16.02.2010 · Da die Diebstähle und Verantwortungslosigkeiten beim Kölner U-Bahn-Bau immer unfassbarer erscheinen, ringen Verkehrsbetriebe und Stadt nun um Aufklärung. Aber die Pfusch-Vorwürfe sind nicht so schnell aus der Unterwelt zu schaffen.
Von Reiner BurgerUm das wievielte Krisentreffen es sich handelt, zu dem der Aufsichtrat der Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) am Dienstag zusammenkommt, vermag die Sprecherin nicht zu sagen. Seit am 3. März vergangenen Jahres das Historische Stadtarchiv an der Baugrube der künftigen U-Bahn-Haltestelle Waidmarkt einstürzte, muss sich das zwanzigköpfige Gremium so häufig mit unfassbaren neuen Erkenntnissen zum Bau ihrer Nord-Süd-Trasse beschäftigen, dass man bei der KVB die Sitzungen schon gar nicht mehr mitzählt.
Am Dienstag lässt sich der Aufsichtsrat vom KVB-Vorstand über in großem Stil verschwundene Armierungseisen informieren, die Bauarbeiter unter der Hand an Schrotthändler verkauft haben sollen. Zudem geht es um eine andere, vielleicht noch gravierende Form der organisierten Verantwortungslosigkeit. Seit einigen Tagen mehren sich die Hinweise darauf, dass an Schlitzwandlamellen der Baustellen Heumarkt, Waidmarkt und Rathaus deutlich zu wenig Beton verbaut worden sein und deshalb die Stabilität der Gruben beim anstehenden Frühjahrshochwasser des Rheins gefährdet sein könnte. Eigentlich müssten die Arbeiten an den Lamellen penibel überprüft und protokolliert worden sein. Doch zunächst fanden KVB-Ermittler heraus, dass das Protokoll für Schlitzwandlamelle Nummer 11 am Waidmarkt, die unmittelbar vor dem ehemaligen Archiv eingebaut wurde, mit höchster Wahrscheinlichkeit gefälscht worden ist. Für mindestens 20 weitere Lamellen-Protokolle besteht dieser Verdacht ebenfalls.
„Täglich wächst die Angst“
Ein bloßes Versehen gilt Fachleuten als nahezu ausgeschlossen, weil die verdächtigen Unterlagen die Beschaffenheit des jeweiligen Abschnitts eigentlich wie ein Fingerabdruck dokumentieren müssten aber stereotype Daten aufweisen. Oberstaatsanwalt Günther Feld bestätigt, dass die Kölner Staatsanwaltschaft in der Sache gegen zwei Personen „aus dem technischen Bereich“ ermittelt. Die Messprotokolle habe die Staatsanwaltschaft allerdings noch nicht vollständig bekommen. Insgesamt soll es mehr als 1000 solcher Dokumente geben, von denen bisher aber nur ein Bruchteil ausgewertet wurde. „Wir arbeiten sehr vertrauensvoll mit der KVB zusammen“, sagt Feld dieser Zeitung. In der Frage der verschwundenen Eisenbügel ermittelte die Staatsanwaltschaft mittlerweile gegen insgesamt zehn Personen.
Der beim Kölner U-Bahn-Bau federführende Baukonzern Bilfinger Berger hat mittlerweile drei seiner Mitarbeiter suspendiert. Es handelt sich um einen Polier und zwei Bauleiter, die auf den U-Bahn-Baustellen in der Kölner Innenstadt eingesetzt waren. Die KVB wiederum scheinen das Vertrauen zu dem Baukonzern verloren zu haben. Nach der Aufsichtsratssitzung hieß es, man prüfe eine Vertragsauflösung. Zuvor hatte sich schon der Kölner Oberbürgermeister Jürgen Roters (SPD) mit einem Brief bei Bilfinger Berger beschwert, weil der Vorstandsvorsitzende des Unternehmens gesagt hatte, bei den Protokollen seien vielleicht aus „Software-Unverständnis“ Fehler gemacht worden. „Täglich wächst die Angst, weil immer neue Mängel bei der Bauausführung bekannt werden“, so Roters.
„Gewiss kein Druchbruch“
Die Ermittlungen zur Einsturzursache werden sich nach Einschätzung von Oberstaatsanwalt Feld noch lange Zeit hinziehen. Jedenfalls sind die Erkenntnisse zu den offenbar tonnenweise unterschlagenen Armierungseisen Oberstaatsanwalt Feld „gewiss kein Druchbruch“. Feld will auch nicht darüber spekulieren, ob der Mangel an Stahlbügeln (teilweise sollen 83 Prozent weniger verbaut worden sein, als vorgeschrieben) zum Einsturz des Archivs geführt hat. Ebenso wenig will der Ermittler einen Zusammenhang zwischen den mutmaßlich gefälschten Protokollen, der vermutlich nicht ordnungsgemäß ausgeführten Schlitzwand Nummer 11 am Waidmarkt und dem Unglück vor einem Jahr herstellen. Das formal noch immer abgetrennte Verfahren dazu richtet sich derzeit gegen Unbekannt. Derzeit sind zwei Staatsanwälte, die von einer zweistelligen Zahl an Polizisten unterstützt werden, ausschließlich mit der Causa Archiv befasst. Kritik, dass der mutmaßliche Diebstahl von Armierungseisen und die Erkenntnisse zu den Protokollen erst ein Jahr nach dem Unglück bekannt wurden, weist Feld zurück. „Schließlich muss an der eigentlichen Schadstelle am Waidmarkt erst noch ein Hilfsbauwerk errichtet werden“, sagt Feld. Die Stadt Köln plant in der Grube am Waidmarkt ein Besichtigungsbauwerk, damit Gutachter der Ursache für die Katastrophe auf den Grund gehen können.
Unklar bleibt wie gefährdet die Baustellen durch ein Rhein-Hochwasser sind, das auf jeden Fall mit Beginn der Schneeschmelze zu erwarten ist. Nach der Aufsichtsratssitzung teilt die KVB am Dienstagnachmittag mit, dass an der Baustelle Heumarkt zusätzliche Stahlverstärkungen und Anker für die Schlitzwände vorbereitet würden. Zudem soll dort nun als zusätzliche Sicherungsmaßnahme ein Schott eingebaut werden, damit die Grube im Notfall geflutet werden kann. Der Präsident der nordrhein-westfälischen Ingenieurkammer, Heinrich Bökamp, hält das für dringend nötig. Denn ein Rhein-Hochwasser habe unmittelbare Auswirkung auf die Höhe des Grundwasserspiegels „Wenn es nicht rechtzeitig geling, die Wände der Baugrube abzustützen deren Sicherheitskonzept allein schon durch die fehlenden Stahlbügel beschädigt ist, muss geflutet werden“, sagt Bökamp im Gespräch mit dieser Zeitung. Bökamp gehört seit langem zu jenen Fachleuten, die auf eine andere, nicht bautechnisch, sondern verwaltungstechnisch bedingte Fehlkonstruktion hinweisen. Bis zum Unglück lagen Bauaufsicht und Bauüberprüfung in der Hand der Bauherrin KVB. „Das war ein unhaltbarer Zustand. Der Prüfingenieur hat zudem im Grunde nur die Papierform geprüft - aber von einem Schreibtisch aus kann man keine Baustelle begutachten.“ Bis heute könne er nicht verstehen, warum die KVB dieses Risiko eingegangen sei. Die Erfahrung lehre, dass unter Kostendruck keine kritische Aufsicht erwünscht sei. Ein so deformiertes Vier-Augen-Prinzip habe er noch nie erlebt.
Schlitzwände sind Betonwände, mit denen Baugruben gegen den anstehenden Boden offen gehalten werden. Sie eignen sich als Außenwand des späteren Bauwerks und verhindern, dass Erde in die Baugrube rutscht. Hergestellt werden sie abschnittsweise. Die Breite der Sektionen (Lamellen) beträgt meist zwei bis sechs Meter. Schlitzwände sind meist 60 bis 100 Zentimeter dick. In Köln sind sie dicker, zum Teil bis zu 1,5 Meter, etwa in der Baugrube der Station Waidmarkt. Denn hier ragen die Schlitzwände bis zu 45 Meter tief in den Untergrund - sie dürfen von Grundwasser nicht unterströmt werden. Für Schlitzwände wird der Boden mit einem Seilbagger, an dem ein Greifer hängt, schlitzförmig ausgegraben. Damit die Wände des rechteckigen Lochs nicht einstürzen, verwendet man ein dickflüssiges Gemisch aus dem Spezialton Bentonit und Wasser. Damit wird der Schlitz stets randvoll gefüllt.
Dann kommen Bewehrungsstahl und Beton ins Spiel: Damit die Schlitzwand den auf sie wirkenden Kräften widersteht, wird der Beton mit Armiereisen bewehrt, die zu einem „Korb“ geflochten sind. Der Korb wird in den mit Tonbrei gefüllten Schlitz abgelassen. Erst dann darf der Beton in die Grube. Damit beim Füllen keine „Löcher“ entstehen, strömt er durch eine bis auf den Boden ragende Rohrleitung von unten ein und verdrängt die Bentonitsuspension nach oben. Jede Bewehrung einer Schlitzwand wird minutiös berechnet, je nach auftretenden Käften. Dieser Bewehrungsplan gibt den „Eisenbiegern“ an, wie sie den Korb aufzubauen haben. Das Fehlen von Armierungsbügeln hätte man also in Köln leicht feststellen können.
Gestohlen wurden Formbügel, mit denen die bis zu 28 Millimeter starken Längseisen in Position gehalten werden. Sie steifen den Bewehrungskorb aus und haben nichts zu tun mit den Hauptbügeln, die um die Körbe laufen, als „Einfriedung“. Hauptbügel sind schwer. Formbügel kann man unauffälliger zum Schrotthändler bringen. (kff.)