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Prozess um grausamen Mord in Berlin : „Schneide sie!“

Auf der Anklagebank: Vor Prozessbeginn verbirgt Orhan S. sein Gesicht hinter einer Tageszeitung. Bild: dpa

In Berlin steht ein Mann vor Gericht, der seine Frau auf Geheiß Gottes getötet haben will und ihren Kopf anschließend in den Hof eines Mietshauses warf.

          Schon bevor der Prozess gegen Orhan S. beginnt, muss der Sprecher des Landgerichts Berlin die wiederkehrenden Fragen der Journalisten beantworten: Wie kann es sein, dass eine Tat, die wegen ihrer Grausamkeit für großes Aufsehen gesorgt hat, kein Mord gewesen sein soll? Und warum kommt der Täter vermutlich nie ins Gefängnis?

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Orhan S. hat, wie er gestanden hat, in einer Juni-Nacht dieses Jahres auf der Dachterrasse der gemeinsamen Kreuzberger Wohnung seine Frau erstochen. Er hat ihren Kopf abgetrennt und ihn vor den Augen der Nachbarn aus dem fünften Stock in den Innenhof des Gebäudes geworfen, während die sechs Kinder des Paares in ihren Betten schliefen. Am Dienstag, beim Prozessauftakt, sagt der 32 Jahre alte Türke: „Ich habe irgendwie gedacht, ich bin Jesus, wieder Mal, und dass sie der Teufel ist. Und ich musste sie umbringen.“

          Orhan S. trägt einen dunklen Anzug, er ist glatt rasiert und hat sich die kurzen Haare sorgfältig mit Gel frisiert. Sein Deutsch ist so gut wie bei vielen Türken in seinem Alter, die in Berlin geboren sind, aber nie einen Beruf gelernt haben. „Jetzt, mit Medikamenten, geht es mir viel besser“, antwortet er auf die Frage des Richters nach seinem Befinden. Dann erzählt er leise und sachlich von einer Ehe, die er nur auf Wunsch seiner Eltern geschlossen hatte. Von der ehemaligen Nachbarin, die er liebte, weil er mit ihr reden und lachen konnte, mit der er zwei weitere Kinder hatte.

          Nach Angaben von S. war diese Beziehung seit vier Jahren vorbei. In der Ehe aber blieb sie Anlass für Streit. Weil seine Frau, die 30 Jahre alte Semanur S., ihn drei Tage vor der Tat im Gespräch mit der einstigen Geliebten im Auto erwischte und beschimpfte, sagt er: „Da hatte ich keine Lust, nach Hause zu gehen und Stress zu haben.“ Also zog er für drei Tage zu seiner Schwester.

          Dann habe ihn sein ältester Sohn, zwölf Jahre alt, gebeten, nach Hause zu kommen. „Das fand ich schon schön“, sagt Orhan S. Für einen Moment schien auch der schwelende Ärger auf seine Frau verflogen. Man saß daheim auf dem Sofa und redete nicht. Orhan S. rauchte Joints, „ich glaub vier oder fünf“. Damit hatte er vor einigen Jahren wieder angefangen, gegen den Rat des Arztes, der ihm Psychopharmaka gegen seine Wahnvorstellungen verschrieb.

          „Und dann ist es passiert“

          2007 war Orhan S. wegen einer Psychose behandelt worden, schon damals hatte der am 24. Dezember geborene Muslim geglaubt, Jesus zu sein – allerdings ohne Folgen für andere. Im Dezember 2011 setzte der Hartz-IV-Empfänger dann die Medikamente wegen der Nebenwirkungen ab: Er habe mehr geschlafen, als wach zu sein, und wollte doch in einem Abrissunternehmen etwas Geld dazu verdienen. Niemand erhob Einspruch. Kein Arzt hakte nach.

          „Und dann ist es passiert“, sagt Orhan S. „Ich wollte sie umbringen.“ Seine Argumente vor Gericht verschwimmen: Erst redet er noch von seinem Ärger und ihren Tränen, dann sind da Stimmen in seinem Kopf, ein Befehl Gottes: „Schneide sie!“ Er sagt, er habe sich wie ein Prophet gefühlt, dessen Aufgabe es sei, durch sein Tun den Weltuntergang einzuleiten. Er zerrt seine Frau an den Haaren auf die Terrasse. Zweimal läuft er in die Küche, um Messer zu holen. Er ruft auf Türkisch „Gott ist groß!“ Noch als Semanur S. am Boden liegt, schlägt er mit dem Grill auf sie ein und tritt zu. Dann fängt er an, die Leiche zu zerstückeln. „Ich dachte sie ist nicht tot, und ich hab immer weiter gemacht.“

          Auch die Polizisten, von den Nachbarn alarmiert, beschreiben in ihren Aussagen einen rasenden Mann, der sich der Festnahme widersetzte, schrie und um sich trat. Die Staatsanwaltschaft nimmt nach der psychiatrischen Begutachtung an, dass Orhan S. an einer paranoid-halluzinatorischen Schizophrenie leidet und deshalb nicht schuldfähig ist. Das Gericht wird über die Einweisung in eine psychiatrische Klinik entscheiden müssen. „Ich war einfach zu blöd, um die Tabletten zu nehmen“, sagt Orhan S. „Ich bereue es richtig. Ich habe meine Familie zerstört.“ Nach Angaben des Jugendamts sind die Kinder des Paares bei zwei Pflegefamilien untergebracht.

          Quelle: F.A.Z.

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