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Veröffentlicht: 15.06.2015, 09:30 Uhr

Fall Tugçe Albayrak Ohne Maß, mit Ziel

Mutiges Mädchen, brutaler Schläger – das war sofort nach Tugçe Albayraks Tod die reißerische Deutung. Der Prozess zeichnete ein anderes Bild. Und hätte ohne die massive Berichterstattung einen anderen Verlauf genommen.

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© Marcus Kaufhold Beileidsbekundungen nahe der McDonald’s-Filiale am Kaiserleikreisel in Offenbach.

Sanel M., den mittlerweile halb Deutschland kennt, weil er sich im Prozess um die getötete Tugçe Albayrak verantworten muss, ist jüngst vor dem Oberlandesgericht Frankfurt abgeblitzt. Er hatte Beschwerde gegen die Fortdauer seiner sieben Monate währenden Untersuchungshaft eingelegt. Das Gericht sagte nein. Einer der Gründe dafür: Fluchtgefahr. So weit, so normal. Bemerkenswert ist aber die Begründung wiederum dafür. Der Angeklagte werde „wegen der ihm vorgeworfenen Tat in Deutschland massiv bedroht, gegebenenfalls auch aufgrund der umfangreichen und polarisierenden medialen Berichterstattung“. Deshalb sei zu befürchten, dass er sich ins Ausland – insbesondere nach Serbien – absetzen könnte, wo er Verwandte habe.

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Die Befürchtungen des Oberlandesgerichts sind berechtigt. Der Angeklagte war ja noch nicht einmal in der Justizvollzugsanstalt in Wiesbaden vernünftig zu schützen. Ein Mithäftling hat ihm dort mit Verweis auf seinen Schlag gegen den Kopf von Albayrak die Nase gebrochen. Wie also sollte M., würde man ihn in Kürze in die Freiheit entlassen, in Deutschland oder auch nur in seiner Heimatstadt Offenbach zu schützen sein? Nur sehr schwer. Da waren sich am Freitag die Parteien vor dem Darmstädter Landgericht weitgehend einig. Am Dienstag soll dort das Urteil in dem Fall gesprochen werden. Der Oberstaatsanwalt sagte über M.: „Ich möchte nicht in seiner Haut stecken.“ Und einer der Verteidiger: „Das Leben des Angeklagten wird künftig auch von Angst bestimmt sein. Er wird das Rhein-Main-Gebiet verlassen müssen. Schon deshalb wird er sich ein Leben lang mit dieser Tat auseinandersetzen.“

Der Beschluss des Oberlandesgerichts ist dabei nur ein kleiner Beleg dafür, wie sehr die juristische Aufarbeitung des fatalen Aufeinandertreffens von M. und Albayrak noch immer durch die Bilder bestimmt ist, die unmittelbar danach vom Opfer und vom Täter gezeichnet wurden: Hier die Gute, dort der Böse. Hinzu kam die „Dimension und die Wucht“ des öffentlichen Interesses, von der am Freitag auch der Oberstaatsanwalt sprach. Nun kann man den Medien aus gutem Grund nicht vorschreiben, wofür sie sich – und mit welcher Intensität – zu interessieren hätten. Man kann auch nicht verlangen, dass sie ihre Einschätzungen immer auf Recherchen stützen, die an den Umfang einer gerichtlichen Beweisaufnahme heranreichen. Für die Bürger, die sich ihre Meinungen bilden, gilt das sowieso. Rechtsstaatliche Prinzipien, voran die Unschuldsvermutung, werden deshalb aber nicht obsolet. Im Fall Albayrak konnte man allerdings manchmal den Eindruck haben, dass es doch so sei.

„Zivilcourage“ möglicherweise nicht in Reinform

Zwei Beispiele. Zunächst die Traueranzeige, die das McDonald’s-Restaurant, auf dessen Parkplatz die Tat im November verübt wurde, kurz nach dem Tod der jungen Studentin mit türkischen Wurzeln in der „Bild“-Zeitung veröffentlichte. Auf Deutsch und auf Türkisch stand dort geschrieben: „Wir trauern um eine außergewöhnliche Frau, die Zivilcourage gezeigt hat und dabei ihr eigenes Leben verloren hat. Der brutale Überfall auf Tugçe Albayrak hat auch uns, insbesondere die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Restaurants in Offenbach Kaiserlei, fassungslos gemacht.“ Die Anzeige überhaupt sowie ihr Wortlaut lassen sich erklären. Menschlich sowieso, aber auch taktisch.

A guard escorts defendant Sanel M. into the courtroom for the start of his trial, at the high court in Darmstadt © Reuters Vergrößern Durch die Medienberichterstattung wurde auch der Schutz des Angeklagten Sanel M. zum Thema.

Der Prozess in Darmstadt hat nämlich Hinweise darauf erbracht, dass McDonald’s-Mitarbeiter – wie alle anderen Menschen auch – nicht gefeit sind gegen mögliches Fehlverhalten. Eine Zeugin wunderte sich, warum die Freunde um M., die sich in jener Nacht in dem Schnellrestaurant mindestens auffällig gebärdet hatten, vom Personal nicht zur Raison gerufen wurden. Freundinnen des Opfers erinnerten sich daran, dass sie Schwierigkeiten hatten, im McDonald’s Wasser zu bekommen, um die am Boden Liegende notzuversorgen. Schließlich hat ein McDonald’s-Mitarbeiter noch in der Tatnacht auf Anweisung einer Vorgesetzten den Blutfleck vom Asphalt entfernt, was zumindest aus Sicht der Ermittler nicht besonders schlau war.

Ein zweites Beispiel: Joachim Gauck. Der Bundespräsident sagte nach dem Tod Albayraks nicht nur zu, er wolle prüfen lassen, ob ihr postum das Bundesverdienstkreuz zu verleihen sei – in einer Online-Petition war das vieltausendfach gefordert worden. Mehr noch: Er schrieb einen Brief an die Familie. Darin heißt es: Ihre Tochter sei „zum Opfer eines brutalen Verbrechens geworden“.

Zivilcourage auf der einen Seite also, ein brutales Verbrechen auf der anderen. Das Problem: Der Prozess hat starke Anhaltspunkte dafür geliefert, dass es eben nicht so war, jedenfalls nicht in dieser Reinform. So haben sich Zweifel daran ergeben, inwieweit die jungen Mädchen, die Albayrak auf der Damentoilette vor den jungen Männern um den Angeklagten gerettet haben soll, wirklich rettungsbedürftig waren; inwieweit Hilfe die einzige Motivation von Albayrak war, dass sie in den Konflikt mit M. getreten ist; inwieweit die Toilettenszene ursächlich war für die spätere Eskalation auf dem Parkplatz – die Anwälte von M. haben das weitgehend bestritten. Schließlich: ob der Angeklagte tatsächlich, wie es der Nebenklägeranwalt am Freitag darstellte, planmäßig und ohne Rücksicht auf Verluste vorging – oder ob seine Tat nicht vielmehr Ergebnis einer spontanen Wut oder gar seines Gockelgehabes war und letztlich, wie es der Rechtsmediziner angedeutet hat, als „unglücklich“ bewertet werden kann.

Oberstaatsanwalt: „Medialer Exzess“

Klar ist bei alledem: Ohne die massive Berichterstattung über den Fall wäre der Prozess vor dem Landgericht Darmstadt anders angelegt worden und hätte auch einen anderen Verlauf genommen. Das fängt schon beim Umfang des Verfahrens an. Zehn Verhandlungstage sind sehr viel, gemessen an dem angeklagten Delikt „Körperverletzung mit Todesfolge“. Es geht weiter beim Richter. Der hat durch seine Verhandlungsführung versucht, alle Zweifel daran zu zerstreuen, dass auch er unter dem Joch der öffentlichen Erwartungen stehen könnte. So wies er Sympathisanten von Albayrak, die am ersten Prozesstag mit Tugçe-T-Shirts erschienen waren, darauf hin, dass der Gerichtssaal nicht der Ort für Demonstrationen sei: „Hier soll etwas geklärt werden.“ Auch alle anderen am Prozess Beteiligten waren sich – im guten Fall – der speziellen Begleitumstände sehr bewusst oder wurden – im schlechten – in ihren Strudel gerissen.

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Der Oberstaatsanwalt, der schon zu Beginn der Verhandlung von „einem medialen Exzess“ gesprochen hatte, holte am Freitag noch einmal aus. Man habe „am Anfang“ den Eindruck haben können, „dass Teile der Medien jeden Grauton vermeiden wollten“. Die Verteidiger sehen das natürlich genauso. In ihrer heftigen Medienkritik, die sie am Freitag vor allem gegen die „Bild“-Zeitung richteten, blendeten sie allerdings weitgehend aus, dass sich inzwischen sogar in Teilen des Springer-Verlags eine ausgewogenere Sicht der Dinge Bahn gebrochen hat. Sie blieben so – aus ihrer Perspektive verständlich – hinter ihren eigenen Ansprüchen auf Differenziertheit zurück.

Richter und Anwälte sind Profis. Anders sieht das bei der Familie von Tugçe Albayrak aus, bei ihren Eltern und ihren Brüdern, die den Prozess als Nebenkläger begleiteten. Sie haben sich während des Verfahrens vorbildlich verhalten, was sicher nicht einfach war. Man denke nur an die Mutter, die sich neun Verhandlungstage tapfer anhörte, wie man sie in der Tatnacht in Abwesenheit als „Hure“ beschimpfte oder wie vermeintlich zu ihrer Verteidigung die Mütter anderer eine solche genannt wurden. Es kamen Dinge zur Sprache – der Alkoholkonsum ihrer Tochter etwa –, die sonst auch in den besten Familien ungesagt bleiben. Aus guten Gründen: damit sich die Eltern keine unnötigen Sorgen machen – oder weil die Dinge normalerweise so banal sind wie die ganze Nacht auf den 15. November banal gewesen wäre ohne ihr tragisches Ende.

Die Familie sucht Trost in einem höheren Zweck

Tugçe Albayrak ist im Gerichtssaal keineswegs demontiert worden. Man hat sie vielmehr kennengelernt als unerschrockene junge Frau und verlässliche Freundin, mit der man sicher einen guten Abend verbringen konnte und die charakterlich wahrscheinlich ziemlich in Ordnung war. Selbst der Verteidiger von M. gestand am Freitag zu, dass sein Mandant „nicht ganz zu Unrecht als das Gegenteil von Albayrak dargestellt“ wurde. Das Problem ist das Maßlose und Weltfremde – dass Albayrak, wie der Oberstaatsanwalt sagte, „auf einen Sockel gehoben wurde“, auf den kein Mensch gehört. Dafür konnte die junge Frau am allerwenigsten. Aber danach musste jede Beschreibung ihrer Person, jede Nachfrage nach ihren Gewohnheiten und Vorlieben als Beschmutzung ihres Andenkens begriffen werden. Ein Gericht muss aber danach fragen.

Einer der beiden Brüder Albayraks war der einzige aus der Familie, der sich vor Gericht äußerte. Der Vater wollte nicht, und er tat vermutlich gut daran. Der Erkenntnisgewinn wäre gering gewesen, die Zerstörungskraft umso größer. Dem Bruder merkte man an, dass er über die Fragen des Richters zum Teil irritiert war. Als dieser ihn nach einem Fernsehinterview fragte, mit den Worten: „Sie sind also in die Offensive gegangen?“, da erwiderte Dogus Albayrak etwas ungehalten: „Was heißt, in die Offensive gegangen?“

Auch am kommenden Mittwoch, einen Tag nach der Urteilsverkündung, wird er wieder im Fernsehen auftreten, bei RTL. Nach Angaben seines Anwalts soll es bei dem Gespräch mit „Stern TV“ vor allem um die Stiftung gehen, die sich im Gedenken an die Verstorbene, die mehrere Organe gespendet hat, der Themen Zivilcourage und eben Organspende widmen soll. Aus Sicht der Familie muss man das verstehen. Sie sucht Trost in einem höheren Zweck. Wie sollte sie selbst erkennen, dass gerade darin der Keim für noch größere Verbitterung liegen könnte?

Wie auf dem Schulhof

Nicht ganz unähnlich ist die Motivationslage bei den Freundinnen von Albayrak, einige von ihnen haben fast jeden Prozesstag mitverfolgt. Mag sein, dass bei ihnen Schuldgefühle eine Rolle spielen, weil sie in der Nacht – wer wollte ihnen das wirklich vorwerfen – nicht alles dafür getan haben, um den Streit mit der Gruppe um Sanel M. zu entschärfen, oder diesen im Einzelfall vielleicht sogar befeuert haben. Jedenfalls war auch bei einigen ihrer Zeugenaussagen zu beobachten, dass sie sich weniger an der eigenen Wahrnehmung orientierten als vielmehr versuchten, diese mit der öffentlichen Stimmungslage in Deckung zu bringen.

Bei denjenigen Zeugen, die man zum Lager des Angeklagten rechnen kann, war es nicht besser, nur dass sie in ihren Aussagen, zum Teil erklärtermaßen, versuchten, das Bild, das in der Öffentlichkeit entstanden war, zu konterkarieren. Auch mehrere neutrale Zeugen konnten sich den Umständen offensichtlich nicht entziehen. Besonders deutlich wurde das, wenn sie vermeintlich Belastendes über die Tote sagten und dabei das Wort „leider“ anfügten.

Fatal war im Übrigen, dass durch die „Bild“-Zeitung ein Überwachungsvideo aus der Tatnacht an die Öffentlichkeit gelangt war, das im Grunde alle Zeugen vor ihrer gerichtlichen Einvernahme und zum Teil schon vor ihrer Aussage bei der Polizei gesehen hatten. Eine Vernehmungsbeamtin sagte deshalb vor Gericht, es sei sehr schwer gewesen, überhaupt eine objektive Aussage zu bekommen. Als besondere Besonderheit dieses Prozesses kam schließlich noch hinzu, dass sich das Gerichtsgebäude und der Platz davor in den Sitzungspausen zu einer Art Schulhof entwickelte, auf dem fast alle Beteiligten – Anwälte, Journalisten, Zeugen, Groupies des Angeklagten – im munteren Austausch standen und ihre Versionen von der Tatnacht, teils gestisch untermalt, zum Besten gaben. „Haben Sie vor Ihrer Aussage im Zuschauerraum gesessen oder mit den anderen gesprochen?“, fragte der Richter eine Freundin von Albayrak, als sie im Zeugenstand war. Antwort: „Musste ich nicht, 'Focus Online' hat einen tollen Live-Ticker.“

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