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Prozess wegen Containerns : So ein Müll

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Auf dem langen Weg vom Acker über die Hersteller und den Handel bis zum Kunden, kommen tonnenweise Lebensmittel weg - aus Versehen, wegen ungenauer Planungen oder umstrittener Normen für Größen und Formen Bild: dpa

Drei Studenten sind wegen „Containerns“ angeklagt. Sie sollen abgelaufene Lebensmittel aus dem Müll geholt und gestohlen haben. „Es geht um unsere Wegwerfgesellschaft“, sagt eine Angeklagte.

          Tamara Gremmelspacher ist aufgebracht: „Wir hatten Lebensmittel im Auto, die Polizei hielt uns an, und seitdem werden wir kriminalisiert – von der Polizei, von Tegut und von der Justiz.“ In drei Stunden wird sie in Eschwege vor dem Richter stehen. Es geht um diese eine Nacht im Juni 2013. Die Staatsanwaltschaft wirft ihr vor, abgelaufene Lebensmittel gestohlen zu haben. Sie meint: „Bei diesem Verfahren geht es um unsere Wegwerfgesellschaft.“

          Tamara Gremmelspacher und zwei weitere Studenten sollen über den drei Meter hohen Zaun eines Tegut-Markts in Witzenhausen (Nordhessen) geklettert sein und Lebensmittel aus den Abfallbehältern gefischt haben. „Containern“ nennt man dieses Stöbern in Abfallbehältern. Manche Menschen fischen aus Not, andere wollen damit die Verschwendung von Lebensmitteln anprangern.

          Die Polizei stoppte den Wagen der Studenten in jener Juni-Nacht, durchsuchte ihn und fand insgesamt 110 Lebensmittel aus dem Tegut-Sortiment. Brot, Nektarinen, Wurst und Käse, alle mit abgelaufenem Verfallsdatum. Die meisten Container-Verfahren in Deutschland wurden bislang eingestellt, hier aber lauteten die Strafbefehle: jeweils 90 Tagessätze à 50 Euro, also 4500 Euro, oder drei Monate Gefängnis. „Drakonisch“, fand Gremmelspachers Verteidigerin Marlene Jendral. Die Studenten legten Einspruch ein.

          „Wir sind Lebensmittelretter“

          Am ersten Prozesstag Anfang Februar blieben viele Fragen unbeantwortet. Die Angeklagten schwiegen zum Vorwurf. Der Lebensmittelhändler Tegut argumentierte, dass die Waren nicht nur Müll gewesen seien, sondern für die Witzenhauser Tafeln bestimmt.. Doch die Tafeln dürfen gar keine abgelaufenen Lebensmittel annehmen. Das Gericht vertagte sich.

          Um 13 Uhr am Donnerstag, kurz vor Beginn des zweiten Prozesstages, versammeln sich etwa 30 Unterstützer der Angeklagten vor dem Gericht in Eschwege. Es herrscht Volksfeststimmung, eine Samba-Band trommelt. Die Demonstranten essen Container-Lebensmittel, schunkeln und skandieren: „Wir sind keine Schwerverbrecher, sondern Lebensmittelretter.“ Bei diesem Prozess, das wird klar, geht es um mehr als nur ein bisschen Müll. Ein Blog begleitet das Verfahren, die Aktivisten nutzen es als Bühne: „50 Prozent unserer Lebensmittel werden weggeworfen“, sagt Gremmelspacher. „Wir wollen die Gesellschaft dafür sensibilisieren.“

          Das Gericht hat die ehemalige Filialleiterin von Tegut als Zeugin geladen. Sie sagt aus, dass man nicht feststellen könne, aus welcher Filiale die Lebensmittel aus dem Wagen genau stammen.

          „Supermärkte müssen aufhören, Zäune um die Container zu bauen“

          Am Ende plädiert selbst der Staatsanwalt auf Freispruch. Den Angeklagten könne nicht nachgewiesen werden, dass sie die im Auto gefundenen Lebensmittel bei Tegut in Witzenhausen gestohlen hätten. Und dann äußern sich die Angeklagten doch noch und werden grundsätzlich.

          In ihren Plädoyers fordern sie einen anderen Umgang mit Lebensmitteln und sprechen über eine Legalisierung des Containerns. Der Prozess ist jetzt ihre Bühne. „Supermärkte müssen aufhören, Zäune um die Container zu bauen“, sagt Tamara Gremmelspacher. „Damit kriminalisiert man Menschen, die sich Gedanken um einen besseren Umgang mit Lebensmitteln machen.“

          Das Gericht spricht die Angeklagten dann aus Mangel an Beweisen frei. Der Tatbestand des schweren Diebstahls sei nicht erwiesen.

          Vor dem Gebäude jubeln die Demonstranten. Und Tamara Gremmelspacher findet, dass sich das Verfahren jetzt doch gelohnt hat.

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