01.02.2009 · Seit zwei Jahren jagt die Polizei das „Phantom von Heilbronn“ - eine brutale Kriminelle, die an mindestens drei Morden sowie zwei Mordversuchen beteiligt gewesen sein könnte. Von ihr gibt es bis heute weder eine Personenbeschreibung noch ein Phantombild. Die Ermittler sind frustriert.
Von Rüdiger Soldt, HeilbronnVerlierer sehen anders aus. Frank Huber trägt ein sportliches Sakko und ein blaues Oberhemd. Sein Händedruck ist so fest, dass es einige Minuten dauert, bis man sich davon erholt hat. Huber ist 41 und macht keine ausschweifenden Ausführungen; er sagt, wie es ist: „Fast sämtliche Motive bleiben offen. Den Polizistenmord haben mindestens zwei Täter begangen. Es besteht der Verdacht, dass die spurenlegende Person an der Tat beteiligt war. Wir wissen nicht, in welcher Form.“
Es ist die Bilanz von Tausenden von Überstunden und fast zwei Jahren fieberhaften Ermittelns durch die „Sonderkommission Parkplatz“. Zusammen mit Sonderkommissionen aus dem Saarland, Rheinland-Pfalz und Österreich soll sie den Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter aufklären. Die Verdächtige in diesem Fall war auch sonst kriminell höchst aktiv; seit Mai 1993 hat sie an insgesamt 38 Tatorten ihre DNA-Spur hinterlassen, könnte an mindestens drei Morden sowie zwei Mordversuchen beteiligt gewesen sein - von ihr gibt es bis heute aber weder eine Personenbeschreibung noch ein Phantombild.
Keine neuen Erkenntnisse
Gegen 14 Uhr am 25. April 2007 fallen auf einem Parkplatz an der Heilbronner Theresienwiese mehrere Schüsse. Die Polizistin Michèle Kiesewetter ist sofort tot, ihr ebenfalls junger Kollege überlebt, verliert aber jede Erinnerung an diesen Tag. Seit diesem Apriltag vor knapp zwei Jahren hat Huber den vermutlich schwierigsten Job aller deutschen Kriminalbeamten: Er muss eine Person finden, von der im Wesentlichen acht Erbmerkmale und das Geschlecht bekannt sind. „So ist das leider“, sagt er.
Hubers Soko hat fast die gesamte Stadt Heilbronn auf den Kopf gestellt, die - statistisch betrachtet - die sicherste Baden-Württembergs ist. Er hat die Hilfsarbeiter und Karussellbremser überprüft, die auf der Theresienwiese mit dem Aufbau der Kirmes beschäftigt waren, er hat das Bordell mit den osteuropäischen Huren und Zuhältern auf den Kopf stellen lassen, das, nur wenige Meter vom Parkplatz entfernt, an einer Bahnunterführung liegt. Hubers Leute verbringen auch heute noch viel Zeit in Kneipen, die Albaner und Slowaken bevorzugen. 700 verdächtige und polizeibekannte Frauen haben eine Speichelprobe abgegeben - auch das brachte keine neuen Erkenntnisse.
„Nichts ist grausamer als ein Genie, das über etwas Idiotisches stolpert“, heißt in Friedrich Dürrenmatts Kriminalroman „Das Versprechen“. Bei Dürrenmatt scheitert der Ermittler. Huber hat seit zwei Jahren kaum noch Freizeit, und er will nicht scheitern. Die Heilbronner Soko ist sogar von hessischen Kollegen überprüft worden, um sicherzugehen, dass nichts übersehen wird. Huber spricht von einem „mehrstufigen Controlling“. Bis heute prüfen die Polizisten ihre Erkenntnisse aus den Tatorten immer wieder, fragen sich ständig, ob sie nicht ein zunächst noch so unwichtig anmutendes Detail übersehen haben. Sind die DNA-Spuren vielleicht gelegt worden? Wollte ein Täter die Polizei in die Irre führen? Hat es bei den Untersuchungen des Erbmaterials Verunreinigungen gegeben?
„Entweder hat sie keinen Zugang zu den Medien, oder ihr ist das alles egal“
All diese Fragen glaubt Huber mit einem Nein beantworten zu können. Die DNA ist in Haaren, Hautschuppen, Blut und im Speichel gefunden worden. In Heilbronn, Ludwigsburg und im Saarland muss die UWP, die „unbekannte weibliche Person“, wie es im Polizeijargon heißt, irgendwelche Kontaktpersonen haben. In diese Gegend kehrt sie bis heute zurück, übernachtet in Gartenschuppen oder Weingärtnerhäuschen, klaut mal Gucci-Uhren oder Laptops zur schnellen Geldbeschaffung, mal Airbags, die sie organisiert vermarkten muss.
Huber hält eine zweiseitige Liste in der Hand. Auf ihr sind alle 38 Fundorte verzeichnet, an denen die „UWP“ ihre Spuren hinterließ. Darunter ist auch das baden-württembergische Weinsberg; dort wurde im Oktober 2008 eine 45 Jahre alte Krankenpflegerin tot aufgefunden. Im Fiat Panda des Opfers fand die Spurensicherung auch DNA-Spuren der mutmaßlichen Polizistenmörderin. Zu den Morden und Mordversuchen, an denen sie beteiligt gewesen sein könnte, kommen noch unzählige Einbrüche in Firmengebäude und Wohnhäuser. Doch ein eindeutiges Tätermilieu und Täterprofil hat sich aus diesen Straftaten bis heute nicht ergeben. „Dreieinhalb Monate nach der Tat war sie in Kornwestheim, nahe Heilbronn. Das ist merkwürdig. Entweder hat sie keinen Zugang zu den Medien, oder ihr ist das alles egal“, sagt Huber.
Komplex und schwierig
Als der Mord an der Polizistin am helllichten Tag geschah, war das Stellwerk des Heilbronner Bahnhofs besetzt. Wenn der Bahnbeamte zum richtigen Zeitpunkt auf den Parkplatz und nicht auf die Gleise geschaut hätte, gäbe es vielleicht einen Augenzeugen, der sagen könnte, woher die mutmaßlichen Täter kamen, die sogar die Dienstwaffen und die Handschellen der Polizistin mitnahmen. Am Computer konnte die Polizei die Schussrichtungen auf dem Parkplatz rekonstruieren, das ist dreidimensional in dieser Präzision erst seit einem Jahr möglich.
Geholfen hat aber auch das wenig. „Warum schweigen Kontaktpersonen und Tatverdächtige? Warum gibt es niemanden, der auspackt?“ fragt sich Huber. Tausende Hinweise von Bürgern hat die Polizei überprüft, es melden sich Mediziner und Medizintechniker, die „strukturierte Ausarbeitungen“ schicken. Auch der Prozess im rheinland-pfälzischen Frankenthal gegen einen ehemaligen V-Mann und seinen Komplizen, die zusammen drei Georgier ermordet haben sollen, brachte kaum neue Erkenntnisse. In einem alten Ford hatte die Polizei auch den genetischen Fingerabdruck des Phantoms gefunden. Für die Polizei ist schwer zu erklären, warum dieser Fall so komplex und schwierig ist. „Die Heilbronner verfolgen unsere Arbeit mit einer Mischung aus Angst und Verständnislosigkeit“, sagt Hubers Kollege Rainer Köller.
Zahl der Analysen steigt rasant
In der Asservatenkammer des Landeskriminalamtes in Stuttgart steht ein roter Wäschekorb mit der Aufschrift „Soko Parkplatz“. Er ist leer. Die fast täglich eintreffenden neuen Proben werden so schnell wie möglich bearbeitet. Zu 95.000 genetischen Fingerabdrücken hat die Polizei spezifische Personendaten, 10.800 genetische Spuren lassen sich keinen Personen zuordnen. Der sich aus acht Merkmalen zusammensetzende genetische Fingerabdruck der UWP ist einer von diesen 10.800, zu dem es kein Phantombild, kein Geburtsdatum und keinen Namen gibt. „Bitte nicht eintreten - Hautabrieb“, warnt ein Schild vor einem der Laborräume. Ein Analyseroboter pipettiert DNA-Fragmente.
Die gewonnenen DNA-Daten werden in einen Analysecomputer des Bundeskriminalamtes eingegeben, der zueinander passende Spuren ermittelt oder eine Personenspur einer bislang nicht identifizierten Spur zuordnet. 1989 ist mit dieser Analysetechnik erstmals ein Vergewaltiger überführt worden, seitdem setzen die Kriminologen auf diese Technik. Die Zahl der Analysen steigt rasant. Mittlerweile arbeiten in der DNA-Analytik des LKA mehr als fünfzig Mitarbeiter, vor allem Mikrobiologen und Molekularbiologen. Der genetische Fingerabdruck aus dem Heilbronner Fall stammt von einer Frau. Da sind sich die Molekularbiologen sicher. Es fehlen jegliche Hinweise auf ein männliches Y-Chromosom.
Belohnung müsste höher sein
In anderen Ländern ist es erlaubt, die Haarfarbe oder die Augenfarbe des mutmaßlichen Täters per DNA-Analyse zu bestimmen. Doch weder Huber noch Pflug glauben, dass das schlagartig Licht in den Heilbronner Fall bringen würde. „Die Haarfarbe hängt von vielen verschiedenen Genen ab, sie ergibt sich erst in der Kombination“, sagt Pflug. Zudem lassen Haare sich färben, die Augenfarbe kann man mit farbigen Kontaktlinsen verändern. Das Rätsel also bleibt.
In Hubers Besprechungszimmer im Heilbronner Polizeipräsidium hängt das Bild der getöteten Polizistin wie eine Mahnung an der Wand. „Merkwürdig ist auch, dass die Taten nicht unbedingt für die Beteiligung einer Frau sprechen. Die Wissenschaftler gehen jedoch zweifelsfrei von einer weiblichen Spur aus. Deshalb können wir nicht ausschließen, dass die Person vielleicht ein männliches Erscheinungsbild hat“, sagt Huber.
Er hofft, dass es für die Ermordung der Krankenschwester in Weinsberg oder den Einbruch in ein Vereinsheim in Saarhölzbach, an der das Phantom vermutlich ebenfalls beteiligt war, irgendwann doch noch Zeugen geben könnte. Die Belohnung ist gerade von 150.000 Euro auf 300.000 Euro erhöht worden. Wenn es nach Frank Huber ginge, müsste die Belohnung noch höher sein, damit endlich einer sein Schweigen bricht.