14.04.2008 · Es geht um Missbrauch und Inzest: In Texas beginnen an diesem Montag die Anhörungen zum weiteren Schicksal der Minderjährigen, die bei einer Polygamistensekte gelebt haben. Die Beweissuche ist schwierig - die Kinder wurden so indoktriniert, dass sie falsche oder keine Angaben machen.
Von Katja Gelinsky, WashingtonNach der Razzia gegen eine Polygamistensekte in Texas, bei der vor zwei Wochen 416 Kinder in staatliche Obhut genommen worden waren, beginnen an diesem Montag gerichtliche Anhörungen zum weiteren Schicksal der Minderjährigen, die auf der „YFZ Ranch“ der „Fundamentalistischen Kirche der Heiligen der Letzten Tage“ (FLDS) in Eldorado gelebt hatten.
Ermittler verhörten am Samstag den Mann, von dem eine Sechzehnjährige der FLDS behauptet, dass er sie nach erzwungener Ehe vergewaltigt und misshandelt habe. Der Notruf der Jugendlichen, die nach eigenen Angaben im Alter von 15 Jahren von dem 50 Jahre alten Dale Barlow geschwängert wurde und ein weiteres Kind von ihm erwartet, war der Grund für die Razzia. Die Behörden nehmen an, dass die Sechzehnjährige unter den in Obhut genommenen Minderjährigen ist; sie wurde aber bislang nicht identifiziert.
Ein Mann muss mindestens drei Frauen heiraten
Barlow leugnet, die Sechzehnjährige zu kennen. Er sei seit mehr als 30 Jahren nicht mehr in Texas gewesen. Er verbüßte 2007 in Arizona eine Freiheitsstrafe von 45 Tagen wegen eines Sexualdelikts; Barlow beachtete dort nach Angaben der Behörden alle Bewährungsauflagen.
Die Behörden wollen erreichen, dass die minderjährigen Sektenmitglieder auf Dauer von der FLDS getrennt werden. Dafür müssen sie vor Gericht beweisen, dass für die Kinder und Jugendlichen die Gefahr bestand, missbraucht oder vernachlässigt zu werden. Allein die Tatsache, dass die Sekte aus religiösen Gründen einen polygamen Lebensstil fordert, genügt dafür nicht. Die FLDS hatte sich 1890 von der Mormonenkirche abgespalten, als diese der Polygamie abschwor. Nach der Lehre der Sekte lässt sich ewige Erlösung nur erreichen, wenn ein Mann mindestens drei Frauen heiratet.
In Gerichtsunterlagen wird unter anderem auf die Entdeckung eines Bettes im Tempel der Sekte verwiesen. Man habe Indizien dafür, dass volljährige Sektenmitglieder dort Sex mit weiblichen Minderjährigen gehabt hätten. Die Beweissuche wird allerdings dadurch erschwert, dass die Minderjährigen und die knapp 140 Frauen, die freiwillig die „YFZ Ranch“ verließen, indoktriniert wurden, niemandem außerhalb der Sekte zu trauen. So gaben manche wechselnde Auskunft über ihr Alter und ihre Namen. Auch weigerten sich manche Kinder, Angaben über ihre Eltern zu machen.
Von seinen Anhängern als Prophet verehrt
Vertreter von Arizona und Utah, wo Mitglieder der FLDS seit langem in den Zwillingsstädten Colorado City und Hildale leben, sagten, der damalige Sektenführer Warren Jeffs habe seine treuesten Anhänger auf die „YFZ Ranch“ geschickt, um sie gegen Einflüsse von außen abzuschotten und der zunehmenden Aufmerksamkeit der Behörden zu entziehen. Am Sitz der Sekte in Eldorado sei die „konzentrierteste Version“ des von Jeffs vorgeschriebenen Lebensstils praktiziert worden, sagt der Justizminister von Arizona, Terry Goddard. „Dies war Warren Jeffs' Starbesetzung.“
Jeffs, der von seinen Anhängern als Prophet verehrt wurde, verbüßt eine langjährige Freiheitsstrafe wegen Beihilfe zur Vergewaltigung, zu der er 2007 in Utah wegen Verheiratung einer Siebzehnjährigen verurteilt worden war. Ein weiterer Strafprozess wegen Sexualstraftaten droht ihm in Arizona. Goddard äußerte ebenso wie der Justizminister von Utah, Mark Shurtleff, die Befürchtung, dass es nach der Razzia in Texas noch schwieriger werden würde, zwangsverheiratete Mädchen und Frauen zur Kooperation zu gewinnen.
Beide erinnerten daran, dass die Verbindungen zu ausstiegswilligen Sektenmitgliedern, an deren Wiederherstellung man mühsam gearbeitet habe, nach der letzten Zwangsaktion 1953 über Jahrzehnte abgerissen seien. Damals hatte die Polizei bei einer Razzia in Hildale und Short Creek, wie Colorado City damals hieß, 30 männliche Mitglieder der FLDS festgenommen und viele Kinder in staatliche Obhut genommen.