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Prozess im „Fall Horst Arnold“ : Das vermeintliche Opfer steht jetzt selbst vor Gericht

Mit roter Perücke und schwarzer Sonnenbrille: Heidi K. vor Gericht. Bild: dpa

Vor elf Jahren trat Heidi K. hier als Opfer auf, jetzt steht sie selbst wegen schwerer Freiheitsberaubung vor Gericht: Horst Arnold, ein früherer Kollege, hatte nach ihren Vergewaltigungsvorwürfen jahrelang in Haft gesessen. Erst im Nachhinein wurde dieses Urteil aufgehoben.

          Als die Angeklagte Heidi K., 48, lange rote Perücke und schwarze Sonnenbrille, den Gerichtssaal betritt, kehrt sie auch an einen mutmaßlichen Tatort zurück. Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft lautet: „schwere Freiheitsberaubung“. Und zur Mittäterin soll K. ausgerechnet die Justiz gemacht haben.

          David Klaubert

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Hier im Landgericht Darmstadt fand nämlich vor elf Jahren ein Prozess statt, in dem die Lehrerin Heidi K. als Opfer auftrat. Sie beschuldigte Horst Arnold, einen früheren Kollegen, sie während der großen Pause in der Schule vergewaltigt zu haben. Die Richter glaubten K. und verurteilten ihn zu fünf Jahren Haft.

          Bis zum letzten Tag saß Arnold diese Strafe in der Psychiatrie und in verschiedenen hessischen Gefängnissen ab. Eine vorzeitige Entlassung wurde ihm nicht gewährt. Weil er die Tat weiter abstritt, galt er als uneinsichtig.

          Im Jahr 2008 reichte Arnolds Anwalt einen Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens ein. Und drei Jahre später sprach das Landgericht Kassel Arnold vom Vorwurf der Vergewaltigung frei – wegen erwiesener Unschuld. Die Darmstädter Kollegen hätten „elementare Grundregeln der Wahrheitsfindung“ verletzt, stellten die Richter in ihrem Urteil fest. Auf Heidi K. sei beim besten Willen kein Verlass. „Es ist davon auszugehen, dass die Zeugin gelogen und die Geschichte von vorne bis hinten erfunden hat.“

          Rechtlich war Arnold damit rehabilitiert. Doch sein Leben war zerstört. Seine Anstellung als Lehrer, sein Haus, seine Freundin, seine Freunde, alles hatte er während der Zeit im Gefängnis verloren. Ihm blieben Hartz IV und Depressionen. Und dann, ein Jahr nach dem Freispruch, blieb Arnolds Herz stehen. Er fiel vom Fahrrad und starb. 53 Jahre war er da alt.

          Ein unstetes Leben

          Zurück im Landgericht Darmstadt, diesmal selbst als Angeklagte, wiederholt Heidi K. ihre Anschuldigungen gegen Horst Arnold. „Die Tat habe ich sehr präsent im Gedächtnis“, sagt sie. Den Ablauf schildert sie mit den gleichen Details wie vor vielen Jahren schon in Polizei-Vernehmungen und vor Gericht. Doch nicht nur die angebliche Vergewaltigung wird in diesem Verfahren abermals gerichtlich auf den Prüfstand gestellt. Um die Glaubhaftigkeit der Aussagen einzuordnen, geht es auch um Heidi K.s Lebenswandel - der im Verfahren gegen Horst Arnold fahrlässig ignoriert wurde. Schon die Schilderungen am ersten Verhandlungstag offenbaren ein in jeder Hinsicht unstetes Leben. So oft wechselte sie als junge Lehrerin die Schule, dass sie die zeitlichen Abläufe und die jeweiligen Gründe selbst nicht mehr zusammenbringt. Bei Fragen nach ihren drei gescheiterten Ehen kann sie sich nicht einmal mehr an Jahreszahlen der Hochzeiten und Scheidungen erinnern.

          Erstaunlich präzise sind dafür ihre Erklärungen und Ausflüchte, als die Vorsitzende Richterin ihr allerlei Lügengeschichten vorhält, die Heidi K. laut Anklageschrift in den Jahren vor und nach der angeblichen Tat zum Besten gegeben hat. Von einem angeblichen Lebensgefährten ist da die Rede, einem Polizisten, der durch einen Kopfschuss zunächst pflegebedürftig war und bald darauf starb. Von einer Vergewaltigung durch ihren ersten Ehemann, von einem Mordanschlag auf einen Kollegen. All das habe sie so nie erzählt, sagt Heidi K. vor Gericht. Doch die Liste der Zeugen ist lang, die genau das behaupten. Und die im Lauf des Verfahrens gehört werden sollen.

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