Home
http://www.faz.net/-gus-771o4
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Oscar Pistorius „Er hat sich bewaffnet. Das Motiv war: Er wollte töten“

 ·  Die Staatsanwaltschaft hält an ihrer Mordanklage gegen Oscar Pistorius fest, das Magistratsgericht Pretoria lässt sie zu. Die Verteidigung spricht von „Totschlag in einem minder schweren Fall“. Über das fragwürdige Verhältnis des Sportlers zu Schusswaffen werden weitere Details bekannt.

Artikel Bilder (2) Video (1) Lesermeinungen (39)
© AFP Oscar Pistorius im Magistratsgericht Pretoria

Der sechsfache Goldmedaillengewinner bei den Paralympics, Oscar Pistorius, ist am Montag offiziell des „vorsätzlichen Mordes“ an seiner Freundin Reeva Steenkamp angeklagt worden. Das 29 Jahre alte Fotomodell war am Donnerstag vergangener Woche im Haus von Pistorius in Pretoria erschossen worden. Der 26 Jahre alte Pistorius behauptet, er habe die Frau für einen Einbrecher gehalten.

„Er hat sich vorbereitet. Er hat sich bewaffnet. Das Motiv war: Er wollte töten“, sagte hingegen Staatsanwalt Gerrie Nel am Montag bei der Anhörung vor einem Magistratsgericht in Pretoria. Nach Schilderung der Staatsanwaltschaft wurde Frau Steenkamp im Badezimmer getötet, als sie auf der Toilette saß. Sie sei von drei Kugeln getroffen worden, darunter zwei Kopfschüsse.

„Der Angeklagte hat seine Prothesen angelegt, ist sieben Meter weit gegangen und hat vier Mal durch die Tür geschossen“, schilderte Nel den Tathergang aus Sicht der Anklage. Das sei „Rechtfertigung genug“ für den Vorwurf des vorsätzlichen Mordes. Pistorius habe „eine unschuldige Frau“ getötet, sagte der Staatsanwalt.

Südafrika: Pistorius streitet Tötungsabsicht bei Anhörung ab

Nel bestätigte allerdings bei der Anklageerhebung, dass die Leiche nicht in dem Badezimmer gefunden wurde, sondern in der Eingangshalle des Hauses, womit Mutmaßungen südafrikanischer Medien vom Wochenende bestätigt wurden, Pistorius habe die sterbende Frau die Treppe hinuntergetragen, um Hilfe zu holen.

Die sterblichen Überreste von Reeva Steenkamp waren ebenfalls am Montag im engsten Familienkreis in ihrer Heimatstadt Port Elizabeth eingeäschert worden. Die Familie der Ermordeten sagte, sie vertraue auf die Justiz, um die Hintergründe dieses „sinnlosen Tods“ aufzuklären.

Der Verteidiger von Pistorius bestritt vor Gericht nicht, dass sein Mandat die Schüsse auf Frau Steenkamp abgegeben habe, sprach aber von „Totschlag in einem minder schweren Fall“. In einer eidesstaatlichen Erklärung, die von Anwalt Barry Roux verlesen wurde, erklärte Pistorius, er habe in der fraglichen Nacht gegen vier Uhr morgens eine Stimme im Badezimmer gehört, zu seiner Waffe gegriffen und einen Schuss auf die Tür abgegeben, weil er einen Einbrecher in seinem Haus vermutete.

Unmittelbar danach habe er seiner Freundin zugerufen, die Polizei zu verständigen. Dann erst habe er bemerkt, dass Frau Steenkamp nicht mehr im Bett lag, seine Prothesen angelegt und versucht, die Badezimmertür zu öffnen. Weil diese verschlossen war, habe er die Tür mit einem Cricketschläger aufgebrochen und die schwer verletzte Frau in die Eingangshalle getragen.

Sein Verteidiger Roux sagte, der Vorwurf des vorsätzlichen Mordes sei schon deshalb nicht haltbar, weil die Staatsanwaltschaft nicht beweisen könne, dass Pistorius gewusst habe, wer sich hinter der verschlossenen Badezimmertür aufhielt. Zum Zeitpunkt der Tat waren nur Oscar Pistorius und Reeva Steenkamp in dem Haus zugegen. Einige Stunden vor den Schüssen war es zu einem lautstarken Streit zwischen den beiden gekommen, den der herbeigerufene Sicherheitsdienst der Wohnanlage vergeblich zu schlichten versucht hatte.

Die Verteidigung plädierte, den Angeklagten bis zur Hauptverhandlung gegen Kaution auf freien Fuß zu setzen. Über diesen Antrag will das Gericht am Mittwoch entscheiden.

„Warum sollte sich ein Einbrecher im Bad einschließen?“

Um sich vor dem Hintergrund der Schilderungen von Anklage und Verteidigung ein halbwegs sachliches Bild von den Vorgängen machen zu können, sind ein paar Anmerkungen zu Pistorius’ Haus hilfreich: Bei Villen dieser Größe und Ausstattung (vier Schlafzimmer, vier Bäder, drei Empfangsräume, drei Garagen) sind die Badezimmer immer „en suite“, also dem Schlafzimmer direkt angeschlossen und nur über dieses zu betreten. Eine zweite Tür, die etwa auf einen Flur führt, existiert bei dieser Bauweise nicht.

So ist auch die rhetorische Frage von Staatsanwalt Nel („Warum sollte sich ein Einbrecher im Badezimmer einschließen?“) zu verstehen, weil es aus diesem Raum kein Entkommen gibt. Selbst wenn man Pistorius Darstellung von dem Einbrecher folgt, stellt sich immer noch die Frage, warum er nicht einfach aus dem Schlafzimmer flüchtete, sondern stattdessen gleich vier Schüsse und damit ein halbes Magazin durch die Tür des Badezimmers feuerte.

Inwieweit Drogen oder Alkohol eine Rolle bei der Tat gespielt haben könnten, ist bislang nicht klar, weil die Ergebnisse der Blut und Urinproben, die Pistorius noch in der Nacht zum vergangenen Donnerstag abgenommen worden waren, noch nicht vorlagen. Die Zeitung „The Times“ berichtete am Montag unter Berufung auf Kriminaltechniker, im Haus des Sportlers seien verschreibungspflichtige Präparate gefunden worden, bei denen es sich möglicherweise um leistungssteigernde Steroide handele. Die Ergebnisse der Laboruntersuchungen stehen allerdings noch aus. Eine der Nebenwirkungen von Steroiden ist gesteigerte Aggressivität.

Anträge auf die Genehmigung von sechs Schusswaffen

Unterdessen wurden am Montag auch weitere Einzelheiten über das zumindest fragwürdige Verhältnis bekannt, das Pistorius zu Feuerwaffen pflegt. Die Tatwaffe, bei der es sich nicht wie ursprünglich gemeldet um eine Beretta-Pistole, sondern um ein baugleiches Modell des brasilianischen Herstellers Taurus handelt, war seit 2010 auf Pistorius zugelassen. Der Antrag auf die Erteilung eines Waffenscheins für die Taurus war 2008 zunächst abgelehnt worden und wurde erst genehmigt, als Pistorius Widerspruch eingelegt hatte. Angesichts der hohen Kriminalität im Land sind südafrikanische Behörden inzwischen sehr zögerlich bei der Genehmigung von Waffenscheinen. Pistorius hatte die Anschaffung der Taurus mit seiner Behinderung erklärt: Er fühle sich hilflos, wenn er nachts ohne seine Beinprothesen im Bett liege.

Aus dieser nachvollziehbaren Begründung aber ist inzwischen ein regelrechter Kult um Knarren geworden. Nach Informationen der Johannesburger Zeitung „The Star“ hat Pistorius bei der Polizei in Pretoria noch sechs weitere Anträge auf Erteilung von Lizenzen zum Führen einer Waffe gestellt. Drei dieser Anträge beziehen sich auf Vorderschaftrepetierflinten ( sogenannte „Pumpguns“), darunter eine Mossberg-Flinte, die von der amerikanischen Armee beim Häuserkampf benutzt wird, um schwere Eisentüren aus ihren Angeln zu schießen.

Bei zwei weiteren Anträgen geht es um die Anschaffung von zwei Waffen der Marke Smith&Wesson, ein kurzläufiger Revolver vom Typ „.38 Special“, der vielfach von Polizeidiensten eingesetzt wird, sowie um einen Revolver vom Typ „Model 500“. Diese Waffe ist unter Sammlern als „The Monster“ bekannt und gilt als die mit Abstand durchschlagskräftigste Faustfeuerwaffe der Welt. Der sechste Antrag bezieht sich auf ein halbautomatisches Gewehr vom Typ „Vector .223“, das als Jagdgewehr angeboten wird, tatsächlich aber eine nur leicht modifizierte Variante des Sturmgewehrs „R 4“ ist, der Standardwaffe der südafrikanischen Armee. Bei dem Amoklauf an der Schule im amerikanischen Newton im Dezember vergangenen Jahres, bei dem 27 Menschen ums Leben kamen, hatte der Täter eine Waffe benutzt, die in Bauart und Kaliber der Vector gleicht.

Das merkwürdige Verhältnis von Oscar Pistorius zu Feuerwaffen belegt auch ein erst drei Wochen zurückliegender Zwischenfall in einem Restaurant in Johannesburg, als er einem Bekannten beinahe in den Fuß geschossen hätte. Pistorius und Steenkamp waren mit Freunden essen, als einer dieser Freunde von seiner neuen Waffe schwärmte und Pistorius offenbar keine Ruhe gab, bis er die Pistole begutachten durfte. Beim Hantieren mit der Waffe in dem vollbesetzten Lokal löste sich dann ein Schuss.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Johannesburg.

Jüngste Beiträge