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Prozessbeginn im Fall Lea-Sophie „Für die Körperpflege war Nicole zuständig“

15.04.2008 ·  Vor dem Schweriner Landgericht müssen sich die Eltern der verhungerten Lea-Sophie wegen Mordes verantworten. Der Vater bedauert den Tod, die Mutter sagt nichts.

Von Karin Truscheit
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Eine Frau, die eine andere Frau kennt, die die Hebamme von Nicole kennt, sagt, dass die Nicole „eine Nette“ gewesen ist. Die Hebamme habe das Brüderchen von Lea-Sophie zur Welt gebracht. Eine ganz nette Familie sei das gewesen. Und wie hätten die sich gefreut über die Geburt des kleinen Justin! Und dann das! Jetzt will die Frau mal schauen, wie die Nicole so in natura aussieht. Dazu müht sie sich ab, reckt sich, schubst und drückt mit ihrer Handtasche nach links und rechts, um im Gedränge am Justizvollzugsbeamten vorbei einen Blick auf die 24 Jahre alte Nicole G. zu erhaschen, die als dunkler Schatten an den Zuschauern vorbeihuscht.

Auf der Anklagebank gleitet Nicole G. auf ihren Stuhl und wird in ihrem schwarzen Nadelstreifen-Anzug sofort eins mit den Roben ihrer Anwälte. Sie wird an diesem Tag nichts sagen, nicht einmal ihren Namen. Sie wird auch ihren Freund und Vater ihrer Kinder, der mit ihr auf der Anklagebank sitzt, nicht anschauen. Sie wird ihren Blick in die Ferne gerichtet halten, als wenig später der Staatsanwalt ihr vorwirft, zusammen mit ihrem Freund Stefan T. ihre Tochter Lea-Sophie „durch Unterlassen gequält“ zu haben, so dass Lea-Sophie am 20. November 2007 im Alter von fünf Jahren verhungert und verdurstet ist. Sie sollen gemeinsam das Kind „grausam“ getötet haben. Nicole G. und Stefan T. sind beide vor dem Landgericht Schwerin wegen Mordes angeklagt. Das Mordmerkmal sieht die Staatsanwaltschaft in der Grausamkeit.

„Sie war schon immer zierlich“

Die Grausamkeit kann der 26 Jahre alte Stefan T. nicht erkennen. Er lässt eine Einlassung durch seinen Anwalt verlesen. Darin schildert er, wie gerne seine Tochter Lea-Sophie mit den vielen Haustieren der Familie gespielt habe. Und dass sie immer schon zierlich gewesen sei, anders als die anderen Kinder. Und ein schlechter Esser. Aber auch er und Nicole seien schlechte Esser. Frühstück und Abendessen gab es. Kein Mittagessen. Dafür hätten sie in der ganzen Wohnung Süßigkeiten verteilt, zur freien Vefügung.

Diese Essgewohnheiten waren vielleicht der Grund, warum Lea-Sophie 2004 vom Kindergarten abgemeldet wurde. Das Essensgeld von 60 Euro für das Mittagessen habe man sparen wollen. Im selben Jahr zogen Nicole G. und Stefan T. mit Lea-Sophie in eine eigene Dachgeschosswohnung, die von der Staatsanwaltschaft als sauber und äußerst kindgerecht geschildert wird. Zuvor hatte Nicole G. mit der Tochter bei ihren Adoptiveltern gewohnt. Doch es kam zu Reibereien. Die Großeltern hätten immer wieder in die Erziehung reingeredet, so Stefan T. Ihm warfen sie vor, sich nach der Bundeswehr nicht genügend um einen Beruf zu kümmern. Die Großeltern wollten Lea-Sophie behalten. Nicole G. und Stefan T. zogen mit dem Kind aus und brachen den Kontakt ab. „Niemand sollte uns bevormunden.“ Dann kamen die Haustiere, Hunde, Meerschweinchen, Katzen und spanische Molche.

Ihr Oberarm hatte einen Durchmesser von 2,2 Zentimetern

Um das Gedeihen der Tiere kümmerten sie sich liebevoll. Das Gewicht des Kindes hingegen musste die Gerichtsmedizin dokumentieren. 7,375 Kilogramm wog sie zuletzt im Alter von fünf Jahren, bei einer Körpergröße von 95 Zentimetern. Normal sind etwa 15 Kilogramm. Ihr Oberarm hatte einen Durchmesser von 2,2 Zentimetern. Große Schmerzen müssen ihr die Durchliegegeschwüre bereitet haben, die sich an Gesäß und Rücken bis in die Knochen gefressen hatten. Das Mädchen konnte offenbar die letzte Zeit seines Lebens nur noch hockend oder liegend verbringen, zu keiner größeren Bewegung mehr fähig. Es war äußerlich vergreist, das Haar in Büscheln ausgefallen. Als sie am 20. November im Krankenhaus an den Folgen der Unterernährung, der Austrocknung und der vielen Entzündungen starb, hatten ihr die Ärzte kurz zuvor eine Windel entfernt, die tage-, wenn nicht wochenlang nicht gewechselt worden war. An Bauch und Oberschenkel fand man eingetrocknete Kotreste.

„Für die Körperpflege war Nicole zuständig“, heißt es in Stefan G.s Einlassung. Sie habe die Windeln gewechselt. Er habe sowieso eine seltsame Distanz zu seiner Tochter gehabt. „Ich konnte einfach nicht mir ihr spielen, das hat Nicole gemacht.“ Dafür beschäftigte sich Stefan T. mit dem Computer und sorgte sich um die Haustiere. Eine schöne Gemeinschaft, meint Stefan T. Man war sich selbst genug, keiner redete rein. Die Staatsanwaltschaft sagt, den Eltern muss bewusst gewesen sein, dass die Geschwüre starke Schmerzen verursachten. Er habe ja das Kind nur in Hemdchen und Strumpfhose gesehen, nie unbekleidet, behauptet Stefan T. Und Nicole G. sagt dazu gar nichts. Dafür belastet Stefan T. sie in seiner Einlassung schwer: „Sie hat sich meistens um Lea-Sophie gekümmert. Wie gesagt: Für die Körperpflege war allein Nicole zuständig.“ Auch sei Nicole oft verärgert gewesen, wenn sich Lea-Sophie wieder „eingekotet“ hätte. Das habe er wohl mitbekommen. Sonst nichts.

„Du hast mir sowieso nichts zu sagen!“

Gemeinsam wollen sie hingegen versucht haben, das Kind zum Essen zu bewegen. Bis zur Geburt des Bruders Justin am 30. September 2007 lief es so einigermaßen. Alle freuten sich über das Baby. „Wenn ich ihn im Arm hielt, war für mich die Welt in Ordnung.“ Für die Erstgeborene allerdings nicht mehr. Sie fügte sich fortan nicht mehr. Eifersüchtig sei sie gewesen und aggressiv. Lea-Sophie begann, nachts Schränke auszuräumen. Essen wollte sie kaum noch. Nicole G. kümmerte sich viel um den Säugling. „Ich sagte ihr, sie soll sich auch um Lea kümmern.“ Nicole G. soll geantwortet haben: „Du hast mir sowieso nichts zu sagen!“

Die Eltern wurden von den Großeltern darauf aufmerksam gemacht, Lea-Sophies Nahrungsverweigerung ernst zu nehmen. Doch das Paar weigerte sich. Pudding und Volkornbrot wollen sie ihr verabreicht haben. „Wir haben immer wieder vernünftig mit ihr geredet: Iss doch! Nimm doch! Mach doch!“ Aber Lea-Sophie spuckte mitunter das Wenige, das sie aß, einfach wieder aus. „Das hat uns sehr verärgert.“ Sodann wurden Lebensmittel in der ganzen Wohnung verteilt, auch Süßigkeiten. „In ihrem Zimmer stand immer ein großes Glas Wasser.“ Sie habe sich also jederzeit bedienen können. „Ich habe gedacht, wenn sie hungrig ist, wird sie schon essen.“ Lea-Sophie wurde immer dünner. Stefan T. will dazu nur bemerkt haben: „Das wird schon wieder. Irgendwann isst sie wieder.“

Anonymer Anruf aus der Nachbarschaft

Am 12. November bekam das Jugendamt einen anonymen Anruf aus der Nachbarschaft, der Säugling sei kaum draußen zu sehen, und das Mädchen scheine nicht mehr im Haushalt zu leben. Jugendamtsmitarbeiter klingelten an der Wohnungstür, aber niemand öffnete. Die Eltern wurden schriftlich ins Amt bestellt. Am 13. November erschienen sie mit dem Säugling im Jugendamt, Lea-Sophie sei bei Bekannten. Die Amtsmitarbeiter bestanden nicht darauf, das Mädchen zu sehen - was, neben anderen Vorwürfen, später dazu führen wird, dass Sozialdezernent Hermann Junghans in ein anderes Ressort wechseln muss und sich der politisch angeschlagene Oberbürgermeister Norbert Claussen am 27. April einem Bürgerentscheid zu seiner Zukunft stellen muss.

Nach den Angaben Stefan T.s sprach das Paar nie darüber, einen Arzt zu konsultieren. „Ich habe ihren Zustand nicht so schrecklich in Erinnerung. Ich meine, sie konnte sich auch bis zum Schluss noch bewegen.“ So sei Lea-Sophie auch noch in ihren Prinzessinnen-Stuhl geklettert. In diesem Stuhl fand das Paar am 20. November 2007 abends seine Tochter leblos hängen, fast stranguliert von den Trägern einer Latzhose. Stefan T. und Nicole G. waren zuvor mit dem Baby, das offenbar stets wohlgenährt und gut gepflegt war, und den Hunden spazierengegangen. Lea-Sophie ließen sie allein zurück. Auf diesem Spaziergang habe man nochmals die Ess-Situation besprochen. „Wir überlegten, ihr mal Baby-Nahrung zu geben.“ Zurück zu Hause, rief Stefan T. den Notarzt. Gegen den Willen seiner Freundin, wie er mitteilen lässt. „Nicole war sauer auf mich. Sie hatte Angst, dass man uns dann die Kinder wegnimmt.“

Wenige Stunden später war Lea-Sophie tot. Stefan T. lässt dazu verlesen, dass er zu keinem Zeitpunkt wollte, dass seine Tochter stirbt. „Es gibt keine höhere Strafe für einen Menschen, als seine Tochter zu verlieren. Ich habe als Vater versagt.“

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Jahrgang 1969, Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

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