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Natascha Kampusch „Sie ist so ein starkes Kind“

25.08.2006 ·  Betreut von einer Psychologin und einer Beamtin, zu der sie Vertrauen faßte, wird Natascha Kampusch langsam auf ihre neue Freiheit vorbereitet. Nach acht Jahren in einem Verlies sah sie erstmals ihre Eltern wieder.

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„Ich habe fest daran geglaubt, daß sie irgendwann wiederkommt.“ Brigitta Sirny, die Mutter der acht Jahre lang verschollenen Natascha Kampusch, hatte die Hoffnung nie aufgegeben. Sie hatte von der Flucht ihrer Tochter aus dem Verlies ihres Entführers von Journalisten erfahren, die sie angerufen hätten. Sie habe dann mit der Polizei Kontakt aufgenommen und erfahren, daß es sich „mit 99prozentiger Sicherheit um ihr Kind“ handle.

Unter Tränen erzählte Frau Sirny von der ersten Begegnung mit ihrer Tochter bei der Polizei: „Mein Herz hat immer ärger zu schlagen begonnen. Natascha ist mir um den Hals gefallen und hat gesagt ,Mama Mausi'.“ Auf die Frage, woran sie ihre Tochter erkannt habe, antwortete die Mutter: „Durch ihre Art, das Gesicht. Das vergißt man nicht. Ich hätte sie in 20 Jahren auch noch erkannt.“ Sie habe ihrer Tochter keine Fragen gestellt, sondern sie nur sprechen lassen: „Sie hat so eine starke Persönlichkeit. Sie ist bewundernswert, sie ist so ein starkes Kind.“

Nur 42 Kilogramm leicht

Der Vater des Mädchens - die Eltern trennten sich schon vor dem plötzlichen Verschwinden ihrer Tochter, sind geschieden und leben mittlerweile in anderen Beziehungen - beschrieb im ORF-Fernsehen, daß seine Tochter körperlich sehr mitgenommen sei: „Natascha ist abgemagert, hat eine ganz, ganz weiße Haut und Flecken am ganzen Körper. Ich darf gar nicht darüber nachdenken, woher die kommen“, zitiert die Zeitung „Kurier“ Ludwig Koch. Natascha befinde sich an einem sicheren Ort: „Aber die Polizei hat mir gesagt, wann immer ich Natascha sehen möchte, wird es mir ermöglicht.“ Auch Koch hatte die Hoffnung auf Wiederkehr seiner Tochter nie aufgegeben.

Am Tag nach ihrem Wiederauftauchen mußte alles neu für Natascha gekauft werden. Als erstes Bekleidung und Toilettenartikel: „Sie hat ja gar nichts. Ihre Schwester hat ihr das nötigste besorgt. All das ist wie eine Geburt“, erzählte die Mutter im Fernsehen.

Das Leid der Eltern

Das Verschwinden ihres Kindes habe ihr Leben völlig verändert: „Es gab kein richtiges Weihnachten, keine richtigen Freuden. Ich hab mich in die Arbeit gestürzt. Ich wollte in den ersten zwei Jahren nicht einmal meine Enkel (Anmerkung der Redaktion: Nachwuchs älterer Kinder Frau Sirnys) bei mir haben.“

Sehr gelitten hat sie unter Vorwürfen, wonach sie mit dem Verschwinden ihrer Tochter etwas zu tun haben könnte; dessen wurde sie von mehreren Seiten bezichtigt, unter anderem von einem Richter und Politiker aus der Steiermark, mitunter auch von ihrem früheren Mann, Nataschas Vater. „Das war natürlich entsetzlich. Das kann man gar nicht in Worte fassen, wie man sich da fühlt. Die Medien waren ganz geil drauf. Aber ich habe gewußt, was passiert ist und wie es passiert ist. Und jetzt wissen alle, daß es nicht gestimmt hat.“

Möglicherweise zwei Täter

Natascha Kampusch, die vor achteinhalb Jahren spurlos verschwand und am Mittwoch ihrem Peiniger entfliehen konnte, ist seinerzeit möglicherweise von zwei Personen entführt worden. Die Aussage einer Mitschülerin unmittelbar nach der Entführung am 2. März 1998, die sich jetzt als stichhaltig erwies, hat nach der Selbstbefreiung der jungen Frau neues Gewicht erhalten.

Das Mädchen hatte damals ausgesagt, es habe gesehen, wie Natascha auf ihrem Weg in die Schule in dem Augenblick von einem Mann gepackt und in einen weißen Kleinbus gezerrt worden sei, als sie an dem Fahrzeug vorbeiging. Dieses sei daraufhin in einen Kreisverkehr eingefahren und in eine Seitengasse abgebogen. Den Fahrer, die zweite beteiligte Person, habe es jedoch nicht sehen können, sagte die Zeugin aus. Polizei-General Koch, Leiter der „Sonderkommission Natascha, sagte dazu: „Eine Quelle, die uns etwas bestätigen könnte, ist uns abhanden gekommen“ - gemeint ist der 44 Jahre alte Peiniger Nataschas, der sich nach deren Flucht am Mittwoch selbst richtete - , „bei der anderen müssen wir sehr behutsam vorgehen“.

Wenigstens drei Tage Ruhe

Nach Rücksprache mit Psychologen gönnen die Ermittler Natascha Kampusch jetzt erst einmal eine Pause. „Mindestens bis Montag wird die junge Frau in Ruhe gelassen“, so die österreichische Innenministerin Liese Prokop am Freitag. Die Befragung des Entführungsopfers gehen die Ermittler mit äußerster Behutsamkeit an, weshalb die restlose Aufklärung des Falles Wochen in Anspruch nehmen dürfte. Die Achtzehnjährige, die man in Begleitung einer Psychologin und einer Polizistin vorerst in einem Hotel unterbrachte - unter anderem um sie der medialen Öffentlichkeit zu entziehen - sei in guter Verfassung, hieß es; sie wisse auch, daß Priklopil, der mutmaßliche Psychopath, tot ist, den sie lange Zeit „Gebieter“ nennen mußte und mit dem sie Beziehungen unterhielt, wie sie aufgrund des „Stockholm-Syndroms“ höchstwahrscheinlich sind, so der Leiter der Sonderkommission.

Keine Ermittlungspannen

Die Innenministerin Liese Prokop ließ Vorwürfe, es habe „Ermittlungspannen“ gegeben, nicht gelten. Bekannt geworden war, daß der Nachrichtentechniker Priklopil im Hause seiner Mutter in der Gemeinde Straßhof (Niederösterreich), in der er Natascha in einem rundum gesicherten und schallisolierten Garagenverlies verwahrte, mehrmals Besuch von Behördenvertretern erhalten hatte. So beantragte er im Jahr nach der Verwahrung der Schülerin einen Umbau des Dachstuhls. Im April 1999 und 2004 wurde jeweils der Wasserzähler ausgetauscht, und 2001 nahm man behördlicherseits den Umbau ab. Jedoch: Man sei seinerzeit allen verfügbaren Hinweisen nachgegangen, es habe „keine weiteren Anhaltspunkte“ gegeben. Die Staatsanwaltschaft Wien wird zwar das Strafverfahren gegen Priklopil einstellen, die Ermittlungen hingegen fortführen. „Die Behörden müssen erfahren, was in den vergangenen achteinhalb Jahren passiert ist“, so Walter Geyer, Sprecher der Anklagebehörde, am Freitag gegenüber APA, „was uns vor allem interessiert, sind die genauen Tatumstände“.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
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