26.03.2009 · Über 40 DNA-Spuren hinterließ das „Phantom von Heilbronn“ an diversen Tatorten. Doch der DNA-Nachweis führte nie zur Erhellung der Tat. Das „Phantom“ wird ein Phantom bleiben - die DNA der mysteriösen Täterin stammte von verunreinigten Wattestäbchen. Die baden-württembergische Polizei steht vor einem Scherbenhaufen.
Die Heilbronner Polizistenmörderin war ein Genie. Sie sprach mehrere Sprachen, stahl mal Airbags für osteuropäische Banden, mal ein Laptop, weil sie Geld für den nächsten Drogenrausch brauchte. Je länger die Sonderkommissionen ermittelten, je mehr DNA-Spuren die Laboranten auswerteten, desto vielschichtiger wurde das Bild der mysteriösen Täterin - bis das Bild plötzlich in viele Teile zerbrach.
Fast zwei Jahre nach dem Polizistenmord von Heilbronn am 25. April 2007 steht die baden-württembergische Polizei vor einem Scherbenhaufen. Die Polizei hat fast zwei Jahre lang eine Täterin verfolgt, die sich ihren Namen „Phantom“ redlich verdient - weil es sie nicht gibt. Nicht nur ein paar Ermittler sind blamiert. Jetzt kommen grundsätzliche Fragen nach der Zuverlässigkeit der DNA-Analysen in der Kriminalistik auf und nach der politischen Verantwortung für eine Ermittlungspanne solchen Umfangs. Landeskriminalämter und Polizeipräsidien untersuchen seit Donnerstag hektisch sämtliche Altbestände auf kontaminierte Stäbchen.
Die Spuren helfen nicht weiter
Noch vor wenigen Wochen klagte der Leiter der Sonderkommission „Parkplatz“ darüber, dass sich aus allen Spuren einfach kein Puzzle ergab. Nun soll das von der Polizei als DNA-Spur einer weiblichen Person gedeutete Material von verunreinigten Wattestäbchen stammen. Schon in den vergangenen Monaten gab es Hinweise, die auf eine falsche Tätertheorie hindeuteten. „Die jüngeren Funde haben uns skeptisch gemacht“, sagt Horst Haug, der Sprecher des Landeskriminalamtes.
Am 7. Oktober 2008 gerieten in der Mannheimer Neckarstadt zwei Männer in einem Mehrfamilienhaus in Streit. An der Wohnungstür fand die Polizei einen neuen „DNA-Treffer“ der mutmaßlichen Polizistenmörderin. Die Bewohner des Hauses gaben Speichelproben ab, die Männer wurden vernommen, die „unbekannte weibliche Person“ kannte niemand. Wie die Spur an die Tür gelangte, blieb rätselhaft. Am 26. Oktober 2008 fanden Spaziergänger den Leichnam der 45 Jahre alten Krankenpflegerin im Flurstück Wildenberg. Die Tote lag in einem Regenrückhaltebecken.
In ihrem Auto, einem Fiat Panda, sicherten Ermittler die DNA-Spur der angeblichen Polizistenmörderin. Ein Zusammenhang zwischen Leichnam und Polizistenmord ließ sich nicht herstellen. Mal wieder hatte die Sonderkommission einen weiteren DNA-Nachweis, aber kein weiteres Puzzle-Teilchen zur Erhellung der Tat. Ähnlich ratlos waren die Polizisten dann auch am 18. März, als sie bekannt geben, dass sie die 40. DNA-Spur gefunden haben, und zwar in einer Saarbrücker Schule. Nur gab es keine Theorie, mit der sich die Einbrüche und der Aufenthalt der Frau in Einklang bringen ließen. Am Tatort in Saarbrücken hatte die Polizei eine leere Cola-Dose gefunden, an deren Öffnungslasche Kriminaltechniker DNA-Spuren des „Phantoms“ sicherten. Die Jugendlichen konnten bei ihrer Vernehmung aber versichern, dass sie bei ihrem Einbruch keine Frau aus Osteuropa als Komplizin zur Verstärkung dabei hatten.
DNA des „Phantoms“ aufgetaucht
Noch konkreter wurde der Phantom-Verdacht für die Ermittler nach Angaben der Staatsanwaltschaft Saarbrücken durch eine Mitteilung der dortigen Rechtsmedizin am 19. März. DNA-Spuren der „unbekannten weiblichen Person“ seien bei der Identifikation einer im französischen Forbach gefundenen männlichen „Brandleiche“ gefunden worden, sagt der Sprecher der Saarbrückener Staatsanwaltschaft, Ernst Meiners. Bei diesem Toten handele es sich um einen seit 2002 vermissten Asylbewerber. Beim Vergleich der DNA-Spuren der Leiche mit denen des Vermissten sei Genmaterial aus Fingerabdrücken herausgearbeitet worden, die der Asylbewerber vor seinem Verschwinden bei der Ausländerbehörde abgeben musste.
Beim Abgleich der DNA-Proben seien Spuren des „Phantoms“ aufgetaucht. „Das konnte nicht sein.“ Mit einem „garantiert DNA-freien“ Wattestäbchen habe die Rechtsmedizin dann den Gegentest gemacht. Dabei sei kein DNA-Material des Phantoms mehr zutage getreten. Nach der Bestätigung dieses Laborbefunds habe seine Behörde am Montag die Kollegen in Stuttgart informiert, dass etwas mit dem Untersuchungsmaterial nicht in Ordnung sei. Alle bei 14 Straftaten im Saarland festgestellten DNA-Spuren werde man jetzt noch einmal genau untersuchen.
Initiationsmord vermutet
Jetzt sollen die Wattestäbchen noch einmal darauf geprüft werden, ob sie mit Hautschuppen oder Speichelresten kontaminiert sind. Im Bestand des baden-württembergischen Landeskriminalamtes soll es mehr als 1000 solcher Wattestäbchen geben. Hersteller, Verpackungsfirmen und Zulieferer sollen ebenso geprüft werden wie Tüten, Folien, Handschuhe und Schutzanzüge. „Wenn diese Hypothese zutrifft, müssten alle Stäbchen, die bei der Sicherstellung von 40 Spuren stammen, mit demselben DNA-Material kontaminiert sein“, sagt der Sprecher des baden-württembergischen Landeskriminalamtes. Dabei ist aber noch gar nicht sicher, ob alle Landeskriminalämter diese Wattestäbchen vom gleichen Händler bezogen haben, und selbst wenn, müssten sie alle mit den Stäbchen der kontaminierten Produktionscharge beliefert worden sein.
Außerdem ist das DNA-Material über mehrere Jahre mit diesen Stäbchen sichergestellt worden. „Seit April 2008 hatten wir Zweifel an der Qualität und der Beweiskraft der DNA-Spuren. Entsprechende Schritte haben wir veranlasst, deshalb sind mehrere hundert Wattestäbchen überprüft worden, doch einen Hinweis auf eine Fremdkontamination gab es nicht, deshalb haben wir weitere Tatorte öffentlich gemacht“, sagt ein Sprecher der Heilbronner Staatsanwaltschaft. Noch bevor ein Ergebnis der Untersuchungen der Molekularbiologen vorliegt, tauchen neue Hypothesen über den oder die Mörderin der Polizistin Michèle Kiesewetter auf. Weil immer noch nicht geklärt werden konnte, wo die Polizistenwaffen vom Typ Walter P2000 und die Handschellen sind, glauben manche, es könnte sich um einen Initiationsmord handeln, den Jungkriminelle verübten, um in Kreise der Organisierten Kriminalität aufgenommen zu werden.
DNA-Muster der Mitarbeiter wird überprüft
Die Wattestäbchen-These scheint sich jedenfalls nun durchzusetzen. Der baden-württembergische Justizminister Goll (FDP) sagt, die These habe „eine hohe Plausibilität“. Und der letztlich für die Ermittlungsarbeit verantwortliche Innenminister Rech (CDU) will der Polizei keine Vorwürfe machen. Rech war über die Ermittlungen, auch über das möglicherweise kontaminierte Labormaterial, informiert. Falls die Wattestäbchen verunreinigt gewesen sind, so Rech, müsse der Hersteller vermutlich mit einer Klage rechnen.
Wird ein Tatort nach DNA-Spuren untersucht, ist die Gefahr der Kontamination mit nicht tatrelevanten Spuren immer gegeben. Daher tragen die Fachleute der Spurensicherung weiße Overalls, Überzüge über den Schuhen, Mundschutz und Handschuhe. DNA-Spuren kann man überall vermuten, an Getränkedosen, Bierflaschen, Besteck, Fenstergriffen, Waffen, Stiften, Armaturenbrettern, Lenkrädern, Zigarettenstummeln. Die Gegenstände werden mit Wattestäbchen „abgerieben“, die dann in einem Plastikröhrchen verschlossen werden. Die Wattestäbchen werden zuvor entweder mit Wasser oder mit Ethanol behandelt, um die DNA besser zu sichern. Wurden sie mit Wasser getränkt, müssen sie nach der Tatortarbeit zunächst zum Trocknen ausgebreitet werden.
DNA-Analyse ersetzt nicht die klassische Ermittlungsarbeit
Man muss also wieder jedes Plastikröhrchen öffnen, die Wattestäbchen herausholen und zum Trocknen hinlegen - eine weitere Quelle für mögliche Verunreinigung durch Fremdspuren. Daher werden DNA-Spuren häufig in Ethanol gesichert. So kann man am Tatort das Stäbchen mit dem Abrieb direkt im Eppendorf-Gefäß sichern und zur Analyse schicken. Wenn in München die Polizei DNA-Spuren sichert, werden diese in der Regel in das Institut für Rechtsmedizin der Universität geschickt. Wird ein DNA-Muster gefunden und das Ergebnis an das Präsidium übermittelt, so werden diese Rückgänge immer zuerst mit der Mitarbeiter-Datei verglichen. In dieser Datei sind alle DNA-Muster der Mitarbeiter der Kriminaltechnik anonymisiert gespeichert. Sollte es eine Übereinstimmung geben, wird geprüft, ob der Mitarbeiter am Tatort mit der Spurensicherung betraut war.
Der Fortschritt der Technik und die vielen Fahndungserfolge bergen auch falsche Versprechen. „Es muss ja nicht mit jeder DNA-Spur eine Straftat zusammen hängen“, sagt Wolfgang Steinke, früher Abteilungspräsident im Bundeskriminalamt (BKA), der die DNA-Analyse vor zwei Jahrzehnten maßgeblich in die deutsche Kriminalistik einführte. Die DNA-Analysedatei des BKA hatte Ende 2008 einen Bestand von 756.990 Datensätzen. Immer mehr Täter wurden per DNA überführt. „Aber die DNA ersetzt sich nicht die klassische Ermittlungsarbeit“, sagt Steinke, um resigniert zum Heilbronner Fall zu sagen: „In der DNA-Erfolgsgeschichte hat es noch nicht einen solchen Rückschlag gegeben.“
Nur ein mögliches Szenario
Der erste, dem aufging, dass etwas nicht stimmen könne mit der Vielzahl von „Phantom“-Spuren, ist Professor Bernd Brinkmann, bis 2007 Leiter des Instituts für Rechtsmedizin an der Universität Münster. „Es blieb nur ein Szenario übrig: Da sitzt in einem Produktions- oder Verpackungsbetrieb über 15 Jahre eine Frau, die Abertausende Stäbchen in einen Behälter füllt, dabei ein paar berührt und - sagen wir - jedes 500. kontaminiert. Bei den Leerkontrollen der Polizei wurden dann 500 geprüft und für gut befunden - und am 501. war die DNA. Es gab ja zwischen den untersuchten Fällen kein verbindendes Element - außer der DNA. Bei den Kriminalisten stießen wir mit unserer Idee, um es überaus vorsichtig auszudrücken, auf hochgradige Reserviertheit.“
Brinkmann fordert, man müsse für die forensischen Laboratorien ein Gütesiegel einführen: Dieses Material zur Sicherstellung von Spuren ist frei von DNA. Auch das schütze nicht sicher vor Pannen. Man müsse also darüber hinaus auch die Dichte der Leerkontrollen erhöhen. Brinkmann gibt ein Beispiel: „Sie bekommen eine Packung mit 10.000 Wattestäbchen, davon nehmen sie eine Stichprobe von vielleicht 100 und prüfen sie auf DNA-Verunreinigung.“ Den Vorschlag von Bernd Carstensen, dem Sprecher des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, hält er für undurchführbar, dass nämlich die Hersteller der Stäbchen den Packungen den DNA-Code der beteiligten Mitarbeiter beilegen, so wie Polizisten bei Tatortuntersuchungen auch ihre Fingerabdrücke zu den Akten geben, damit keine Verwechslungen auftreten können. „Viele von den Stäbchen und dem Spurensicherungsmaterial kommen aus dem Ausland, aus China, aus Indonesien. Wie wollen sie da DNA-Codes abfragen?“
Auch Neandertaler-Forscher scheiterten schon mit DNA
Den meisten Menschen mit Laborjob geht eine umsichtige Arbeitsweise in Fleisch und Blut über. Bei hochsensiblen DNA-Analysen wie dem Projekt zur Entschlüsselung des Neandertaler-Genoms in Leipzig lassen sich Verunreinigungen allerdings nur durch rigorose Maßnahmen verhindern - etwa durch Einrichtung von „Reinsträumen“. Hier werden die Arbeitsoberflächen ständig mit hydrochlorischer Säure gereinigt und mit UVB-Strahlung dekontaminiert; die Wissenschaftler treten nur mit Schutzanzug, Mundschutz und mehreren Handschuhen ein.
In solchen Reinstraumlaboren wird seit 2006 am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie das Genom des Neandertalers entziffert. Trotzdem mussten auch die Leipziger Forscher schon eine Panne hinnehmen: Wenige Monate nach Beginn der Untersuchungen spekulierten sie, Menschen und Neandertaler könnten sich vor Jahrtausenden gepaart haben. Doch ein Jahr später bewiesen Molekulargenetiker von der Universität von Kalifornien in der Fachzeitschrift „Plos Genetics“, dass das analysierte Erbgut mit der DNA moderner Menschen verunreinigt war. „Wir hatten das Probenmaterial damals in die Vereinigten Staaten geschickt, wo ein modernes Sequenziergerät zur Verfügung stand“, sagt der Biochemiker Johannes Krause aus der Leipziger Arbeitsgruppe. In dem amerikanischen Labor, das kein Reinstraum war, sei der jahrtausendealte Neandertalerknochen mit großer Wahrscheinlichkeit verunreinigt worden.
„Die Fundstücke sind mehrfach in die Hand genommen worden“, sagt Christina Beck von der Max-Planck-Gesellschaft. „Vor 150 Jahren, als die ersten Neandertaler entdeckt wurden, konnte niemand wissen, dass es eine Technik geben würde, die es erlaubt, steinalte DNA zu sequenzieren.“ Erst in jüngster Zeit werden neue Funde so steril geborgen wie möglich - Handschuhe sind Vorschrift.