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Veröffentlicht: 06.11.2012, 18:18 Uhr

Prozess um Dachauer Todesschüsse Aus Hass auf die Justiz

Zum Prozessauftakt wurde Rudolf U., der am Dachauer Amtsgericht einen Staatsanwalt erschoss, operiert – am Dienstag musste er anwesend sein. Von seinem Bett im Gericht aus stellt er die Justiz in Frage. Reue zeigt er nicht.

© dpa Vom Krankenbett aus verfolgt Rudolf U. den Prozess und beklagt mit heiserer Stimme 19 verlorene Prozesse.

Leise und ohne Unterlass flüstert die Dolmetscherin der blonden Frau ins Ohr, die kerzengerade an ihrem Tisch sitzt. Was der Vorsitzende Richter den Angeklagten fragt, übersetzt die Dolmetscherin simultan ins Englische für die junge Amerikanerin. Einen Satz muss sie immer und immer wieder übersetzen, weil der Vorsitzende Richter ihn mehrmals wiederholt: „Das rechtfertigt nicht, einen Menschen umzubringen.“

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Die junge Amerikanerin sitzt unbewegt auf ihrem Stuhl bei diesem Satz, nur ab und zu nimmt sie ein Taschentuch zur Hand. So verfolgt sie den Angeklagten auf seinem Krankenbett, wie er mit heiserer Stimme 19 verlorene Prozesse beklagt und dabei mit dem linken Arm aus seinem Bett heraus herumfuchtelt. „Was machen Sie, wenn es nur zwei Instanzen gibt, dann müssen Sie zahlen.“ - „Das ist doch kein Grund, jemanden umzubringen.“ - „Zweimal wurde ich verurteilt wegen Zollvergehen. Ich hab nichts gemacht!“ - „Rechtfertigt das, jemanden umzubringen?“ - „Was machen Sie, wenn Sie 150000 verlieren?“ - „Das rechtfertigt nicht, einen Menschen, den Sie noch nie gesehen haben, einfach über den Haufen zu schießen.“ Der Mann, der erschossen wurde, war der 31 Jahre alte Staatsanwalt Tilmann T., der Ehemann der jungen Amerikanerin.

Seine Witwe Gretchen L.-T. ist Nebenklägerin in dem Verfahren vor dem Landgericht München, sie sitzt in einer Reihe mit seinen Eltern, die ebenso Nebenkläger sind. Haben sie am Montag zu Prozessbeginn noch in Abwesenheit des Angeklagten viel über dessen schlechten Gesundheitszustand erfahren, über amputierte Beine und seinen Wunsch zu sterben, so können sie sich am Dienstag in Anwesenheit des Angeklagten ein Bild von seinen Moralvorstellungen machen. Ja, er habe den Staatsanwalt getötet, sagt er ohne Umschweife nach Verlesung der Anklageschrift. Ja, er habe auch den Richter töten wollen. Nur die Mordversuche an der Rechtsanwältin und der Justizangestellten streitet er ab. Und er werde auch nicht sagen, woher er die Waffe hatte.

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Staatsanwalt Tilmann T. war 31 Jahre alt und jung verheiratet, als er am 11. Januar 2012 zufällig als Sitzungsvertreter der Staatsanwaltschaft München mit einem Verfahren vor dem Amtsgericht Dachau betraut wurde, mit dem er vorher noch nie zuvor zu tun hatte. Es ging um den Vorwurf, dass der Transportunternehmer Rudolf U. in 55 Fällen die Sozialversicherungsabgaben für seine Mitarbeiter nicht gezahlt habe. Um 14.53 Uhr begann die Verhandlung mit der Aussage einiger Zeugen. Sofort begann Rudolf U. mit lauten Zwischenrufen und musste, wie schon zuvor in dem Verfahren, vom Richter zur Ordnung gerufen werden. Schon vor der Verhandlung soll er in einem Café unangenehm aufgefallen sein, als er sich während einer Besprechung mit seiner Anwältin lautstark über den Richter beschwerte.

Als Tilmann T. mit seinem Plädoyer begann, wurde er abermals von Rudolf U. mit Zwischenrufen unterbrochen. Der Staatsanwalt bat ihn daraufhin, ihn doch ausreden zu lassen. Er beantragte, den Angeklagten zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr zu verurteilen und diese zur Bewährung auszusetzen. Zudem solle er 1000 Euro an eine gemeinnützige Stiftung zahlen. Auch die Verteidigerin beantragte eine angemessene Freiheitsstrafe.

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