19.12.2006 · Das erste Fernseh-Interview nach ihrer Flucht war eine Sensation, nun wurde Natascha Kampusch abermals befragt. Inzwischen lebt sie in einer eigenen kleinen Wohnung. Obwohl sie oft auf der Straße erkannt wird, fühlt sie sich nicht als Berühmtheit.
Für die Österreicherin Natascha Kampusch sind nach acht Jahren Isolation in einem Kellerverlies Menschenmengen kaum zu ertragen. „Teilweise ist das wirklich aufdringlich für mich, ich mag die lauten Stimmen nicht“, sagte Kampusch am Montag abend im Österreichischen Rundfunk (ORF). Es war ihr zweites großes Fernseh-Interview seit ihrer Flucht im August. Sie zeigte sich in einer bunt gemusterten Bluse, einem lila Rock und hohen Schuhen. Kampusch trug ihre langen blonden Haare offen und nicht wie zuvor mit einem Tuch bedeckt.
Sie werde oft erkannt, sagte die wohl berühmteste 18jährige des Landes. Das erschrecke sie manchmal. „Viele Leute meinen es aber auch nur gut mit einem, lächeln einen an und gratulieren, daß man frei ist.“ Zugleich müsse sie sich vor Menschen schützen, die ihre Geschichte ausbeuten wollten. Kampusch war im Alter von zehn Jahren auf dem Schulweg verschleppt worden. Ihr Entführer, der 44 Jahre alte Wolfgang Priklopil, hielt sie in einem winzigen fensterlosen Raum unter der Garage gefangen. Nachdem sie entkommen war, beging Priklopil Selbstmord.
„Man muß das nutzen, was da ist“
In der letzten Zeit ihrer Gefangenschaft hatte ihn die junge Frau außerhalb des Hauses begleiten dürfen, etwa zum Einkaufen in einen Baumarkt oder einmal auf einen Skiausflug. Daraus entstand die Vermutung, daß ihre Geschichte nicht wahr sei und sie schon früher hätte fliehen können. Es wurden auch kritische Stimmen laut, daß Kampusch mit bezahlten Interviews viel Geld verdient habe. „Es tut mir eigentlich nur leid für die Menschen, die meinen, daß es mir irrsinnig gut geht und die mit mir tauschen wollen“, sagte Kampusch. Ihnen rate sie, in einem kleinen Raum bei geschlossener Tür einen ganzen Tag oder eine Woche zu verbringen.
Sie habe ihr Verlies manchmal den Sarkophag genannt. Priklopil habe sie gesagt, „daß ich es einfach nicht zulassen werde, daß ich als gebrochener und kaputter Mensch dahinvegetiere.“ Um der Enge zu entrinnen, habe sie sich vorgestellt, der Raum sei weit und sie sei von Leuten und Häusern umgeben. Ihr Tagesablauf sei von einer Zeitschaltuhr geregelt gewesen nach der zu bestimmten Zeiten das Licht in ihrem Verlies anging. Ansonsten habe sie sich am Radioprogramm orientiert. „Man muß das nutzen, was da ist und enge Gefühle abschütteln“, sagte sie.
Priklopil war „ein irrsinniger Ignorant“
Von Priklopil sei kein Mitgefühl zu erwarten gewesen. Dazu sei er nicht fähig gewesen, nicht einmal wenn sie krank gewesen sei, sagte Kampusch. Priklopil habe sie regelmäßig hungern lassen. Dennoch habe sie in seinem Haus hart arbeiten müssen, etwa Fliesen legen. „Ich habe immer zu ihm gesagt, er ist ein irrsinniger Ignorant, weil er hat mich immer ignoriert“, sagte sie.
Trotz der Interviews, die sie gebe, fühle sie sich nicht wie eine Berühmtheit. „Ich werde nicht wie ein Star behandelt von meinem Sozialarbeiter - die Leute, die mich da betreuen, die behandeln mich wie einen normalen Menschen“, sagte Kampusch. Die junge Frau lebt allein in einer kleinen Wohnung. „Es gibt niemanden, der mich da anhimmelt.“