09.08.2006 · Eine Abhöraktion erschüttert abermals das britische Königshaus. Nach Hinweisen aus dem Büro von Prinz Charles hat die Polizei drei Verdächtige verhört. Hinter dem Lauschangriff steckt offenbar die Londoner Boulevardpresse.
Wegen eines möglichen Lauschangriffs gegen Prominente hat die Polizei in London drei Verdächtige festgenommen. Unter den Verdächtigen ist ein leitender Redakteur einer Boulevardzeitung. Auslöser der Aktion war eine Beschwerde des Büros von Prinz Charles über mögliche Abhöraktionen. Man gehe zwar nicht davon aus, daß die Telefone von Mitgliedern der königlichen Familie angezapft worden seien, erklärte die Londoner Polizei am Dienstag. Es sei jedoch möglich, daß andere Prominente abgehört worden seien.
Zwei der Männer im Alter von 35 und 48 Jahren wurden bereits vernommen. Ihre Wohnungen seien durchsucht worden, erklärte die Polizei. Der dritte, ein 50jähriger, befand sich wieder auf freiem Fuß. Auch er müsse aber mit weiteren Vernehmungen rechnen. Die Ermittlungen würden von Antiterrorbeamten geleitet, hieß es.
Charles' Büro lehnt Stellungnahme ab
Einzelheiten oder Namen der Verdächtigen wollte die Polizei nicht nennen. Die Boulevardzeitung „News of the World“ erklärte, einer von ihnen sei ihr Ressortchef für Berichte über das Königshaus, Clive Goodman. Weiter wollte sich die Zeitung nicht dazu äußern. Prinz Charles' Büro und offizielle Residenz Clarence House lehnte jede Stellungnahme ab.
Die Festnahmen erfolgten im Rahmen von Ermittlungen zu möglichen illegalen Abhöraktionen, über die sich Mitarbeiter von Prinz Charles erstmals im Dezember beklagten. Die Polizei erklärte, die Ermittlungen bezögen sich auf „mutmaßliche wiederholte Sicherheitsverstöße in Telefonnetzen über eine bedeutende Zeitspanne hinweg“.
Erinnerung an „Squidygate“ und „Camillagate“
Der Fall weckt Erinnerungen an die beiden Abhöraffären „Squidgygate“ und „Camillagate“, deren Bezeichnungen die britische Presse von dem amerikanischen Politskandal „Watergate“ entliehen hatte, über den der damalige Präsident Richard Nixon in den siebziger Jahren stolperte. Anfang der neunziger Jahre veröffentlichte die britische Boulevardpresse Auszüge aus Telefonaten, die Prinz Charles und dessen damalige Frau Diana mit ihren jeweiligen Affären geführt hatten. Diana wurde bei Gesprächen mit ihrem Liebhaber James Gilbey abgehört, der die Prinzessin liebevoll „Squidgy“ nannte. Für einen Aufschrei sorgte damals aber vielmehr Charles, der zu seiner damaligen Liebschaft und heutigen Ehefrau Camilla am Telefon sagte, er wolle als ihr Tampon wiedergeboren werden.
Für den wettbewerbsintensiven britischen Boulevardjournalismus sind solche Vorgehensweisen an der Tagesordnung. So schaffte es der „Daily Mirror“ 2003, einen Mitarbeiter als Diener in den Königspalast einzuschleusen. Dieser enthüllte dann unter anderem, daß Königin Elizabeth und ihr Mann Prinz Philip ihre Frühstücks-Cornflakes aus Plastikschüsseln zu sich nehmen.
Auch das Abhören von Gesprächen hält der Boulevard für legitim. „Das geht schon so, ich würde sagen, seit etwa 80 Jahren“, sagte Veteran-Hofberichterstatter James Whitaker vom „Daily Mirror“. „Telefonabhören, Wanzen, wie immer Sie das nennen wollen. Und es trifft nicht nur das Königshaus, sondern auch Minister und andere bekannte Leute. Nur wenn sie dich schnappen, dann bekommst du Ärger.“