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Potsdam Verdächtige bestreiten Überfall auf Deutsch-Äthiopier

21.04.2006 ·  Nach dem brutalen Überfall auf einen Deutsch-Äthiopier in Potsdam wird Generalbundesanwalt Kay Nehm die zwei Männer am Nachmittag dennoch wegen des dringenden Tatverdachtes versuchten Mordes dem Ermittlungsrichter beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe vorführen.

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Nach dem brutalen Überfall auf einen Deutsch-Äthiopier in Potsdam bestreiten die beiden Verdächtigen die Tat. Das teilte Generalbundesanwalt Kay Nehm am Freitag in Karlsruhe mit. Beide verwiesen auf ein Alibi. Nehms sagte, das Bestreiten einer Tat sei aber ein „alltäglicher Vorgang“.

Die beiden Männer im Alter von 29 und 30 Jahren sind derzeit auf dem Weg nach Karlsruhe, wo sie am Nachmittag dem Ermittlungsrichter beim Bundesgerichtshof vorgeführt werden sollen. Den dringenden Tatverdacht wegen versuchten Mordes begründete Nehm unter anderem mit Aussagen von Augenzeugen und DNA-Spuren vom Blut der Täter, die auf einer Flasche gefunden worden seien.

Rechtsextreme?

Zur Frage, ob die mutmaßlichen Täter der rechtsextremen Szene zuzuordnen sind, wollte sich Nehm nicht äußern. Er wolle erst die Vernehmung beim Ermittlungsrichter abwarten. Das Opfer, ein 37 Jahre alter Deutscher äthiopischer Abstammung, sei nach wie vor nicht vernehmungsfähig.

Nach den Festnahmen am Donnerstag hatte die Bundesanwaltschaft von einer außerordentliche Brutalität der Tat vom Ostersonntag gesprochen. Es gebe „erhebliche Verdachtsmomente“ dafür, daß die Tat auf der Grundlage einer rechtsextremistischen Gesinnung begangen worden sei, hieß es zunächst. Einer der Verdächtigen wohne in Potsdam, der zweite in der Umgebung, verlautete von der Bundesanwaltschaft.

„Latent kriminelles Milieu“

Nach Auskunft von Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) waren die beiden Männer „nicht aktiv bei den uns bekannten rechtsextremistischen Organisationen“. Aber man müsse sehen, ob es andere bisher nicht bekannte Verflechtungen gebe, sagte Schönbohm am Freitag im Deutschlandradio Kultur. In Potsdam gebe es keine fest gefügte rechtsextremistische Szene.

Die Nachrichtenagentur ddp will aus Sicherheitskreisen erfahren haben, daß die beiden Tatverdächtigen nach bisherigen Erkenntnissen eher einem „latent kriminellen Milieu“ zuzuordnen seien. Sie kämen aus der Türsteher-Szene und seien bislang unter anderem wegen Drogendelikten auffällig geworden. Es gebe derzeit keine Kenntnisse über einen „rechtsextremen Vorlauf“, hieß es.

„Hohe Stimme“ ein Indiz?

Die „Bild“-Zeitung berichtete am Freitag ohne Nennung von Quellen, einer der Verdächtigen gehöre der rechten Szene an. Der Verdächtige sei der Polizei auch wegen Waffenhandels bekannt. Freunde des Mannes hätten der Polizei gesagt, der 29jährige werde wegen seiner ungewöhnlich hohen Stimme „Piepsi“ genannt, berichtete das Blatt weiter.

Das Opfe hatte seine Frau vor den lebensgefährlichen Schlägen angerufen. Die auf der Mailbox aufgezeichneten Stimmen der Täter, die den Ingenieur unter anderem als“Nigger“ beschimpften, hatte die Polizei veröffentlicht. Auch auf der Handymailbox ist eine hohe Stimme zu hören. „Bild“ berichtete weiter, zusammen mit dem zweiten Verdächtigen, einem 30jährigen, solle der 29-Jährige bei einem Autovermieter in der Potsdamer Innenstadt gearbeitet haben.

Stimmen auf der Mailbox

Die Bundesanwaltschaft habe die Ermittlungen wegen ähnlicher Fälle in den vergangenen Jahren übernommen, teilte Nehm mit. Auf die Spur sei man den mutmaßlichen Tätern durch die Telefonaufnahme und Hinweise der Bevölkerung gekommen.

Die Verdächtigen wurden am Freitagvormittag mit einem Hubschrauber der Bundespolizei von Potsdam aus nach Karlsruhe geflogen. Sie waren gefesselt und hatten Augenbinden sowie Hörschutz.

Schönbohm sagte, es müsse die Frage diskutiert werden, ob es notwendig gewesen sei, daß die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen an sich gezogen habe.

„Zustand weiterhin stabil“

Sollte sich der Verdacht gegen die Festgenommenen bestätigen, droht ihnen eine lebenslange Freiheitsstrafe. Sie würde verhängt, wenn ihnen Tötungsabsicht und ein fremdenfeindliches Motiv nachgewiesen würde, sagte der Generalstaatsanwalt des Landes Brandenburg, Erardo Rautenberg, im Inforadio des RBB.

Nach Angaben des Ernst von Bergmann Klinikums in Potsdam war der Ingenieur und zweifache Vater auch fünf Tage nach dem Mordversuch in Lebensgefahr. „Sein Zustand ist aber weiterhin stabil“, hieß es. Der gebürtige Afrikaner hatte bei der brutalen Attacke schwere Schädel-Hirn-Verletzungen erlitten.

Angriff auf „Wissenschaftler aus aller Welt“

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat den Mordversuch an dem Deutsch-Äthiopier verurteilt und gleichzeitig grundsätzliche Besorgnis geäußert. Die DFG sehe den Anschlag vom Ostersonntag auch als einen Angriff auf die Bemühungen, Wissenschaftler aus aller Welt nach Deutschland zu holen. „Dies dürfen wir nicht zulassen“, sagte DFG-Präsident Ernst-Ludwig Winnacker am Freitag in Bonn.

Die Forschungsgemeinschaft erklärte allen ausländischen Forschern, die in Deutschland arbeiten, ihre Solidarität. Zugleich bot sie in einem Schreiben an den Präsidenten der Leibniz-Gemeinschaft, Ernst Theodor Rietschel, der Familie des Opfers ihre Hilfe an. Der Deutsche äthiopischer Herkunft arbeitet laut Leibniz-Gemeinschaft seit 2001 als Wissenschaftler am Leibniz- Institut für Agrartechnik Potsdam-Bornim.

Der Ingenieur lebe seit fast 20 Jahren in Deutschland und arbeite in der Abteilung „Technik im Gartenbau“. Hier befinde er sich in der Abschlußphase seiner Doktorarbeit.

Solidaritätskundgebung in Postdam

Für diesen Freitag abend hat Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) zu einer Solidaritätskundgebung für den Familienvater aufgerufen.

Schönbohm gestand ein, daß es in Brandenburg ein größeres Problem mit Ausländerfeindlichkeit gebe als in anderen Ländern. Allerdings sei der Höhepunkt vor einiger Zeit überschritten worden, die Zahlen gingen kontinuierlich zurück. Zudem nehme die Bevölkerung großen Anteil am Leid des Deutsch-Äthiopiers. Die Gefährdung für Ausländer, die etwa an ihrer Hautfarbe zu erkennen seien, habe abgenommen, sagte er.

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