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Kinderpornographie-Plattform : Die Väter von Elysium

Die Angeklagten Frank M. und Bernd M. verbergen ihre Gesichter hinter Aktenordnern. Bild: dpa

Sie beschäftigen sich monatelang mit Kinderpornos – ohne sich wirklich für Kinderpornos zu interessieren. Das ist die erstaunliche Aussage zweier Angeklagter im Prozess um ein entsprechendes Portal im Darknet. Strafmildernd dürfte sie sich nicht auswirken.

          Frank M. ist entweder ein tragischer Held oder ein schamloser Lügner, so viel steht gleich zu Beginn der Strafverhandlung am Landgericht Limburg fest, als sein Verteidiger eine Erklärung in seinem Namen verliest. Fest steht auch, dass er den Server betrieb, auf dem zwischen November 2016 und Juni 2017 die Darknet-Seite Elysium lief. Elysisch, also himmlisch oder paradiesisch, war aber nichts von dem, was sich dort abspielte. Als Ermittler des Bundeskriminalamts und der Zentralstelle zur Bekämpfung von Internetkriminalität den Server in der Autowerkstatt von Frank M. beschlagnahmten, zählte er mit mehr als 110.000 registrierten Accounts und einem gewaltigen Archiv an Fotos und Videos zu den größten Kinderpornographie-Plattformen der Welt.

          Constantin van Lijnden

          Redakteur für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Zur Erklärung dieses ziemlich kompromittierenden Befunds trägt der 40 Jahre alte M. im Gerichtssaal eine erstaunliche Geschichte vor: 2014 habe er, der Automechaniker ohne nennenswerte IT-Kenntnisse, seinen Weg ins Darknet gefunden und beschlossen, eine kinderpornographische Seite nach der nächsten zu infiltrieren und zu „stören“. Freunden oder Familienmitgliedern verrät er von diesem mutigen Vorhaben nichts; sie bleiben im Dunkeln, während M. seine Laufbahn durch zahlreiche Foren mit Namen wie „Hurt“, „Tabooless“ oder „Bloody Interests“ antritt. Er taucht immer tiefer ein in diese Welt und wird schließlich Teil des Moderatorenteams von „The Giftbox Exchange“ (TGE), einem Pädophilen-Forum mit 67.000 Usern, das im November 2016 von australischen Behörden geschlossen wird. Wenige Wochen später bringt M. zusammen mit Joachim P. und zwei weiteren Männern, die ebenfalls in Limburg vor Gericht stehen, Elysium als Nachfolger von TGE ans Netz.

          Warum aber hat M. anderen Personen kinderpornographische Inhalte geschickt, obwohl er doch fremde Straftaten aufdecken und nicht eigene begehen wollte, will der Vorsitzende Richter Marco Schneider wissen. Weil er die Foren-Mitglieder „bei der Stange“ habe halten wollen. Und warum hat er sich umgekehrt speziell für ihn angefertigte Bilder schicken lassen? Das müssen die Mitangeklagten gewesen sein, die sich Zugang zu seinen Accounts verschafft haben. Warum hat er den Elysium-Server mehr als ein halbes Jahr lang betrieben, ohne die Behörden zu informieren, wenn es ihm doch darum ging, die Nutzer auffliegen zu lassen? Das hätte er fest vorgehabt, die Polizei sei ihm dann mit der Beschlagnahme aber knapp zuvorgekommen. „Schlechtes Timing, nicht wahr?“, kommentiert Richter Schneider lakonisch.

          In diesem Stil geht es weiter. M. hangelt sich von behaupteter Erinnerungslücke zu fadenscheiniger Erklärung zu offenkundigem Widerspruch, begleitet vom Lächeln der Staatsanwältin und gelegentlich unterbrochen von halb unterdrücktem Prusten aus den Zuschauerreihen. Formell ist es ein Geständnis, das er da ablegt, aber gewiss keines, das ihm eine mildere Strafe sichern könnte, wenn die Richter ihm seine Rolle als verdeckter Ermittler nicht doch abnehmen sollten. Ohne allzu viel in ihr Frageverhalten und ihre Reaktionen hineinlesen zu müssen, lässt sich sagen: Das tun sie nicht.

          „Kurz mal reingeschaut“

          Als nächstes ist Bernd M. an der Reihe. Der Siebenundfünfzigjährige war als Moderator auf Elysium aktiv, sollte Streits zwischen den Usern schlichten und Verstöße gegen die Forenregeln ahnden. Auf die Rolle als dienstbarer „Anstands-Wau-Wau“ will er seine Aufgabe beschränkt wissen, auch wenn sich aus den von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmten Nachrichten ein weit größerer Einfluss ergibt. Überhaupt sei es ihm mehr um das kommunikative und technische Drumherum gegangen: Auf die bei Elysium und weiteren Foren geposteten Bilder und in die Filme habe er höchstens „kurz mal reingeschaut“, sie hätten ihm aber „nicht großartig gefallen“. Hunderte von Bildern aus dem „Tabooless“-Forum habe er nur deshalb heruntergeladen, weil er sehen wollte, ob ein Programm zum massenweisen Bilder-Download funktioniert. Ganz sicher sitze er nicht da und „gucke stundenlang Pornos“, überhaupt sei er ja verheiratet, habe einen 30 Jahre alten Sohn und sei keinesfalls pädophil.

          „Wir haben die anderen Angeklagten noch nicht gehört“, sagt Richter Schneider, „aber es ist schon bemerkenswert, dass Sie und Herr M. so viel Zeit in Kinderporno-Foren verbracht haben, ohne sich überhaupt für Kinderpornos zu interessieren.“ Die Staatsanwältin verliest probeweise einen der Posts, den Bernd M. nach den Erkenntnissen der Ermittler verfasst hat, und in dem er nach Videos von Mädchen verlangt, die vor Schmerzen schreien, während sie penetriert werden. Ob er das etwa nicht so geschrieben habe, will sie von ihm wissen. Darauf zieht M. sich mit seinem Anwalt zu einer zehnminütigen Beratung zurück. Als die Verhandlung weitergeht, lässt Bernd M. den Anwalt sagen: „Zu seinen Motivationen will mein Mandant hier nichts mehr sagen.“

          Nicht zum ersten Mal wundert man sich, zu welchem Aussageverhalten die Verteidiger ihren Mandanten hier raten. Erklärlich sind sie wohl nur als der Versuch, den schönen Schein zu wahren, den ihnen das Gericht nicht abkaufen wird – aber vielleicht doch ihre Familien, wenn sie womöglich in vielen Jahren erst wieder in Freiheit gelangen. Der letzte der vier Angeklagten, der heute spricht, hat damit eher nicht zu rechnen; Michael G. ist 62 Jahre alt, ihm droht eine lange Haftstrafe mit anschließender Sicherungsverwahrung, auch weil er seine eigenen Kinder missbraucht haben soll. Seine Aussage beginnt er mit den Worten: „Zu den gegen mich erhobenen Tatvorwürfen kann ich nur sagen, dass diese im Großen und Ganzen zutreffen.“

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