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Nazi-Relikte gefunden : Das Hitler-Rätsel von Buenos Aires

Mitglieder der Bundespolizei präsentieren im Interpol-Hauptquartier in Buenos Aires ein Relief von Adolf Hitler. Bild: dpa

Hinter einer Geheimtür in der Bibliothek eines Antiquitätenhändlers hat die argentinische Polizei Nazi-Relikte entdeckt. Wie sind sie dort hingelangt?

          Die verdeckten Ermittler der argentinischen Polizei waren dem Händler seit Oktober wegen illegaler Geschäfte mit geschmuggelten chinesischen Antiquitäten auf der Spur. Was sie dann aber bei der Razzia in dessen Laden in Béccar, einem Vorort nordwestlich von Buenos Aires fanden, verschlug ihnen den Atem. In einem Raum hinter einer Geheimtür der Bibliothek stießen sie auf 75 bestens erhaltene und pfleglich aufbewahrte Gegenstände, die von argentinischen Medien als „Nazi-Schatz“ bezeichnet werden. Zu dem „Schatz“ gehören eine silberne Büste von Adolf Hitler sowie mehrere Hitler-Abbildungen, ein reichlich mit Hakenkreuzen versehener Reichsadler und allerlei Nazi-Nippes aus Messing und Silber. Dazu Pistolen und Dolche samt Etuis, Ferngläser und Lupen, eine Sanduhr mit Hakenkreuz, eine Sammlung von Mundharmonikas, schließlich obskure medizinische Gerätschaften.

          Argentinien : Polizei entdeckt Nazi-Sammlung

          Matthias Rüb

          Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.

          Der 55 Jahre alte Händler will die Sammlung vor rund zweieinhalb Jahrzehnten erworben haben. Weil der Besitz von Nazi-Devotionalien in Argentinien nicht illegal ist und der Händler bisher auch nicht des illegalen Vertriebs von chinesischem Porzellan überführt werden konnte, bleibt er auf freiem Fuß.

          Die Regierung hat Kontakt mit der deutschen Botschaft aufgenommen

          Innenministerin Patricia Bullrich sagte am Montagabend, erste wissenschaftliche Untersuchungen legten nahe, dass die Gegenstände echt und keine Nachbildungen seien. Die argentinische Regierung hat zur weiteren Klärung der Herkunft der Gegenstände Kontakt mit der deutschen Botschaft in Buenos Aires aufgenommen. Bei einer Lupe hat sich nach Auskunft Bullrichs das Negativ eines Fotos gefunden, auf dem Hitler mit exakt jener Lupe zu sehen ist. „Damit werben Händler – indem sie zeigen, dass die Gegenstände vom ,Führer’ selbst benutzt wurden“, sagte Bullrich.

          Nach dem Willen der Regierung soll der beschlagnahmte „Nazi-Schatz“ nach dem Abschluss der Untersuchungen dem Holocaust-Museum in Buenos Aires übergeben werden. „Das ist Teil der argentinischen Geschichte, und wir müssen das offen darstellen“, sagt die Innenministerin. Das sieht auch Ariel Cohen Sabban so, der Vorsitzende des Dachverbandes der jüdischen Organisationen Argentiniens. Er betrachtet den „beispiellosen Fund“ von Béccar als „unwiderlegbaren Beweis dafür, dass Argentinien nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges seine Türen für Führungsfiguren des Nazi-Regimes geöffnet hat“.

          Wie kamen die Nazi-Devotionalien nach Argentinien?

          Dieses makabren Beweises hätte es freilich nicht bedurft. Denn dass der damalige argentinische Präsident Juan Domingo Perón, ein glühender Mussolini-Anhänger der ersten Stunde, nach 1945 ranghohen Nazis in Argentinien Unterschlupf gewährte, ist eine seit langem gesicherte historische Tatsache. Ebenso wie der Umstand, dass Jahre zuvor Tausende von den Nazis verfolgte Juden in Argentinien Aufnahme gefunden hatten. Perón selbst war kein Antisemit, er holte jüdische Berater in seine Regierung und sorgte 1949 dafür, dass Argentinien als erstes Land Lateinamerikas den Staat Israel anerkannte.

          Die große Frage: Wer war der ursprüngliche Besitzer?
          Die große Frage: Wer war der ursprüngliche Besitzer? : Bild: EPA

          Aber wie kamen die jetzt entdeckten und offenbar authentischen Nazi-Devotionalien aus Europa nach Argentinien? Der SS-Mediziner und Auschwitz-Folterer Josef Mengele lebte nach seiner Flucht aus Deutschland von 1949 rund zehn Jahre lang in Buenos Aires – und zwar im Vorort Béccar, nur ein paar Straßenzüge von dem Antiquitätenhändler entfernt, bei dem jetzt der geheimnisvolle „Nazi-Schatz“ gehoben wurde. Später setzte sich Mengele nach Paraguay und Brasilien ab, wo er 1979 bei einem Badeunfall starb. Zu Mengeles Freundeskreis in Buenos Aires gehörte Adolf Eichmann, der vom israelischen Geheimdienst Mossad aufgespürt, nach Israel gebracht und 1962 nach einem historischen Kriegsverbrecherprozess hingerichtet wurde. Der Zugriff des Mossad auf Eichmann im Mai 1960 erfolgte in San Fernando, dem Nachbar-Vorort von Béccar am Río de la Plata.

          Stammen einige Fundstücke aus dem Besitz Josef Mengeles?

          In argentinischen Medien wird spekuliert, die zahlreichen medizinischen Gerätschaften – zum Vermessen von Knochen und des Schädelumfangs – unter den 75 Fundstücken von Béccar, könnten aus dem Besitz Josef Mengeles stammen. Der Umstand, dass auch Eichmanns ehemaliger Wohnort San Fernando nicht weit vom Fundort des „Nazi-Schatzes“ in Béccar entfernt lag, beflügelt zusätzlich die Spekulationen über dessen Herkunft.

          Überhaupt haben die in Argentinien in großer Zahl beherbergten Nazi-Täter den Forscherdrang auch weniger seriöser Geschichtsschreiber beflügelt. Der SS-Offizier Erich Priebke, Hauptverantwortlicher für das Massaker an 335 italienischen Zivilisten in den Ardeatinischen Höhlen nahe Rom vom März 1944, lebte nach seiner Flucht über die sogenannte Rattenlinie über Südtirol nach Argentinien bis 1995 unbehelligt in Bariloche am Fuße der Anden, ehe er dann doch noch nach Italien ausgeliefert wurde. Dass es in Bariloche aussieht wie auf dem Obersalzberg mag den argentinischen Autor Abel Basti auf seine abstruse Theorie gebracht haben, dass auch Adolf Hitler und Eva Braun nach dem Fall Berlins auf verschlungenen Wegen die Flucht nach Bariloche gelungen sei, wo sie im Bergidyll von Patagonien noch viele Jahre gelebt haben sollen.

          Quelle: F.A.Z.

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