08.02.2010 · Fünf Rentner entführen einen Finanzberater, weil sie ihr Vermögen zurückwollen. Jetzt muss ein Gericht in Traunstein über Kalkül und Naivität der Senioren befinden.
Von Julia SchaafWenn es um die Frage geht, warum fünf weitgehend unbescholtene Rentner ihren Finanzmakler entführen und drei Tage lang in einen Keller sperren, benutzt die Verteidigung gern das Sinnbild einer Eisenbahn.
Einer gibt den Lokomotivführer. Die anderen springen nach und nach auf den fahrenden Zug auf. „Das war irgendwann ein Selbstläufer“, sagt Rechtsanwalt Harald Baumgärtl. „Der Zug hatte den Bahnhof verlassen und fuhr und fuhr.“
Nur: Warum merkte niemand, dass es in die falsche Richtung ging? Und wenn doch: Warum zog niemand die Notbremse?
Von heute an verhandelt das Landgericht Traunstein einen Fall, der vergangenen Sommer für internationale Schlagzeilen sorgte. Immerhin befinden sich die Beschuldigten in einem Alter, in dem die Neigung, Verbrechen zu begehen, für gewöhnlich rapide sinkt: Die älteste Beteiligte feiert - voraussichtlich in Untersuchungshaft - am Mittwoch ihren achtzigsten Geburtstag. Der jüngste wird wenige Tage später 61 Jahre alt. Das mag ein wenig Mitleid begründen für Senioren, die ihren eigentlich verdienten Ruhestand nun höchstwahrscheinlich hinter Gittern verbringen müssen. Eine gewisse Sympathie ist den fünf Männern und Frauen zudem entgegengeschlagen, weil sich da geprellte Anleger mitten in der Finanzkrise auf eigene Faust ihr Geld zurückholen wollten. Die Staatsanwaltschaft Traunstein jedoch tritt allen Tendenzen zur Verharmlosung entgegen. „Wir haben das von Anfang an als schwerwiegende Straftat gesehen“, sagt Sprecher Volker Ziegler. Jetzt müssen sich die betagten Angeklagten wegen gemeinschaftlicher Geiselnahme und gefährlicher Körperverletzung verantworten. Das Gesetz sieht für diesen Tatbestand Gefängnisstrafen von mindestens fünf Jahren vor.
Opfer der Rentner ist der Finanzmakler James A.
Opfer der Rentner ist der Finanzmakler James A., und ohne dessen Rolle und die in Florida spielende Vorgeschichte ist die Entführung nicht zu verstehen. Schon seit 1994, kurz nachdem sich das Arztehepaar Gerhard und Iris F. aus dem bayerischen Schliersee ein Haus in Naples gekauft hat, weil der Orthopäde nach einer schweren Herzerkrankung seine Praxis aufgeben musste, engagieren die beiden Ärzte den Finanzmakler als Steuerberater. Der besitzt keine Lizenz; aber das wissen seine Klienten nicht. Als Soldatensohn am Rhein geboren, spricht James A. Deutsch, und unter der Sonne Floridas überwintern viele deutsche Senioren, die beim Steuersparen Hilfe brauchen. Jahre später wirbt James A. mit Immobiliengeschäften, für die er zwölf Prozent Rendite verspricht. Das Ehepaar F. vertraut ihm seine Ersparnisse an, 300 000 Euro. Roland und Sieglinde K., ein ehemaliger Bauunternehmer vom Chiemsee mit seiner siebten Frau, die die kalte Jahreszeit ebenfalls am eigenen Pool in Naples verbringen, investieren nach eigenen Angaben 1,6 Millionen Dollar. Im Dezember 2007 gehen zum letzten Mal Zinsen ein.
Seitdem versucht der Bauunternehmer sein Geld zurückzubekommen. Es gibt Gespräche und Briefe und Zahlungsvereinbarungen - aber kein Geld. Irgendwann ist der Finanzmakler verschwunden. Roland K. beschafft sich Unterlagen aus dem verlassenen Büro und gewinnt den Eindruck, einem Betrüger und seinem Schneeballsystem aufgesessen zu sein. James A., der inzwischen mit seiner deutschen Ehefrau nach Speyer gezogen ist, behauptet, die Finanzkrise habe seine Millionen vernichtet. „Herr K. ist überzeugt, dass die ganzen Gelder noch da sind und in die Schweiz verschoben wurden“, sagt dessen Anwalt Udo Krause.
Hohe Anwaltskosten
Im Winter 2008/2009 lernen sich die Ehepaare K. und F. kennen. Außerdem besteht Kontakt zu Willi D., einem Amerikaner mit deutschen Wurzeln, der zeitweilig für den Finanzmakler gearbeitet hat und Außenstände in Höhe von 690 000 Euro eintreiben will. Wegen der hohen Anwaltskosten in Amerika war der legale Weg zur Wiederbeschaffung des Geldes angeblich irgendwann versperrt.
In Deutschland bereitet der 74 Jahre alte Bauunternehmer Roland K. die Entführung vor. Er bastelt ein mannsgroßes Paket aus Umzugskartons, das er mit einem Fliegengitter präpariert. Er legt den Kofferraum seines Audis A 8 mit Plastik aus, besorgt silbernes Klebeband und verrammelt das Kellerfenster seines Hauses mit Brettern und Styropor.
Sie stecken ihn in einen Karton
Am Abend des 16. Juni überrumpeln Roland K. und Willi D. ihren Finanzmakler vor dessen Wohnungstür. Wie die Verteidigung behauptet, gibt es ein letztes Gespräch bei Bier, in dem der Mann versichert, er besitze keinen Cent. Daraufhin überwältigten ihn die Besucher. Verkleben seinen Mund und wickeln ihm das Band fünfmal um den Kopf. Fesseln Hände und Füße. Stecken den Mann in die Kartonkiste, fahren das Paket auf einer Sackkarre durch die Fußgängerzone von Speyer und im Kofferraum des Audis an den Chiemsee. Unterwegs gelingt es dem Gefangenen, seine Fesseln zu lockern. Als der Kofferraum auf einem Parkplatz geöffnet wird, kommt es zu einer Auseinandersetzung. Der Bauunternehmer wird später behaupten, seine Geisel sei mit einer Eisenstange auf ihn losgegangen. Am Ende trägt der Finanzmakler zwei Rippenbrüche, Prellungen und ein Hämatom am Auge davon. Bei der Ankunft in Chieming, wo das Ehepaar K. ein Einfamilienhaus direkt am See mit schmiedeeisernen Vorrichtungen für die Geranien an der Außenwand besitzt, sperren die Entführer ihr Opfer in ein Kellerzimmer, das mit Gitterbett, Toilette und Waschbecken ausgestattet ist. Das ist der Dienstag.
Mittwoch: Nachmittags kommt das Arztehepaar vom Schliersee und bringt Kuchen mit. In der Garage konfrontieren die Gläubiger ihr Opfer mit ihren Forderungen. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass James A. mit dem Tod bedroht wird für den Fall, dass er das Geld nicht zurückzahlt. Im Wandregal befindet sich eine durchgeladene Pistole mit vollem Magazin. Die Angeklagten behaupten, sie hätten A. lediglich mit der Ankündigung einer Strafanzeige unter Druck gesetzt. Sie hätten immer vorgehabt, ihr Opfer später wieder laufenzulassen.
„call.pol.ICE“
Donnerstag: Zwischen den Häusern am Chiem- und am Schliersee gehen Faxe hin und her, Entwürfe für Zahlungsanweisungen, Schuldanerkenntnisse. Der Arzt kommt erneut zu Besuch.
Freitag: Als James A. auf der Terrasse eine Zigarette raucht, versucht er zu fliehen. Nachbarn halten den Mann für verwirrt und übergeben ihn Roland K. und Willi D., die ihn zurück in den Keller sperren. Auf einem Laptop wird eine Anweisung an eine Schweizer Bank aufgesetzt, mit der James A. Aktienverkäufe veranlassen soll. Er mogelt den Hinweis „call.pol.ICE“ unter das Schreiben, was den Banker tatsächlich veranlasst, die Polizei zu verständigen.
Warum machen alle mit?
In der Nacht zu Samstag wird James A. von einem Sondereinsatzkommando der Polizei befreit.
Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass alle fünf Beschuldigten die Entführung gemeinschaftlich geplant hatten. Die Verteidiger hingegen sprechen von einer „planlosen Aktion“. Der Amerikaner Willi D. soll sich rein zufällig auf Geschäftsreise in Deutschland aufgehalten haben. Das Arztehepaar will erst Mittwoch über die Anwesenheit des Finanzmaklers informiert worden sein, ohne zu wissen, dass der Mann gekidnappt worden war. Die Frauen sollen sich vergleichsweise früh zurückgezogen haben.
Selbst wenn das stimmt - warum machen alle mit?
Roland K. ist seinem Anwalt zufolge ein „sehr selbstbewusster, beherrschender und manchmal auch sehr eigenwilliger“ Mann. Er hat in den sechziger Jahren im Gefängnis gesessen und gelegentlich Geldstrafen kassiert: Körperverletzung, Diebstahl, Fahren ohne Fahrerlaubnis. Jugendsünden, behauptet sein Anwalt. Seine Verzweiflung über das verlorene Vermögen soll groß gewesen sein. Zwölf Prozent von 1,6 Millionen: Das ist eine stattliche Ergänzung zu 1000 Euro Rente. Und angesichts der Chance, das eigene Vermögen zurückzubekommen, hat offenbar auch bei den anderen jegliches Rechtsempfinden ausgesetzt. „Die haben sich hineingesteigert in eine Art Psychose“, sagt Rechtsanwalt Krause. Er nennt das Tunnelblick.
„Ein paar Tage Urlaub in Oberbayern“
Ob auch das Opfer womöglich Täter ist, versucht die Staatsanwaltschaft Kaiserslautern herauszufinden. Sie ermittelt wegen des Verdachts auf Untreue, was angesichts ausländischer Unterlagen nach amerikanischem Recht sehr kompliziert zu sein scheint. Demnächst soll über weitere Schritte entschieden werden. Das Verfahren gegen Gerhard F., den Arzt aus Schliersee, wurde vergangene Woche vorläufig eingestellt. Aus gesundheitlichen Gründen.
Zum Prozessauftakt äußerte sich der 74 Jahre alte Bauunternehmer Roland K. ausführlich zur Vorgeschichte der Tat. Von einer Geiselnahme oder Entführung sprach der Rentner dabei allerdings nicht, sondern von einer Einladung zu „ein paar Tagen Urlaub in Oberbayern“. Zu seiner Frau habe er gesagt: „Wir laden ihn für ein paar Tage zu uns ein, er ist unser Gast.“
Julia Schaaf Jahrgang 1971, freie Autorin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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