13.11.2009 · Eine Frau fährt bei Würzburg in die Leitplanke - später finden die Ärzte ein Projektil in ihrem Hals. Nun ermittelt eine Sonderkommission der Polizei und steht vor einem Rätsel. Denn auf deutschen Autobahnen wurde nicht das erste Mal auf ein Fahrzeug geschossen.
Von Albert SchäfferZunächst sah es nach einem ganz normalen Verkehrsunfall aus. Eine 40 Jahre alte Frau war am Dienstagabend auf der Autobahn 3 kurz vor der Rastanlage Würzburg Süd mit ihrem Skoda mit der Leitplanke kollidiert und erheblich verletzt worden. Doch dann machten die Ärzte im Krankenhaus eine Entdeckung, die ihnen den Atem stocken ließ: Im Hals der Fahrerin fanden sie ein Projektil, das aus einer Kleinkaliberwaffe stammte. Schnell erhärtete sich der Verdacht, dass die Frau Opfer eines Verbrechens geworden ist, zur fürchterlichen Gewissheit.
Es sind unheimliche Mosaikstücke, mit denen die 20 Beamten der Sonderkommission der Würzburger Polizei konfrontiert sind; unterstützt werden sie vom Bayerischen Landeskriminalamt und dem Bundeskriminalamt. Ein Zusammenhang zu einem Geschehen, das die Ermittler seit Juli vergangenen Jahres in Atem hält, liegt nahe: Immer wieder werden sie gerufen, weil auf Autobahnen Schüsse auf Lastwagen abgegeben werden - überwiegend auf Transportfahrzeuge, die Neuwagen geladen haben.
Meist trifft es Autotransporter
Gleich drei Meldungen solcher Attacken gingen einen Tag, nachdem die Frau von dem Projektil getroffen worden war, bei der Polizei ein, alle mit einem zeitlichen und örtlichen Bezug zur Tat. Ein Lastwagenfahrer berichtete, dass er am Dienstag auf der A 3 nach Würzburg fuhr und später einen Einschuss im Kotflügel eines Autos bemerkte, das auf seinem Transporter stand. Auch ein weiterer Lastwagenfahrer, der an diesem Tag auf der Autobahn bei Würzburg unterwegs war, musste bei einem Halt feststellen, dass ein Auto auf der Ladefläche beschossen worden war. Und noch ein dritter Lastwagenfahrer berichtete von einem Beschuss auf dieser Strecke.
Seit Juli vergangenen Jahres hat das Bundeskriminalamt 248 Fälle verzeichnet, in denen auf deutschen und europäischen Autobahnen Schüsse auf Lastkraftwagen abgefeuert wurden. Auffällig ist, dass die Schüsse, soweit sie auf Autotransporter abgefeuert wurden, ausschließlich Neuwagen galten - ohne Präferenz für bestimmte Marken oder Fahrzeugklassen. Besonders auf Streckenabschnitten mit Bauarbeiten und Autobahnkreuzen wurden die Schüsse abgegeben. Oft ist es schwierig, die genauen Tatorte zu ermitteln, da die Fahrer wegen des Lärms auf den Autobahnen meist die Schüsse nicht hörten, sondern erst später die Schäden bemerkten.
Auch das Würzburger Opfer, das außer Lebensgefahr ist und durch die Polizei vernommen werden konnte, hatte keinen Schuss vernommen. Die Frau, die aus der Region Bautzen stammt und auf der linken Spur der A 3 in Richtung Nürnberg fuhr, registrierte nur, dass die Seitenscheibe ihres Wagens barst. Die Sonderkommission der Polizei stellt der Fall vor schwierige Fragen. Ist gezielt auf das Fahrzeug der Frau, gar auf sie selbst geschossen worden? Zum Zeitpunkt des Schusses, gegen 18.10 Uhr, war es schon dunkel auf der Autobahn. Ein gezielter Schuss auf die Frau wäre wohl nur einem Scharfschützen mit einer besonderen Ausrüstung möglich gewesen. Oder hat sich auf grausame Weise bewahrheitet, was die Ermittler bei den Schüssen auf die Autotransporter schon lange befürchtet haben, dass nämlich Personen von fehlgegangenen Schüssen oder Querschlägern getroffen werden?