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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Prozesse Der Rudi ist wieder da

22.06.2009 ·  Grotesker, vom Gericht abgenickter Unsinn: Die ersten vier Jahre nach Rudi R.s Verschwinden hatte die Justiz weder Opfer noch Täter, die nächsten vier Jahre schien sie wenigstens die Täter zu kennen, und nun hat sie das Opfer, aber womöglich keine Täter mehr.

Von Martin Wittmann
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Dann ward er nicht mehr gesehen, der Rudi. Noch an jenem Freitagabend, dem 12., im Oktober vor acht Jahren, ist er hier im Sportheim des BSV Neuburg gesessen. „Völlig unauffällig“ habe er sich damals verhalten, wird später in den Gerichtsakten zu lesen sein, und auch der Pauli, wie der Wirt Werner Steger von allen gerufen wird, erinnert sich, dass der Rudi wie immer, wie jeden Freitag, gewesen sei. „Ein feiner Kerl, aber a bisserl aggressiv, wenn er zu viel getrunken hat und die Leute ihn aufgezogen haben, weil er gerade stinkend aus dem Stall gekommen ist und die Gummistiefel noch angehabt hat.“ Acht Halbe Weizenbier bestellt und eine Schachtel HB geraucht habe der Rudi an diesem Abend, sagt Steger, der in seinem Biergarten sitzt und sich selber eine HB ansteckt. Gegen ein Uhr habe der Rudi damals alles anschreiben lassen und sei in seinen Daimler, wie er seinen weißen Mercedes immer genannt habe, eingestiegen und davongefahren. Dann ist der Bauer verschwunden, spurlos.

Vier Jahre später haben Rudi R.s Frau Hermine, die beiden Töchter und der Verlobte einer der Töchter, der Maurer Matthias E., das Geständnis abgelegt, den 52 Jahre alten Bauern in jener Nacht getötet zu haben. Zwar widerriefen sie später ihre Aussagen, doch glaubte das Gericht folgenden Tatablauf rekonstruieren zu können: Matthias E. habe seinen Schwiegervater in spe nach dessen Sportstättenbesuch auf dem familieneigenen Bauernhof im Stadtteil Heinrichsheim bei einem Streit mit einem Vierkantholz niedergestreckt. Hermine R. habe ihren Mann, als der schon auf dem Bauch am Boden lag, mit der Latte noch mal auf den Rücken geschlagen. Da das Opfer danach immer noch am Leben gewesen sei, habe E. einen Hammer nehmen müssen.

Am schlimmsten sei die Erinnerung an das Abtrennen des Kopfes

Der betrunkene Maurer, so heißt es im Urteil inklusive Rechtschreibfehler, „schlug das spitze Ende des Hammerkopfes insgesamt viermal in die linke Schläfe des Rudolf R. Die Spitze, die eine Länge von ca. 8 Zentimeter hatte, drang tief und so fest in den Schädel des Rudolf R. ein, dass E. den Hammer nach den ersten zwei Schlägeln durch sog. ,Naggeln' herausarbeiten musste.“ Dann habe eine der Töchter den Hammer genommen und auf den toten Familientyrann eingeprügelt, in einem „Moment höchster Erregung“. Der Gerichtsarzt sagte später, dies könne ein Abreagieren und eine Art Befreiungsschlag gewesen sein. Im Keller habe E. die Leiche mit einem langen Fleischermesser, einer Eisensäge und einem Beil bearbeitet. Die Töchter „schauten nur für einen kurzen Moment beim Zerteilen zu und verließen dann schnell den Keller“. Dem Gerichtsarzt sagte der konsternierte Matthias E. später, am schlimmsten sei die Erinnerung an das Abtrennen des Kopfes.

Am nächsten Tag ging E. in das BSV-Sportheim und sagte zu Steger: „Den Rudi ham's derschlagn.“ Zahlen konnte E. damals nicht, den Rollerschlüssel, den er Steger als Pfand zurückließ, hat der heute immer noch. In der folgenden Woche ließ E. sich krankschreiben. Den zerteilten Leichnam Rudi R.s „warf er den Hunden zum Fraß vor“, so das Gericht.

Hermine R. zeigte den Journalisten die Mittelfinger

Vor der Ingolstädter Schwurgerichtskammer stritten die Angeklagten im Mai 2005 alles ihnen zur Last Gelegte ab. Die Medien stürzten sich auf die unheimliche Geschichte. Hermine R. zeigte den im Gerichtssaal anwesenden Journalisten die Mittelfinger und beschimpfte den Mitangeklagten E. als „Drecksau“. Die beiden wurden schließlich in dem Indizienprozess wegen gemeinschaftlichen Totschlags zu jeweils achteinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Die Töchter, zur Tatzeit 15 und 16 Jahre alt, wurden zu Jugendstrafen von zweieinhalb und dreieinhalb Jahren verurteilt.

Der Rudi habe immer Ärger mit seinen Weibern gehabt, sagt ein Nachbar, weil die nix gearbeitet hätten. „Gschlampert“ sei es zugegangen im Haus, wo zur Untermiete eine Prostituierte gewohnt habe, die zwar regelmäßig Männerbesuch bekommen, aber angeblich nie Geld für die Miete besessen habe. Das Haus, der vermeintliche Tatort, steht noch so da wie vor vier Jahren. Einem roten Audi 80, der halb von Gebüsch zugewuchert vor der Garage steht, sind die Hinterlichter eingeschlagen. Der Stall ist dem ausladenden Haus eines Nachbarn gewichen. Ein paar Rollerblader fahren vorbei, nebenan wird gegrillt, alles ist ruhig in der oberbayerischen Vorstadt, die fünf Kilometer im Osten von Neuburg an der Donau liegt. Nur die Gestecke am Maibaum des Ortes (3000 Einwohner) sind verwelkt. Der Fall Rudi R. war hier fast vergessen. Bis vor drei Monaten.

Den verschlammten Daimler aus der Donau gezogen

Fünf Autominuten von hier zogen Tauchtrupps am 10. März dieses Jahres den verschlammten Daimler aus der Donau, in dem eine skelettierte Leiche lag. Die Obduktion ergab, dass es sich bei dem Toten um den aufgefressen geglaubten Landwirt Rudi R. aus Heinrichsheim handelt. Die Obduktion ergab auch, dass die Leiche keinerlei Knochenbrüche oder Schädelverletzungen aufweist. Die Geschichte von Hämmern und Hunden - nichts als grotesker, vom Gericht abgenickter Unsinn.

Die ersten vier Jahre nach Rudi R.s Verschwinden hatte die Justiz weder Opfer noch Täter, die nächsten vier Jahre schienen sie wenigstens die Täter zu kennen, und nun haben sie endlich das Opfer, aber womöglich keine Täter mehr. Ein fremder Mörder? Ein Unfall? Selbstmord? Oder doch die schon vom Ingolstädter Gericht vermutete Familienrache an dem Tyrannen, der seine Töchter sexuell missbraucht haben soll? Steger schüttelt den Kopf und nimmt einen Schluck Mineralwasser. Ein Unfall sei es sicher nicht gewesen, der Fundort des Autos liege gar nicht auf dem Heimweg vom Rudi. Auch dass der Bauer sich umgebracht haben könnte, will Steger nicht glauben, „so einer war der Rudi nicht“. Seine Einschätzung: „Die Verurteilten haben ihn umgebracht, das denkt hier eigentlich jeder.“ Vielleicht sei er ja erstickt worden, aus Gier. Schließlich habe Hermine R. schon wenige Tage nach dem Verschwinden ihres Mannes vom Erben gesprochen.

Der Anwalt sieht aus wie ein Schönheitschirurg

Klaus Wittmann, Rechtsanwalt, hat dieser Tage viel zu tun. Fleißig kommt er den vielen Anfragen der Journalisten nach, und er scheint es nicht ungern zu tun. Er sitzt in heller Hose, weißem Kurzarmhemd und mit einer randlosen Brille auf der gebräunten Nase in seinem Büro in Ingolstadt und sieht dabei aus wie ein Schönheitschirurg. Der Fall des Rudi R. ist sein Patient, der von Justiz und Polizei verunstaltet scheint. Vielleicht waren die überfordert, vielleicht war ihnen der Druck zu groß, jemanden für das aufsehenerregende Verbrechen zu verurteilen. Wittmann, der seit dem Fund der Leiche Hermine R. vertritt, kann jedenfalls nur den Kopf schütteln über das Zustandekommen der Urteile von 2005.

Wie seltsam die Justiz damals den Fall handhabte, zeigt etwa der Umgang mit dem Mitarbeiter eines Schrotthandels, zu dem ausgerechnet die Untermieterin der R.s den weißen Mercedes in der Tatnacht gebracht haben soll. Der Mann hatte die Entsorgung bei einer polizeilichen Anhörung zunächst bestätigt, zog diese Aussage aber vor Gericht, wo er mit drei Halben Bier intus erschien, zurück. „Ich bin unter Entzug gestanden und hab' irgendwas erzählt“, sagte der alkoholkranke Mann. Dann drohten der Richter und der Oberstaatsanwalt mit der Festnahme wegen Falschaussage, und so gestand der eingeschüchterte Mann ein, in der vermeintlichen Tatnacht einen Mercedes verschrottet zu haben: Rudi R.s Wagen, der zu dieser Zeit wohl schon in der Donau lag.

Es muss nun geprüft werden, ob der Unsinn unsinnig genug war

Über eine Wiederaufnahme des Falles wird nun das Landgericht Landshut entscheiden. Die zweite Chance für die Verurteilten scheint jedoch keineswegs sicher. Denn dass Rudi R. offensichtlich nicht an die Hunde verfüttert wurde, heiße ja nicht unbedingt, dass seine Familie an seinem Tod unschuldig sei, sagt der zuständige Staatsanwalt Ralph Reiter. „Wir müssen uns nun vorstellen, welches Urteil das Gericht in Ingolstadt gefällt hätte, wenn es damals schon die Leiche gehabt hätte“, sagt Reiter. Nur wenn das neue Urteil gravierend anders als das damals gefällte ausgefallen wäre, würde der Fall neu verhandelt werden - es muss also geprüft werden, ob der Unsinn unsinnig genug war.

Steger glaubt nicht an die große Wende in dem Fall. Er zeigt auf den Fußballplatz direkt neben seiner Gaststätte. „Den Platz hat der Rudi immer unentgeltlich gewalzt, verlässlich war er wirklich.“ Nein, was die Familie mit dem Rudi gemacht habe, das habe er wirklich nicht verdient. Am Tag nach jenem Freitag im Oktober 2001, erinnert sich Steger, ist die Hermine ungerührt in seine Gaststätte gekommen und habe Rudis Rechnung gezahlt. Auf den vermissten Rudi angesprochen, soll sie zwei Freundinnen gesagt haben: „Der kommt nimmer.“ Wie so vieles in dieser makabren Geschichte sollte sich diese Prognose als falsch erweisen. Denn der Rudi ward wieder gesehen. Mitsamt seinem verschlammten Daimler.

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