Ärzten sollten nach einem Fehlverhalten wie im Göttinger Organspende-Skandal ihre Approbation leichter als bisher verlieren können. Das haben der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, und der gesundheitspolitische Sprecher der CDU-Bundestagsfraktion, Jens Spahn, in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ gefordert. Montgomery wies darauf hin, dass für einen Entzug ihrer Zulassung staatliche Instanzen zuständig seien, nicht die Selbstorganisation der Ärzte. Der gesundheitspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Karl Lauterbach, forderte in der „Sonntagszeitung“ eine Abkehr von umsatzabhängiger Vergütung für leitende Ärzte, bei der mehr Operationen zu einem höheren Gehalt führten. Man habe sich bisher zu sehr auf die Selbstkontrolle der Ärzte verlassen.
Die Staatsanwaltschaften Göttingen und Braunschweig ermitteln wegen Bestechlichkeit und des Anfangsverdachts fahrlässiger Tötung in 23 Fällen gegen zwei Ärzte. Der Anwalt eines der beiden Ärzte sagte, sein Mandant bestreite, jemals von Patienten Geld genommen zu haben. Dafür konnte die Staatsanwaltschaft bisher auch keine Belege finden. Es blieb ungewiss, ob Geld geflossen sein könnte an oder über eine Vermittlerstelle - etwa eine Firma für „medizinische Reisen“, gegen die offenbar auch ermittelt wird. Die meisten operierten Leberkranken waren Kassenpatienten. Es wird Monate dauern, bis die beschlagnahmten Computerdaten des 45 Jahre alten Transplantationschirurgen und des 60 Jahre alten Magen-Darm-Spezialisten ausgewertet worden sind.
Provisionsregelung als Leistungsanreiz
Den beiden leitenden Ärzten wird vorgeworfen, durch die Fälschung von Patientendaten die Reihenfolge der Operationen - die für das Überleben möglichst vieler Erkrankter entscheidend ist - manipuliert zu haben. Beide bestreiten das. Gegenüber den Ermittlungsbehörden äußerten sich die Anwälte der beiden Beschuldigten bislang nicht, zumal sie noch nicht Einsicht hatten in die Ermittlungsakten. Die Reihenfolge könnte auch verschoben werden, wenn eine Leber als „nicht transportgeeignet“ eingestuft würde; dann könnte sie nur noch an der eigenen Klinik eingepflanzt werden.
Unterdessen wurde am Wochenende bekannt, dass es schon viel früher Hinweise auf Missstände in der Transplantationschirurgie der Göttinger Universitätsklinik gab. 1995 äußerten angeblich andere Ärzte der Klinik Zweifel an der Rechtmäßigkeit der großen Zahl von Organverpflanzungen - Mitte der Neunziger waren das zwischen 50 und 75 Lebern und Nieren jährlich. Die Klinik bestreitet das.
Eine Leberverpflanzung, um die es in Göttingen ging, kostet etwa 150.000 Euro. Das Gehalt operierender Ärzte ist - auch bei dem beschuldigten Oberarzt - meist durch eine Provisionsregelung als Leistungsanreiz an die Zahl der Operationen gekoppelt. Die Klinik nennt das „Zielvereinbarungsvertrag mit Leistungsbezug“.
119 verdächtige Fälle seit 1999
Über mehrere Jahre hinweg soll jeder zweite Organempfänger ein Italiener gewesen sein - wie der verdächtigte 60 Jahre alte Internist. Fast ausschließlich wurden sie verwiesen von der Universität Bologna; an ihr war der Beschuldigte ausgebildet worden. Seit 2005 dürfen nicht mehr als fünf Prozent der Organempfänger aus dem Ausland kommen. Mehrfach sollen Laborärzte wegen der hohen Werte eine Gegenprüfung veranlasst haben. Nach stark veränderten Befunden wurden zwar die Laborwerte in den eigenen Patientendaten angepasst, nicht aber gegenüber der Stiftung Eurotransplant in Leiden, die innerhalb von Teilen Europas die Leberspenden nach Dringlichkeit verteilt.
Die Prüfungskommission der Bundesärztekammer hat 119 verdächtige Fälle seit 1999 gefunden. Sie war aufmerksam geworden durch einen Hinweis der Deutschen Stiftung Organtransplantation in Frankfurt, der deutschen Koordinierungsstelle für Organspenden, bei der im vergangenen November ein anonymer Anrufer fragte, ob man an der Universitätsklinik Göttingen Organe kaufen könne. Das sei jedenfalls einige Monate zuvor dort möglich gewesen. Aus dem Anruf wurde mittlerweile einer der größten Medizinskandale der deutschen Nachkriegsgeschichte.
Unterdessen warben Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) sowie die neue Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, Christiane Woopen, die Medizinethik an der Kölner Universität lehrt, abermals für Organspenden. Montgomery forderte, Überwachungsbefugnisse der Deutschen Stiftung Organtransplantation und der Bundesärztekammern zu stärken; sie sollten schon bei geringstem Verdacht tätig werden können.