12.02.2009 · Die „Polizistenmörderin“ von Heilbronn ist die meistgesuchte Kriminelle Deutschlands. Dennoch hat die Polizei keine Ahnung, wer sie ist: Hat sie Kontakte zur organisierten Kriminalität? Zu Einwanderern aus Osteuropa? Ist sie ein Transsexueller?
Von Rüdiger Soldt, Heilbronn/StuttgartVor dem schmucklosen Einfamilienhaus stehen Kartons mit Elektronikschrott. Das Haus in Gronau, einem kleinen Dorf in den Löwensteiner Bergen, etwa 20 Kilometer nordöstlich von Ludwigsburg, liegt direkt am Wald. „Die Frau ist mit ihren zwei Kindern gerade ausgezogen“, sagt ein Nachbar. In der Nacht zum 10. April 2008 bekam die alleinerziehende Mutter unerbetenen Besuch. Die am meisten gesuchte Kriminelle Deutschlands, das „Phantom“, die mutmaßliche Heilbronner Polizistenmörderin, stahl eine Gucci-Uhr und einen Laptop. Wahrscheinlich übernachtete die „unbekannte weibliche Person“ (UWP), wie die Täterin im Fachjargon der Polizei heißt, in einer Waldhütte oder einem Weingärtnerhäuschen und brach dann spontan in das Haus ein. Die Polizei soll die DNA-Spur am Briefkasten gefunden haben. „Hier hat eine Hundertschaft den Wald durchkämmt, die haben aber nichts gefunden“, sagt der Nachbar. „Die zwei Hunde der Familie waren auch still.“
In Gronau stießen die Ermittler auf die 36. DNA-Spur, die Sonderkommissionen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, dem Saarland und Österreich seit 1993 gefunden haben. Wieder einmal glaubten die Ermittler, sie hätten in ihrem Puzzle eine Spur, die sie weiterbringen würde. Doch fast ein Jahr später gibt es zwar zwei weitere DNA-Spuren, doch man kann nicht sagen, dass die Ermittler weitergekommen wären: Vom „Phantom“ gibt es bis heute nicht einmal ein Phantombild.
Nur Ohrenzeugen
Dabei mangelt es Frank Huber vom Heilbronner Polizeipräsidium nicht an Einsatzbereitschaft. Der 41 Jahre alte Kriminalrat leitet die „Soko Parkplatz“. Am 25. April 2007 fielen auf dem Parkplatz an der Heilbronner Theresienwiese mehrere Schüsse. Unbekannte Täter erschossen die 22 Jahre alte Polizistin Michèle Kiesewetter und verletzten ihren Kollegen Martin A. schwer. Die Ermittler rekonstruierten den Tatablauf mit einem dreidimensionalen Scanner und ermittelten die Schussrichtung. Anhand der DNA-Spuren stellten sie fest, dass die gesuchte Person seit Mai 1993 an 16 Einbrüchen, mindestens zwei Mordversuchen sowie drei Morden beteiligt gewesen sein könnte. Sicher ist nur, dass sie am Tatort war und dass sie an der Tat beteiligt gewesen sein muss.
Als Michèle Kiesewetter starb, war es 14 Uhr, die Sonne schien, auf dem nahe gelegenen Festplatz arbeiteten etwa 100 Schausteller, ein vielbenutzter Fahrradweg führte am Neckarkanal entlang. Vielleicht 300 Meter vom Tatort entfernt liegt das italienische Restaurant „Da Umberto“. Der Festplatz ist nicht Heilbronns gute Stube, einsam ist der Platz aber auch nicht. Zeugen, die den Tatablauf schildern können, hat Huber bis heute nicht ausfindig gemacht: „Es gibt Ohrenzeugen, die Schüsse gehört haben, aber keine Augenzeugen.“ Für den Ermittler ist es ein Rätsel, warum sich nach fast zwei Jahren nicht ein Zeuge hat finden lassen, der Wesentliches zur Identifizierung der „UWP“ beitragen konnte. Alle Fahrradfahrer, Hilfsarbeiter, Spaziergänger wollen nichts gesehen haben.
Tägliche DNA-Analysen und 16.000 Überstunden
„Man kann fast nichts ausschließen“, sagt Huber etwas resigniert. „Die enorme Deliktbreite macht die Erstellung eines scharfen Profils unmöglich.“ 700 verdächtige Frauen ließ die Polizei „speicheln“. Die DNA-Muster der Speichelproben glich man mit dem genetischen Fingerabdruck der mutmaßlichen Polizistenmörderin ab – ohne Erfolg. Von etwa 100 weiteren Frauen würde die Polizei gern noch ein DNA-Muster erstellen lassen – doch man weiß nicht, wo sie sich aufhalten. Die Polizei hat mehr Fragen denn je zu beantworten – trotz 16.000 Überstunden, trotz der Aufstockung des Personals, trotz täglicher DNA-Analysen. Stammt die Täterin, wie einige Zeit vermutet wurde, vielleicht aus dem Sinti-und-Roma-Milieu? Unwahrscheinlich. Hat sie Kontakte zur organisierten Kriminalität? Möglicherweise. Hat sie Kontakte zu Einwanderern aus Osteuropa, zu Serben, Albanern, Polen, Slowaken oder russischen Spätaussiedlern? Könnte sein.
Dafür spricht auch die vorerst letzte Spur, Nummer 39. Die Polizei stellte sie Anfang Februar 2009 in einem Mannheimer Mehrfamilienhaus sicher. An der Wohnungstür eines 29 Jahre alten Serben im Stadtteil Neckarstadt fand sich DNA-Material des „Phantoms“. Der Mann hatte im Oktober einen 36 Jahre alten Russlanddeutschen in der Wohnung im Stadtteil Neckarstadt bei einem Streit mit einem Küchenmesser am Hals verletzt. Das „Phantom“ hielt sich aber wahrscheinlich zu einem anderen Zeitpunkt in der Wohnung auf. Die Haustür ist im Oktober 2005 eingebaut worden, im Herbst vergangenen Jahres fanden die Ermittler die DNA-Spur. Irgendwann in den vergangenen drei Jahren könnte sich die Frau also in dem Stadtteil in der Nähe des Industriehafens aufgehalten haben, der eher zu den sozialen Brennpunkten Mannheims zählt.
Möglich, könnte sein, wahrscheinlich
Die Datenbanken der Ermittler füllen sich immer weiter. Doch die Delikte sind so unterschiedlich, dass es bis heute nicht gelungen ist, ein Täterprofil zu erstellen oder die „spurenlegende Person“ einem bestimmten Milieu zuzuordnen. Mal hinterlässt die Frau ihre Spur bei Gelegenheitsdiebstählen. Mal scheint sie für Auftraggeber zu handeln, wenn sie zum Beispiel gezielt Airbags stiehlt. Jedenfalls sind die Delikte meist nicht frauentypisch. Deshalb fragt sich Huber, ob es sich vielleicht um einen Transsexuellen handelt oder um eine Frau, die sich als Mann verkleidet. Möglich, könnte sein, wahrscheinlich – präzise Antworten können die Ermittler auf viele Fragen nicht geben.
Immerhin haben sie einige Spuren und Thesen inzwischen verworfen. Als ausgeschlossen gilt, dass ein Täter die Polizei mit DNA-Proben in die Irre führt. Denn der genetische Fingerabruck der mutmaßlichen Täterin wurde in unterschiedlichen Proben gefunden – er ließ sich aus Blutresten, Haaren, Hautschuppen und Speichelresten extrahieren. Unwahrscheinlich ist auch, dass ein Spurenleger 16 Jahre lang das Material an deutschen und österreichischen Tatorten verteilt hat. Wenig neue Erkenntnisse verspricht sich die Sonderkommission auch von dem Prozess in Frankenthal, der den Mord an drei georgischen Autohändlern aufhellen soll. Im Auto der mutmaßlichen Täter, eines aus dem Irak stammenden und in Geldnöten steckenden ehemaligen V-Manns des rheinland-pfälzischen Verfassungsschutzes und eines Somaliers, für die der Staatsanwalt am Mittwoch lebenslange Freiheitsstrafen forderte, war ebenfalls DNA der „UWP“ gefunden worden. Vielleicht aber hat die gesuchte Frau das Fahrzeug früher nur einmal zufällig benutzt. Und schließlich kann Huber mit hoher Wahrscheinlichkeit ausschließen, dass der Mord an Michèle Kiesewetter eine Beziehungstat war.
Die Nervosität nimmt täglich zu
Nun arbeiten der Soko-Leiter und seine Kollegen vor allem an drei Komplexen. Sie suchen nach den in Heilbronn entwendeten und noch nicht wieder aufgetauchten Polizistenwaffen vom Typ Walter P 2000. Und sie suchen nach Hinweisen zur Aufklärung der letzten beiden schweren Taten des „Phantoms“. In Weinsberg im Landkreis Heilbronn wurde im Oktober 2008 eine 45 Jahre alte Krankenpflegerin tot in einem Regenüberlaufbecken aufgefunden – im Fiat Panda des Opfers fand die Spurensicherung DNA-Spuren des „Phantoms“. In Saarhölzbach, 50 Kilometer nordwestlich von Saarbrücken, soll die Frau im Mai 2008 in ein Angelsportheim eingebrochen sein. „Sie muss in der Region Ludwigsburg, in Heilbronn und im Saarland stärkere Bezüge zu irgendwelchen Personen haben“, sagt Huber. „Diese herauszufinden ist eine unserer Aufgaben.“
Kürzlich wurde die Prämie zur Ergreifung der Täterin auf 300.000 Euro erhöht. Die Nervosität der Ermittler nimmt täglich zu. Schließlich ist die Serientäterin äußerst gewaltbereit. Am Mittwoch verlegte Landespolizeipräsident Erwin Hetger die „Soko Parkplatz“ in das Landeskriminalamt in Stuttgart. Die acht Ermittler aus Heilbronn sollen von 20 Kollegen im LKA unterstützt werden. „Die Verlegung kann eine neue Blickrichtung in den Fall bringen, wir haben diese Entscheidung einvernehmlich getroffen“, sagt Hetger. Frank Huber soll aber Chef der Sonderkommission bleiben. Auf die Frage, ob der politische Druck, den Fall zu lösen, zugenommen habe, sagte Hetger: „Nein, null.“