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Oscar Pistorius Verteidigung zerpflückt die Ergebnisse der Polizei

 ·  Am zweiten Tag der Anhörung nimmt der Verteidiger von Oscar Pistorius den leitenden Polizisten ins Kreuzverhör und deckt dabei zahlreiche Ermittlungspannen auf. Der „wasserdichte Fall“, von dem die Staatsanwaltschaft spricht, wirkt mit einem Mal undicht.

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© dpa Vergrößern Oscar Pistorius am zweiten Tag der Anhörung vor dem Magistratsgericht Pretoria

Hat die südafrikanische Polizei in einem Fall wie dem wegen Mordes an seiner Freundin angeklagten Oscar Pistorius zur Abwechslung einmal gründlich ermittelt? Am Mittwoch sieht es nicht so aus. Die Aussagen des leitenden Kriminalbeamten werden am zweiten Tag der Kautionsverhandlung für den sechsfachen Olympiasieger von der Verteidigung regelrecht auseinandergepflückt. Das hitzige Kreuzverhör endet damit, dass Detective Hilton Botha eingestehen muss, nichts am Tatort widerspreche der Aussage von Pistorius, er habe seine Freundin Reeva Steenkamp aus Versehen erschossen, weil er sie für einen Einbrecher gehalten habe. Das heißt noch lange nicht, dass die Staatsanwaltschaft in der Hauptverhandlung von ihrer Mord-Theorie abweichen wird. Doch der „wasserdichte Fall“, von dem Staatsanwalt Gerrie Nel vor wenigen Tagen noch sprach, ist seit der Aussage des leitenden Polizisten undicht.

Zunächst schildert Botha auf Bitten der Anklage vor dem Magistratsgericht in Pretoria, wie er um 4.15 Uhr am vergangenen Donnerstag zu dem Haus des Sportlers gerufen worden sei und Frau Steenkamp tot auf dem Boden der Eingangshalle gefunden habe. Die Leiche habe drei Schusswunden aufgewiesen, alle auf der rechten Seite des Körpers: eine im Kopf direkt unter dem Ohr, eine im Ellbogen, eine in der Hüfte. Nach Bothas Aussagen trug sie kein Nachthemd, sondern kurze Schlafhosen, dazu eine schwarze Weste. Botha bestätigt, dass der Tatort die Toilette im Badezimmer gewesen sei. Er habe eine Patronenhülse auf der Schwelle zwischen Badezimmer und Schlafzimmer und drei weitere im Innern des Badezimmers gefunden. Die Toilette innerhalb des Badezimmers habe eine eigene Tür. Das sei jene Tür, durch die Pistorius vier Schüsse abgefeuert habe.

Botha bestätigt weiterhin, dass ein Kricketschläger benutzt worden sei, um die Tür zu zertrümmern. Pistorius hatte ausgesagt, die Türe eingeschlagen zu haben, als ihm klargeworden sei, dass dahinter vielleicht doch Frau Steenkamp war und kein Einbrecher. Auf dem Boden des Badezimmers habe er zwei Handys gefunden, sagt Botha, von denen indes keines zur Verständigung eines Notarztes benutzt worden sei, wie Pistorius am Dienstag in einer eidesstattlichen Erklärung versichert hatte.

Nach Angaben des Polizisten sind drei der vier Schüsse nicht von der Schwelle zwischen Badezimmer und Schlafzimmer abgeben worden, sondern im Innern des Badezimmers. Pistorius behauptet, auf der Schwelle hockend regelrecht um die Ecke in Richtung eines Fensters geschossen zu haben, wo er den Einbrecher vermutet haben will, und dabei das Klo getroffen zu haben.

Nach Bothas Aussage ist das unmöglich. Der Schusswinkel verlaufe außerdem von oben nach unten. Damit erscheine Pistorius’ Aussage, er habe sitzend geschossen, unglaubwürdig. Vielmehr, so der Kriminalbeamte, habe Pistorius seine Prothesen getragen und sei im Bad „hin und her gelaufen“.

Des Weiteren liegen der Polizei nach Bothas Worten zwei Zeugenaussagen vor, von denen eine besagt, in der Zeit zwischen zwei und drei Uhr morgens lauten Streit in dem Haus von Pistorius gehört zu haben. Die andere Zeugin habe zu Protokoll gegeben, sie habe eine weibliche Stimme um Hilfe rufen hören, gefolgt von drei Schüssen. Außerdem sei in dem Haus „Testosteron“ gefunden worden. „In meinen Augen hat der Angeklagte die Frau mit Absicht getötet“, meint Botha.

Der Verteidiger von Oscar Pistorius, Barry Roux, gilt als harter Hund. Den Ruf genießt er zu Recht, das wird am Mittwoch deutlich. Botha muss im Kreuzverhör nahezu alle seine Aussagen revidieren. Ob die Polizei versucht habe herauszufinden, ob Pistorius den Notarzt von einem anderen Handy angerufen habe, als den beiden im Badezimmer gefundenen? Botha: „Nein.“

Ob er versucht habe herauszufinden, mit wem Pistorius unmittelbar nach den Schüssen gesprochen habe? Botha: „Nicht wirklich.“ Ob die Polizei versucht habe herauszufinden, ob in der Zentrale des Notarztes ein Anruf von Pistorius eingegangen sei? Botha: „Nein.“ Roux zieht eine Niederschrift aller Anrufe in der Telefonzentrale des Notarztes hervor. Darauf steht: „14. Februar, 3.20 Uhr, Frau mit mehreren Schussverletzungen in Silver Lakes. Anrufer: Oscar Pistorius.“

Dann will Roux wissen, ob Botha nicht auch der Ansicht sei, dass Schüsse, die von der Schwelle des Schlafzimmers zum Badezimmer in Richtung Fenster abgegeben werden, aufgrund der baulichen Gegebenheiten und des Winkels zwangsläufig die Toilettentür durchschlagen müssen? Botha: „Kann sein.“ Warum die Polizei behaupte, Testosteron gefunden zu haben, wo es sich bei der beschlagnahmten Substanz doch um Pflanzenextrakte handele, die rezeptfrei und völlig legal zu erwerben seien? Botha: „Ich habe das Etikett nicht richtig gelesen.“

Wo denn bitte die Zeugin wohne, die Hilferufe und dann Schüsse gehört haben will? Botha: „600 Meter von Pistorius’ Haus entfernt.“ Ob er Beweise dafür habe, dass Pistorius seine Beinprothesen anlegte, bevor er auf Frau Steenkamp schoss? Botha: „Nein.“ Oscar Pistorius, der bis dahin stets von Weinkrämpfen geschüttelt auf der Anklagebank gesessen hat, wird umso ruhiger, je mehr sich der Kriminalbeamte blamiert.

Zum Schluss dieser denkwürdigen Demontage polizeilicher Schlamperei bietet Anwalt Roux Detective Botha, sich einmal kurz in die Lage von Reeva Steenkamp zu versetzen, also nachts auf dem Klo zu sitzen, und ihr Freund schreit plötzlich: „Ruf die Polizei, hier ist ein Einbrecher!“ Ob er, Detective Hilton Botha als Reeva Steenkamp, dann nicht auch reflexartig die Toilettentüre zusperren würde? Botha: „Wohl möglich.“

Ob Oscar Pistorius bis zur Hauptverhandlung auf Kaution freikommt, darüber will das Gericht erst an diesem Donnerstag, spätestens aber am Freitag entscheiden.

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