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Pennsylvania Ein leichtes, ungeschütztes Ziel

03.10.2006 ·  Ein Amokläufer ist in die abgeschiedene Welt der Amisch-Glaubensgemeinschaft eingedrungen und hat fünf Mädchen getötet. Sein Motiv war anscheinend Rache für einen zwanzig Jahre zurückliegenden Vorfall.

Von Katja Gelinsky, Washington
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„So etwas passiert in der Großstadt und in anderen Bundesstaaten, aber nicht im Bezirk der Amischen.“ Ähnlich fassungslos wie Evelyn Vandament aus Lancaster County sind viele Bewohner des Landkreises im amerikanischen Bundesstaat Pennsylvania, in dem ein 32 Jahre alter Mann eine Bluttat in einer Schule der christlich-konservativen Religionsgemeinschaft der Amischen anrichtete, bevor er sich selbst erschoß. Bei dem Attentat in der kleinen Ortschaft Nickel Mines kamen mindestens vier amische Schülerinnen im Alter zwischen sechs und 13 Jahren und eine jugendliche Assistentin des Lehrers ums Leben. Fünf weitere Schülerinnen wurden mit Schußverletzungen in Krankenhäuser gebracht. Das Verbrechen ist die vierte tödliche Tat, die sich innerhalb weniger Tage an amerikanischen Schulen ereignete. Ein direkter Zusammenhang zwischen den Verbrechen besteht nach Angaben der Ermittler aber nicht.

Alarmiert durch die Vorfälle, will die Regierung Bush in der nächsten Woche eine Konferenz mit Polizeikräften, Lehrern und Bildungsfachleuten abhalten, um Gründe für die Verbrechen und mögliche Sicherheitsvorkehrungen zu erörtern. George W. Bush sei tief erschüttert und besorgt über die Gewalttaten an Schulen, teilte eine Sprecherin des Weißen Hauses mit.

„In Exekutionsmanier“ in den Kopf geschossen

Die „Georgetown Amish School“, die nun zum Schauplatz des drittschlimmsten Schulattentats in den Vereinigten Staaten geworden ist, liegt eingebettet zwischen Wiesen und Feldern, die von den besonders konservativen Mitgliedern der „Old Order“ Amischen mit Hilfe von Pferd und Wagen bewirtschaftet werden. Absage an Gewalt gehört zu den zentralen Grundsätzen der Religionsgemeinschaft, die Fernsehen, Computer und andere Selbstverständlichkeiten des modernen Lebens ablehnt, um ein schlichtes, bäuerliches Leben, geprägt durch Arbeit, Religion und Familie zu pflegen.

Die soziale Zurückgezogenheit hat die Amisch jedoch nicht davor schützen können, daß ein Familienvater aus dem Nachbarort Bart Township die Georgetown Amish School in Nickels Mines, in der 25 bis 30 Kinder bis zur achten Klasse unterrichtet werden, als Ort seines blutigen Verbrechens wählte. Vermutlich habe der 32 Jahre alte Charles Carl Roberts, der nicht zur Gemeinschaft der Amisch gehört, die Schule, die nur ein Klassenzimmer hat, angegriffen, weil sie ein leichtes, ungeschütztes Ziel gewesen sei, vermutet die Polizei. Haß gegen die Amisch ist dagegen nach Angaben der Ermittler nicht Tatmotiv gewesen. Es scheine vielmehr so, als habe es der Täter auf junge Mädchen abgesehen, „aus Rache für etwas, was zwanzig Jahre zurückliegt“, teilte Polizeichef Jeffery Miller mit. Der Attentäter sei „wütend auf das Leben“ und „zornig auf Gott“ gewesen. Welche Erlebnisse in der Vergangenheit der Grund dafür gewesen sein könnten, daß der Familienvater den amischen Schülerinnen aus nächster Nähe „in Exekutionsmanier“ in den Kopf schoß, sagte der Polizeichef nicht.

Abschiedsbriefe für die Familie

Nach Angaben der Ehefrau, die ihren Mann als „liebend und fürsorglich“ und als „außergewöhnlichen Vater“ beschrieb, hatte Roberts, der einen Milchwagen fährt, bis zum frühen Montag morgen Milch von Höfen der Amisch abgeholt. Gegen neun Uhr habe er dann seine Kinder zum Schulbus gebracht. Nach Angaben der Ermittler fuhr der Täter anschließend mit einem geliehenen Pritschenwagen (Pick-up) zur „Georgetown Amish School“. Für die Begehung seiner Tat hatte er sich mit mehreren Schußwaffen, 600 Schuß Munition, Messern, Werkzeug, sowie mit Klebeband und Holz ausgerüstet. Gegen zehn Uhr drang Roberts in die Schule ein und forderte die 15 Jungen, die dort gemeinsam mit elf Mädchen unterrichtet wurden, auf, das Gebäude zu verlassen. Auch eine schwangere Frau und drei Mütter mit kleinen Kindern ließ er frei.

Bevor der Familienvater dann begann, das Schulgebäude zu verbarrikadieren, gelang einem Lehrer und einem anderen Erwachsenen die Flucht. Im Schulgebäude befahl Roberts, der nach Angaben eines Nachbarn einer „ordentlichen christlichen Familie“ angehört, den Schülerinnen, sich an der Tafel aufzustellen, und fesselte ihnen die Füße. Gegen elf Uhr rief er seine Frau vom Handy aus an und teilte ihr mit, daß er im Begriff sei, Rache für einen Vorfall in der Vergangenheit zu nehmen. Daraufhin ließ Roberts die Polizei, die mittlerweile das Schulgebäude umstellt hatte, wissen, daß er auf die Schülerinnen schießen werde, wenn die Beamten sich nicht zurückzögen. Augenblicke später begann der Attentäter, der sich zuvor einer Kontaktaufnahme mit der Polizei verweigert hatte, zu schießen. Drei Mädchen starben sofort durch Schüsse in den Kopf. Roberts selbst fanden die Ermittler nach Erstürmung der Schule tot neben seinen Waffen liegen. Es scheine so, als habe der Täter „nicht damit gerechnet, das Schulgebäude lebend zu verlassen“, sagte Polizeichef Miller. Für seine Frau und seine drei Kinder habe er Abschiedsbriefe hinterlegt.

Quelle: F.A.Z., 4.10.2006., Nr. 230 / Seite 9
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