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Prozess um Totgeburt : Hebamme droht Haftstrafe wegen Totschlags

Die Hebamme Anita R. muss sich wegen Totschlags vor Gericht verantworten. Bild: Edgar Schoepal

Die Eltern von Greta wollten eine Hausgeburt. Nach 18 Stunden kam das Kind tot zur Welt. Die Hebamme Anita R. muss sich deshalb wegen Totschlags vor Gericht verantworten. Hat sie zu lange an einer Hausgeburt festgehalten?

          Es herrscht ein merkwürdig fröhliches Treiben im Flur des Dortmunder Landgerichts. Frauen in Funktionsjacken, die Umhängetaschen und Rucksäcke dabeihaben, fallen sich gegenseitig um den Hals oder reiben sich zur Begrüßung den Rücken. Schon seit Sommer 2012 zieht sich der Prozess gegen eine von ihnen hin. Die Hebamme Anita R. hat Hunderten Kindern auf die Welt geholfen. Dass sie eine Verfechterin der Hausgeburt ist, hat die Hebamme und Ärztin in vielen Fachartikeln deutlich gemacht. In den Neunzigern war Frau R., die sich als Spezialistin für Beckenendlage-Geburten sieht, Vorsitzende des Bundes freiberuflicher Hebammen. Nun ist die 60 Jahre alte Hebamme und dreifache Mutter angeklagt, weil sie schuld daran sein soll, dass am 30. Juni 2008 um 22.14 Uhr in einem Hotelzimmer in Unna Greta tot zur Welt kam.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Die Staatsanwaltschaft wirft der Hebamme vor, Gretas Mutter nicht in ein Krankenhaus überwiesen zu haben, trotz Beckenendlage und obwohl die Geburt schon viele Stunden dauerte. Noch um 16 Uhr hätte Greta laut Anklageschrift „lebend und gesund auf die Welt geholt werden können“. Selbst um 19 Uhr sei es noch möglich gewesen, das Leben des Kindes zu retten oder zu verlängern. „Dazu kam es nicht, weil die Angeschuldigte sich mit dem möglichen Tod des Kindes als einem unvermeidlichen 'natürlichen'‘ Vorgang abgefunden hatte.“ Geht es nach der Staatsanwaltschaft, darf die Hebamme nicht mit einer Bewährungsstrafe rechnen. Nicht der fahrlässigen Tötung habe sie sich schuldig gemacht, sondern des Totschlags durch Unterlassen. Sie habe mit bedingtem Vorsatz gehandelt, denn als Spezialistin sei sie mit den Risiken „bestens vertraut“. Folgt das Gericht der Staatsanwaltschaft, muss Frau R. mit einer langen Haftstrafe rechnen - und mit Berufsverbot.

          Gutachter belasten die Hebamme schwer

          Der Fall erhitzt die Gemüter. Zum Prozessauftakt im Sommer vor einem Jahr waren auch Mütter und Väter gekommen, um die Angeklagte zu unterstützen. Im Internet gibt es Spendenaufrufe für Anita R. „Die außerklinische Geburtshilfe als Ganzes steht vor Gericht“, heißt es in einem Blog. Früher habe man Hebammen, die von der erwünschten Praxis abwichen, als Hexen verbrannt, „heute stellt man sie vor Gericht“. Der Bonner Fachanwalt Roland Uphoff dagegen ist davon überzeugt, dass es sich um einen „geburtshilflichen Skandalfall“ handelt.

          Aufrecht sitzt Anita R. auf der Anklagebank. Zwei Finger hat sie an den Mund gelegt. Manchmal lächelt sie Kolleginnen im Publikum zu. Schon im März 2012 bekam die Hebamme auf Antrag der Ärztekammer ihre Zulassung als Medizinerin vorübergehend entzogen. „Bei einer Ärztin, die sich als Expertin bei 'natürlichen‘' Geburten bezeichnet und es auf Grund dieser Einstellung unterlässt, während einer Risikogeburt die werdende Mutter in eine Klinik zwecks Durchführung eines Kaiserschnitts einzuweisen, ist die Anordnung des Ruhens der Approbation und deren sofortige Vollziehung gerechtfertigt“, urteilte das Oberverwaltungsgericht Münster.

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