26.10.2009 · Unter scharfen Sicherheitsvorkehrungen hat vor dem Landgericht Dresden der Prozess um die tödliche Messerattacke auf Marwa al-Scharbini verspätet begonnen. Alex W. wurde an Händen und Füßen gefesselt in den Gerichtssaal gebracht.
Von Stefan Locke, DresdenDas Landgericht Dresden an der Lothringer Straße ist ein Neorenaissancebau mit markanten Ecktürmen und großen Fenstern, der frei zugänglich inmitten eines Wohngebiets im Stadtteil Johannstadt liegt. Von diesem Montag an aber wird das Gebäude abgeriegelt, alle Zufahrtsstraßen werden gesperrt, 200 Polizisten nebst einem Spezialeinsatzkommando kontrollieren dann das Gelände. Richter, Anwälte, Zuschauer und Journalisten werden nur über zwei Sicherheitsschleusen in den Verhandlungssaal gelangen, in dem Handwerker eine Panzerglaswand installierten, die Publikum und Prozessbeteiligte trennt. Jeder Prozessbesucher muss bei der Sicherheitskontrolle seine Schuhe ausziehen und Gegenstände wie Ringe und Ketten ablegen. Ein Großaufgebot an Polizei sichert das Gerichtsgebäude ab.
Das Landeskriminalamt hat erstmals vor einem Prozess analysiert, welche Gefahr von ihm ausgehen könnte. „Konkrete Drohungen gibt es zwar nicht“, sagt Sprecherin Sylvaine Reiche. Racheakte, etwa gegen den Angeklagten, seien jedoch nicht ausgeschlossen. Er soll laut Anklage aus „bloßem Hass auf Nichteuropäer und Moslems“ gehandelt haben. Der immense Sicherheitsaufwand wird wohl Elwi Okaz wie Hohn vorkommen, wenn er am Montag das Landgericht betritt. Vier Monate zuvor musste der 33 Jahre alte Ägypter hilflos mit ansehen, wie in einem anderen Saal des Gebäudes seine Frau starb, niedergestochen von Alex W., einem 28 Jahre alten Russlanddeutschen, dem nun der Prozess gemacht wird. Die Hauptverhandlung ist der vorläufig letzte Akt in einem Drama, das im Sommer zu Großdemonstrationen in arabischen Ländern, diplomatischen Krisen und einer neuerlichen Hasstirade des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadineschad führte, der Deutschlands Regierung und Justiz des Rassismus bezichtigte.
Sie hat im Leben noch viel vor
Die Schauplätze der Handlung liegen alle in unmittelbarer Nähe des Gerichts. Nur wenige hundert Meter entfernt begegnen sich am 21. August 2008 Marwa al-Scharbini und Alex W. zufällig auf einem Spielplatz. Sie wohnen beide nicht weit voneinander entfernt, haben sich aber noch nie gesehen. Seit 2005 lebt die 31 Jahre alte Ägypterin mit ihrem Mann in Dresden; der Biologe forscht am Max-Planck-Institut und will bis Ende dieses Jahres seine Doktorarbeit abschließen. Sie hat Pharmazie studiert und arbeitet seit kurzem in einer Apotheke. Sie hat im Leben noch viel vor.
Alex W. kommt 2003 mit Mutter und Schwester aus Perm am Ural, wo er 1980 geboren wurde, nach Deutschland. Er hat eine Lehre als Elektromonteur abgeschlossen und wohnt zunächst im Aussiedlerheim, darf aber noch nicht arbeiten. Der Heimleiter erinnert sich an ständige Streitereien W.s mit seiner Mutter und mit Nachbarn. Nach einem Jahr zieht W. allein in eine Plattenbauwohnung, lebt überwiegend von Hartz IV und verdient sich gelegentlich etwas dazu. Freunde hat er nicht, auch keine Freundin.
Beschimpfte die Kopftuchträgerin als „Terroristin“
So treffen an jenem 21. August die hoffnungsvolle Ägypterin und der frustrierte Russlanddeutsche aufeinander. Zwischen Sandkasten und Klettergerüst stehen zwei Schaukeln, auf der einen sitzt W., auf der anderen dessen Nichte. Als Marwa al-Scharbini bittet, ihren zweijährigen Sohn Mustafa auch schaukeln zu lassen, rastet W. aus und beschimpft die Kopftuchträgerin als „Islamistin“ und „Terroristin“. Passanten rufen die Polizei, die eine Anzeige aufnimmt; W. erhält später einen Strafbefehl über 330 Euro wegen Beleidigung.
Den aber akzeptiert er nicht, er fühlt sich gedemütigt und schikaniert. In der folgenden Verhandlung bezeichnet er Islamisten als Feinde, woraufhin der Richter die Geldstrafe wegen Uneinsichtigkeit verdoppelt. W. ficht das Urteil erneut an, ebenso wie die Staatsanwaltschaft, die nun eine Freiheitsstrafe für ihn will. Die Berufungsverhandlung ist für Mittwoch, den 1. Juli 2009, 9.30 Uhr, im Saal 010 des Landgerichts angesetzt.
Überall ist plötzlich Blut
Die Verhandlung beginnt nach Plan. Es ist ein Beleidigungsdelikt, mehr oder weniger Routine; besondere Sicherheitsvorkehrungen gibt es dafür nicht. Alex W. erklärt dem Gericht in ruhigem Ton seine Sicht der Dinge und auf die Welt. Er spricht von Rassen, dass Muslime in Deutschland nach dem 11. September 2001 nichts mehr zu suchen hätten und dass er die NPD wähle. Danach beantwortet Marwa al-Scharbini als Zeugin alle Fragen, sachlich und auf Deutsch. Sie bestreitet sogar, dass Alex W. sie „Islamistenschlampe“ genannt hat, wie es die Polizei vermerkt hat, aber „Islamistin“ und „Terroristin“ habe er gesagt. Danach kann sie gehen, es ist jetzt 10.20 Uhr. Gemeinsam steht sie mit Ehemann und Sohn schon an der Tür des kleinen Saals, als Alex W. ein Küchenmesser zückt und wie von Sinnen auf die Ägypterin einsticht. Ihr Mann will ihr helfen, da geht Alex W. auch auf ihn los. Überall ist plötzlich Blut, W.s damaliger Verteidiger drischt mit einem Stuhl auf seinen Mandanten ein, von draußen eilen Justizbeamte herbei, auch ein Bundespolizist aus dem Nachbarsaal. Im Tumult hält er offenbar Elwi Okaz für den Täter und schießt ihm den Oberschenkel.
Marwa al-Scharbini stirbt um 11.07 Uhr, ihr Mann muss reanimiert werden, die Ärzte versetzen ihn in ein künstliches Koma. Alex W. sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Sechzehn Messerstiche in Rücken, Brust und Arme zählen die Ermittler später bei Marwa al-Scharbini, die im dritten Monat schwanger war, mindestens genauso viele erlitt ihr Ehemann. Achtzehn Zentimeter lang war die Klinge des Küchenmessers, das W. in seinem Rucksack mit in den Gerichtssaal brachte. Er war nicht vorbestraft, nicht in der rechtsradikalen Szene, besaß nicht mal rechtsextremes Material. Nun wirft ihm die Staatsanwaltschaft Mord, versuchten Mord und gefährliche Körperverletzung wegen ausgeprägten Hasses auf Nichteuropäer und Muslime vor.
Das Gericht hat zehn Verhandlungstage angesetzt
„Da Marwa al-Scharbini und Elwi Okaz nicht einmal ansatzweise mit einem Angriff rechneten und der Attacke hilflos ausgesetzt waren, ist zudem das Mordmerkmal der Heimtücke erfüllt“, sagt Oberstaatsanwalt Christian Avenarius. Laut einem psychiatrischen Gutachten ist Alex W. voll schuldfähig und muss daher mit einer lebenslangen Freiheitsstrafe rechnen. Die Frage der Schuldfähigkeit dürfte jedoch während des Prozesses eine große Rolle spielen, da jüngst W.s russischer Wehrpass mit einem Vermerk bekannt wurde, nach dem er „nach Artikel 15a“ ausgemustert wurde. Besagter Artikel beschreibt angeblich Psychosen, Wahnzustände und Schizophrenie als Ausmusterungsgründe, eine Bestätigung gibt es dafür bisher nicht.
Das Gericht hat zehn Verhandlungstage bis zum 11. November angesetzt. Im gesamten Prozess sollen mehr als 20 Zeugen gehört werden. Der Witwer ist für den Nachmittag als erster Zeuge vorgesehen. Das Interesse ist groß, Berichterstatter aus aller Welt haben sich angemeldet, darunter auch der arabische Sender Al Dschazira sowie das russische und ägyptische Staatsfernsehen. Elwi Okaz lebt nun in Ägypten und ist - wie die Eltern und der Bruder seiner Frau - Nebenkläger. Sie hoffen, berichtet ihr Anwalt, dass die Richterin Alex W. lebenslang hinter Gitter schickt, wenn möglich mit Sicherungsverwahrung.
Sicherheitskontrollen
Mathias Overlack (MOFAZ)
- 26.10.2009, 16:27 Uhr