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Offener Brief „Wir hätten Tim so etwas nie zugetraut“

17.03.2009 ·  Fast eine Woche nach dem Amoklauf von Winnenden hat sich erstmals die Familie des Täters in einem offenen Brief an die Familien der Opfer gewendet. „Ihnen wurde das Wertvollste und Wichtigste, ein geliebter Mensch, durch die entsetzliche und unbegreifbare Tat unseres Sohnes und Bruders, genommen.“

Von Rüdiger Soldt
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Die Familie des Amokläufers Tim K. hat erstmals den Opfern des 17-Jährigen ihr Mitgefühl ausgesprochen. In einem offenen Brief, der vom Anwalt der Familie aus Leutenbach am Dienstag in Stuttgart verbreitet wurde, hieß es: „Ihnen wurde das Wertvollste und Wichtigste, ein geliebter Mensch, durch die entsetzliche und unbegreifbare Tat unseres Sohnes und Bruders, genommen. Immer und immer wieder fragen wir uns, wieso dies geschehen konnte. Warum wir seine Verzweiflung und seinen Hass nicht bemerkt haben (...) Wir hätten Tim so etwas nie zugetraut und kannten ihn anders.“ Bei dem Amoklauf am vergangenen Mittwoch waren 16 Menschen getötet worden.

Die Innenminister von Bund und Ländern wollen nun prüfen, ob es vermehrt unangemeldete Kontrollen von Waffenbesitzern geben sollte. Der baden-württembergische Ministerpräsident Oettinger (CDU) sagte, sicherlich müsse geprüft werden, ob die „Kontrolle des bestehenden Waffenrechts ausreichend“ sowie ob eine „Verschärfung des Waffenrechts“ notwendig sei. Zugleich warnte Oettinger aber vor „schnellen Erkenntnissen“, man müsse über Konsequenzen später, mit „völlig klarem Kopf“ sprechen. Er sei zu „restriktiven Schritten“ bereit. Die Hauptverantwortung für Amokläufe von Schülern sieht Oettinger bei den Eltern: „Womit beschäftigen sich Jugendliche im Alter von 16 bis 18 Jahren. Ich schließe nicht aus, dass eine wachsende Zahl von Eltern die Möglichkeiten und die Gefahren der digitalen Welt unterschätzt.“ Der Täter habe nicht irgendwo auf der Straße oder „fernab des Elternhauses diese zweite Identität“ gepflegt, sondern in seinem Jugendzimmer.

Schießübung mit Softair-Waffen

Inzwischen ist bekannt geworden, dass sich schon am Sonntag Jugendliche aus dem Rems-Murr-Kreis ausgerechnet an der Albertville-Schule verabredet haben sollen, um von dort gemeinsam zu einer Schießübung mit Softair-Waffen aufzubrechen.

Oettinger sprach sich gegen verschärfte Sicherheitskontrollen an den Schulen aus. „Dieser Täter hätte solche Sicherheitshürden überwunden. Wollen wir Kindern und Jugendlichen diesen Ort der Gemeinschaft nehmen?“ Auch Innenminister Rech (CDU) appellierte an die Eltern und an Erwachsene, sich stärker um die Jugendlichen zu kümmern: „Jeder Erwachsene kennt doch fünf junge Leute, die in seelischer Not sind“, sagte Rech. Eine abermalige Verschärfung des Waffenrechts sei seiner Auffassung nach überflüssig, entscheidend sei, wie zuverlässig Waffenbesitzer die Vorschriften zur Aufbewahrung ihrer Waffen einhielten. Rech rechtfertigte das Vorgehen des polizeilichen Interventionsteams an der Schule, wo der Amokschütze durch den Hinterausgang geflüchtet war: „Ein Umstellen des Gebäudes wäre gefährlich gewesen, weil der Täter mehr als 200 Schuss bei sich hatte.“ Amokläufer könne man in der Regel durch Sperren nicht aufhalten.

Wochen oder Monate auf den Amoklauf vorbereitet

Nach dem vorläufigen Obduktionsergebnis schoss sich Tim K. am vergangenen Mittwoch am Ende seiner Flucht in die Stirn. Es sei ein „Nahschuss“ gewesen, teilte die Staatsanwaltschaft Stuttgart am Dienstag mit. Seine Leiche wurde freigegeben. Wann Tim K. beigesetzt wird, ist bisher nicht bekannt. Ein schriftliches Gutachten zum endgültigen Obduktionsergebnis stehe noch aus, teilte eine Sprecherin der Anklagebehörde weiter mit.

Immer deutlicher wird, dass sich der Täter Wochen oder sogar Monate vor der Tat in Winnenden auf den Amoklauf vorbereitet haben muss: „Da hat sich etwas abgespielt“, sagte Rech zur bisherigen Auswertung des Jugendzimmers. So habe Tim K. mehrere Killerspiele benutzt und die Ermittler hätten auch drei Schriften mit den Titeln „Tod aus Spaß“, „Body of lies“ sowie „Abwehrmechanismen des Ichs“ in Tims Zimmer gefunden. Die Ermittler sind weiterhin davon überzeugt, dass Tim K. sich in einer psychiatrischen Ambulanz hat behandeln lassen. Der Anwalt des Vaters, gegen den wegen fahrlässiger Tötung ermittelt wird, hatte sogar eine depressive Erkrankung abgestritten.

Wie nun bekannt wurde, soll Tim K.s Vater die Waffenbesitzkarte entzogen werden. Das Landratsamt Waiblingen leitete ein Widerrufsverfahren zu der Karte ein, wie die Behörde mitteilte. Man zweifele an der Zuverlässigkeit des Mannes.

Nach der Statistik des Innenministeriums gab es im Südwesten seit der Tat am vergangenen Mittwoch mittlerweile 52 Amokdrohungen von Trittbrettfahrern: 20 per Internet, 32 per Telefon. In 39 Fällen ermittelt die Staatsanwaltschaft, fünf Haftbefehle sind ausgesprochen worden. „Es gibt aber bisher keinen Fall, bei dem ein Delikt unmittelbar bevorstand“, sagte Justizminister Goll (FDP). Allerdings nahm die Polizei in Ulm am Dienstag einen 17 Jahre alten potentiellen Amokläufer aus dem Raum Ehingen (Alb-Donau-Kreis) fest, der per Internet eine ähnliche Tat wie Tim K. angekündigt haben soll. Er soll auch eine Softair-Waffe und Computer-Ballerspiele besessen haben. „Das ist kein Trittbrettfahrer“, sagte der Staatsanwalt. Der Jugendliche befindet sich jetzt in einem psychiatrischen Krankenhaus.

Ob der Chat-Eintrag eine Panne ist, ist noch nicht abschließend geklärt

Ob der Tim K.s Chat-Eintrag eine Fälschung war, ist immer noch nicht abschließend geklärt: So untersucht die Polizei noch den Computer der Mutter. Außerdem soll Tim K. auch Internet-Cafes aufgesucht haben. Rech sagte, im Zuge der „dynamischen Ermittlungshandlungen“ habe es eine Panne gegeben. Bis Ostern sollen die Schüler der Albertville-Realschule in anderen Schulen im Umkreis von Winnenden unterrichtet werden. Am Dienstag nahmen alle Lehrer der Realschule an einer psychologischen Schulung teil. 90 Prozent der Schüler der Albertville-Realschule nehmen seit Beginn dieser Woche wieder an dem freiwilligen Unterricht teil. Die 60 Lehrer bekommen Unterstützung von 30 zusätzlichen Pädagogen sowie 64 Schulpsychologen.

Auf Empörung ist bei einigen Einwohnern Winnendens ein Beitrag der Feministin Alice Schwarzer in der Zeitung „Welt“ gestoßen. Die Autorin hatte behauptet, der Amoklauf von Tim K. sei das erste Massaker mit dem „Motiv Frauenhass“ in Deutschland gewesen. Zwar hat Tim K. acht Mädchen und nur einen Jungen in der Schule erschossen, vermutlich lässt sich dies aber einfach mit der zufälligen Zusammensetzung der Klassen erklären – im Klassenraum waren mehr Mädchen als Jungen anwesend.

Große Sorgen bereitet der Landesregierung die Vorbereitung der Trauerfeier am Samstag in Winnenden mit Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundespräsident Köhler und Ministerpräsident Oettinger: Zu dem von dem württembergischen evangelischen Landesbischof Otfried July und seinem katholischen Kollegen von der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Gebhard Fürst, zu gestaltenden ökumenischenTrauergottesdienst werden bis zu 100.000 Gäste erwartet. Winnenden ist aber eine kleine, verwinkelte Stadt, so dass der Gottesdienst auf Videoleinwände übertragen werden muss.

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Jahrgang 1966, politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

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