Home
http://www.faz.net/-gus-7463v
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
50 plus

Prozess um Dachauer Todesschüsse Aus Hass auf die Justiz

Zum Prozessauftakt wurde Rudolf U., der am Dachauer Amtsgericht einen Staatsanwalt erschoss, operiert – am Dienstag musste er anwesend sein. Von seinem Bett im Gericht aus stellt er die Justiz in Frage. Reue zeigt er nicht.

© dpa Vergrößern Vom Krankenbett aus verfolgt Rudolf U. den Prozess und beklagt mit heiserer Stimme 19 verlorene Prozesse.

Leise und ohne Unterlass flüstert die Dolmetscherin der blonden Frau ins Ohr, die kerzengerade an ihrem Tisch sitzt. Was der Vorsitzende Richter den Angeklagten fragt, übersetzt die Dolmetscherin simultan ins Englische für die junge Amerikanerin. Einen Satz muss sie immer und immer wieder übersetzen, weil der Vorsitzende Richter ihn mehrmals wiederholt: „Das rechtfertigt nicht, einen Menschen umzubringen.“

Karin Truscheit Folgen:  

Die junge Amerikanerin sitzt unbewegt auf ihrem Stuhl bei diesem Satz, nur ab und zu nimmt sie ein Taschentuch zur Hand. So verfolgt sie den Angeklagten auf seinem Krankenbett, wie er mit heiserer Stimme 19 verlorene Prozesse beklagt und dabei mit dem linken Arm aus seinem Bett heraus herumfuchtelt. „Was machen Sie, wenn es nur zwei Instanzen gibt, dann müssen Sie zahlen.“ - „Das ist doch kein Grund, jemanden umzubringen.“ - „Zweimal wurde ich verurteilt wegen Zollvergehen. Ich hab nichts gemacht!“ - „Rechtfertigt das, jemanden umzubringen?“ - „Was machen Sie, wenn Sie 150000 verlieren?“ - „Das rechtfertigt nicht, einen Menschen, den Sie noch nie gesehen haben, einfach über den Haufen zu schießen.“ Der Mann, der erschossen wurde, war der 31 Jahre alte Staatsanwalt Tilmann T., der Ehemann der jungen Amerikanerin.

Seine Witwe Gretchen L.-T. ist Nebenklägerin in dem Verfahren vor dem Landgericht München, sie sitzt in einer Reihe mit seinen Eltern, die ebenso Nebenkläger sind. Haben sie am Montag zu Prozessbeginn noch in Abwesenheit des Angeklagten viel über dessen schlechten Gesundheitszustand erfahren, über amputierte Beine und seinen Wunsch zu sterben, so können sie sich am Dienstag in Anwesenheit des Angeklagten ein Bild von seinen Moralvorstellungen machen. Ja, er habe den Staatsanwalt getötet, sagt er ohne Umschweife nach Verlesung der Anklageschrift. Ja, er habe auch den Richter töten wollen. Nur die Mordversuche an der Rechtsanwältin und der Justizangestellten streitet er ab. Und er werde auch nicht sagen, woher er die Waffe hatte.

Mehr zum Thema

Staatsanwalt Tilmann T. war 31 Jahre alt und jung verheiratet, als er am 11. Januar 2012 zufällig als Sitzungsvertreter der Staatsanwaltschaft München mit einem Verfahren vor dem Amtsgericht Dachau betraut wurde, mit dem er vorher noch nie zuvor zu tun hatte. Es ging um den Vorwurf, dass der Transportunternehmer Rudolf U. in 55 Fällen die Sozialversicherungsabgaben für seine Mitarbeiter nicht gezahlt habe. Um 14.53 Uhr begann die Verhandlung mit der Aussage einiger Zeugen. Sofort begann Rudolf U. mit lauten Zwischenrufen und musste, wie schon zuvor in dem Verfahren, vom Richter zur Ordnung gerufen werden. Schon vor der Verhandlung soll er in einem Café unangenehm aufgefallen sein, als er sich während einer Besprechung mit seiner Anwältin lautstark über den Richter beschwerte.

Als Tilmann T. mit seinem Plädoyer begann, wurde er abermals von Rudolf U. mit Zwischenrufen unterbrochen. Der Staatsanwalt bat ihn daraufhin, ihn doch ausreden zu lassen. Er beantragte, den Angeklagten zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr zu verurteilen und diese zur Bewährung auszusetzen. Zudem solle er 1000 Euro an eine gemeinnützige Stiftung zahlen. Auch die Verteidigerin beantragte eine angemessene Freiheitsstrafe.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Prozess um Körperverletzung Freispruch für Rapper Kollegah

Der Rapper Kollegah, der wegen gefährlicher Körperverletzung nach einem Auftritt vor Gericht stand, ist freigesprochen worden. Er hatte sich als Opfer einer Schlägerei gesehen. Mehr

19.11.2014, 14:22 Uhr | Gesellschaft
31.000 Euro erschlichen Bewährung für notorische Sozialhilfe-Betrügerin

Über Jahre hinweg hat sich eine 40 Jahre alte Frau Gelder vom Staat erschlichen. Am Ende waren es 31.000 Euro, die sie zu Unrecht erhalten hat. Der Betrug kam erst durch anonyme Anzeigen ans Licht. Mehr

27.11.2014, 15:49 Uhr | Rhein-Main
Mordprozess Pfleger tötete womöglich auch Patienten in Oldenburg

Der Pfleger, der Patienten im Klinikum Delmenhorst Medikamente in tödlicher Dosis gespritzt haben soll, hat womöglich auch bei seinem früheren Arbeitgeber getötet. Einem Gutachter zufolge könnte es in Oldenburg zwölf weitere Opfer geben. Mehr

25.11.2014, 12:23 Uhr | Gesellschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 06.11.2012, 18:18 Uhr

Nach der Nervenklinik Creed-Sänger Stapp ist obdachlos

Creed-Sänger Scott Stapp wohnt in seinem Auto, Sänger Pharrell Williams hat eine eigene Meinung zu den Geschehnissen in Ferguson und Bette Midler entschuldigt sich bei Ariana Grande für eine verbale Entgleisung – der Smalltalk. Mehr 5

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden