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Rechtsradikale Gewalt Sie haben mir alles genommen

Noël Martin ist ein prominentes Opfer rechtsextremer Gewalt. Prominent vor allem, weil er lange nicht aufgegeben hat, gegen Rechtsradikalismus aktiv zu sein. Jetzt kann er nicht mehr. „Ich lebe nicht, ich existiere nur noch“, sagt Martin. Sein Antrag auf Sterbehilfe wurde bereits genehmigt.

© ddp Vergrößern „Ich habe nichts mehr, was mir Freude bereitet”

Noël Martin wird gekämmt. Sorgfältig zieht die Pflegerin Furchen in das schwarze wollene Dickicht der Haare. Dann tupft sie Creme auf die dunklen Lippen, zündet eine Zigarette an und lässt ihren Patienten einen tiefen Zug nehmen. Noël Martin ist ein großgewachsener Mann. Man ahnt, dass er einst eine stattliche Statur hatte. Damals in Deutschland verdrehte er vermutlich vielen Frauen den Kopf.

Heute sitzt er zusammengesunken in einem Rollstuhl im Garten seines Hauses in Birmingham. Die Schultern sind eingesackt, die Beine dünn wie Stöcke. Unter dem schwarzen Nike-T-Shirt zeichnet sich ein kugeliger Bauch ab. Seine Hände stecken in schwarzen Handschuhen. Er blickt starr geradeaus, die warme Maisonne, das zarte Grün an den Bäumen und das Gezwitscher der Vögel – das alles scheint ihm gleichgültig zu sein.

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„Ich habe nichts mehr, was mir Freude bereitet“, sagt Noël Martin, der aus Jamaika stammt und leider auch mal in Deutschland arbeitete, zwischen zwei schnellen Zügen an der Zigarette. Fast beiläufig, als sei es nun für ihn das Selbstverständlichste der Welt, fügt er hinzu, dass er in wenigen Monaten sein Leben beenden werde. Es klingt, wie wenn jemand einen Ortswechsel ankündigt, der dringend nötig ist. „Sie haben mir alles genommen, mein Privatleben, meine Würde, alles“, sagt Martin. „Und ein Leben ohne Würde ist nicht lebenswert.“

"Das Schlimmste ist, dass man keinerlei Privatsphäre mehr hat" © picture-alliance / dpa/dpaweb Vergrößern „Das Schlimmste ist, dass man keinerlei Privatsphäre mehr hat”

Im Juni 1996 änderte sich Noël Martins Leben von einer Sekunde auf die andere dramatisch. Der Schwarze, der im Alter von zehn Jahren nach Großbritannien kam, gehörte zu den Zehntausenden britischen Bauarbeitern, die auf ostdeutschen Baustellen arbeiteten. Es war kurz vor seiner Rückkehr nach Großbritannien. Mehrere Aufträge, einer davon in China, warteten. Martin stand am Bahnhof des kleinen brandenburgischen Städtchens Mahlow, im Landkreis Teltow-Flämig unmittelbar südlich der Stadtgrenze Berlins gelegen. Er telefonierte in einer Telefonzelle mit seiner Freundin Jackie. Da hörte er plötzlich Rufe: „Nigger! Nigger!“ Die glatzköpfigen jungen Männer, die ständig am Bahnhof herumhingen, riefen nicht das erste Mal Hetzparolen hinter ihm her. Er hatte sich angewöhnt, sie zu ignorieren.

„Dann gab es einen Knall“

Martin beendete abrupt das Telefongespräch, stieg mit zwei ebenfalls schwarzen Freunden in seinen zerbeulten Jaguar und fuhr davon. „Aus den Augenwinkeln sah ich hinter mir ein unbeleuchtetes Fahrzeug. Plötzlich blendeten die Scheinwerfer auf. Sie rasten hinter mir her, versuchten mich von der Straße abzubringen. Dann gab es einen Knall, an mehr kann ich mich nicht erinnern.“ Wie sich später herausstellte, hatten die Skinheads einen großen Stein durch die Heckscheibe des Wagens geschmissen. Martin verlor die Kontrolle über das Lenkrad.

Das Auto kam von der Fahrbahn ab, überschlug sich mehrfach und prallte frontal gegen einen Baum. Zu Bewusstsein kam der damals Siebenunddreißigjährige erst im Krankenhaus, als man ihm mitteilte, dass seine Wirbelsäule gebrochen, und er vom Hals abwärts gelähmt sei. „Zuerst dachte ich, dass ich bald wieder meine Arme benutzen könne. Erst nach einem Jahr wurde mir klar, dass ich sie nie mehr spüren würde.“ Seine Freunde kamen mit leichteren Verletzungen davon.

Keine Entschuldigung

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