mindestens ein halbes Jahr zurückliegen. Nachbarn berichten, dass Nancy Lanza ihren Söhnen das Schießen schon als Jugendlichen beigebracht hatte. Wie die Waffenliebhaberin, die mehrere Sturmgewehre, antike Waffen und Pistolen zuhause aufbewahrte, sollten auch sie in der Lage sein, sich jederzeit gegen Eindringlinge zur Wehr zu setzen. „Sie verstand sich als eine Art Überlebenskünstlerin, die sich und ihre Habe verteidigen konnte“, erinnert sich Marsha Lanza, die Schwägerin der Toten.

Auch für ihren Sohn soll Nancy Lanza ehrgeizige Pläne gehegt haben. Schon als Schüler belegte der hochbegabte Jugendliche Computer- und Sprachkurse an der Western Connecticut State University, die er mit guten Noten abschloss. Kommilitonen wie Dot Stansy erinnern sich an den Attentäter als schüchternen Jungen, der sich stets an Regeln hielt. „Als wir ihn damals nach einem Seminar in eine Bar einluden, lehnte er ab, weil er erst 17 Jahre alt war“, sagte Stansy dem Sender CBS. Nach der Scheidung der Eltern im Sommer 2009 war Adam Lanza angeblich nicht an die Universität in Danbury zurückgekehrt. Wie der Attentäter die drei Jahre vor dem Amoklauf verbrachte, blieb bislang ungeklärt. Er absolvierte keine Ausbildung und soll auch nicht gearbeitet haben. Angeblich dachte Nancy Lanza über einen gemeinsamen Umzug in den Bundesstaat Washington nach, wo sie für ihren Sohn eine passende Universität gefunden hatte.

Während die etwa 27000 Bewohner Newtowns die grelle Weihnachtsbeleuchtung gegen Kerzenlicht getauscht haben, scheinen sich auch ihre Landsleute auf strengere Waffengesetze zu besinnen. Bei einer Erhebung des Fernsehsenders CBS sprachen sich 57 Prozent der Befragten für Auflagen beim Kauf von Gewehren und Pistolen aus. Der Wert, der größte der vergangenen zehn Jahre, lag damit 18Punkte höher als im April. Ob die Forderungen nach härteren Gesetzen nicht wieder verhallen, bleibt abzuwarten. Auch nach dem Attentat von Tucson, bei dem ein Schütze im Januar 2011 sechs Menschen tötete und 19 weitere verletzte, unter ihnen die damalige Kongressabgeordnete Gabrielle Giffords, hatten mehr als 47 Prozent der Befragten schärfere Kontrollen gefordert. Innerhalb weniger Monate waren die Rufe nach strikteren Auflagen aber wieder leiser geworden.

Quelle: F.A.Z.

 
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