Home
http://www.faz.net/-gum-whas
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
50 plus

Nach Holzklotz-Wurf Kaum Schutz vor Steinewerfern möglich

Nach dem Tod einer Frau durch einen Holzklotz, der am Ostersonntag von einer Autobahnbrücke geworfen wurde, gibt es zahlreiche Trittbrettfahrer. In den vergangenen Tagen flogen verschiedene Gegenstände von Brücken. Wie lassen sich solche Straftaten verhindern?

© AP Vergrößern Möglicher Schutz vor Steinewerfern: Videoüberwachung der Autobahnbrücken

Nach dem Wurf eines Holzklotzes von einer Autobahnbrücke bei Oldenburg, durch den am Ostersonntag eine Frau getötet wurde, gibt es noch immer keine heiße Spur von den Tätern. Unterdessen nutzten am Wochenende weitere Nachahmungstäter die Aufmerksamkeit der Medien.

Karin Truscheit Folgen:  

So wurden am Sonntag auf der A 7 vor dem Horster Dreieck Steine auf die Fahrbahn geworfen; verletzt wurde niemand. Am Freitagabend hatte vor dem Autobahnkreuz Maschen ein Gegenstand ein Loch in das Glasdach eines Autos gerissen; die Fahrerin blieb unverletzt. In Unna hatten vier Jugendliche am selben Tag Steine auf eine S-Bahn geworfen. Und wieder fragt sich die Öffentlichkeit, ob man Autobahnbrücken nicht besser sichern kann. Einige Vorschläge:

Mehr zum Thema

Absperrungen

Drahtgeflecht oder Plexiglas könnte am Geländer der Brücke befestigt werden. Auch könnten die Mauern rechts und links erhöht werden. „Baulich ist alles möglich, allein die Finanzierung ist fraglich“, sagt Bernd Löchter von den Landesbetrieben Straßenbau in Nordrhein-Westfalen. 400 Euro koste der Meter Drahtgeflecht. Drei bis vier Meter hoch müsste der Absperrdraht sein. Diese Sicherung brauchte man auf beiden Seiten der Brücke und somit auf einer Länge von 150 Metern, wenn man eine durchschnittliche Brückenlänge von 75 Metern zugrunde lege. Bei den allein 2000 Brücken in Nordrhein-Westfalen fielen 120 Millionen Euro Kosten an.

Nach Ansicht von Fachleuten könnten so zumindest „Schwerpunkt-Brücken“, von denen öfter Gegenstände geworfen werden, gesichert werden. Auf der A 52 bei Essen wurde die 1800 Meter lange Mintarder-Ruhrtalbrücke so gesichert - allerdings, um Selbstmörder abzuhalten. Auch ließe sich durch eine Absperrung nicht jeder Täter abhalten. Selbst im Darmstädter Fall, als im Februar 2000 drei Amerikaner Steine auf die Autobahn warfen und so zwei Frauen töteten, konnte eine Absperrung die Taten nicht verhindern. Die jungen Männer wuchteten die schweren Steinbrocken über eine 2,50 Meter hohe Schutzwand aus Plexiglas. Zudem werden Plexiglaswände oft schnell verschmiert, verlieren somit ihre Transparenz - und bieten potentiellen Tätern sogar Deckung. Daher wurde die Plexiglasverblendung auf der Fußgängerbrücke in Darmstadt inzwischen ganz entfernt.

Überwachung

Nach dem Oldenburger Fall überwacht die Polizei in Nordrhein-Westfalen auf Anweisung des Landesinnenministers Ingo Wolf (FDP) verstärkt die Autobahnbrücken. Eine Videoüberwachung - wie sie von manchen Politikern gefordert wurde - lehnt Wolf ab, weil sie allein keine Straftat verhindere. Auch die Autobahnbrücken in Sachsen-Anhalt werden nun vermehrt in Streifenfahrten einbezogen.

Säuberung

Durch herumliegende Gegenstände könnten potentielle Täter „in Versuchung“ geführt werden. Der Münchner Psychologe Georg Sieber sagte der „Süddeutschen Zeitung“, eine regelmäßige Kontrolle auf den Brücken sei eine sinnvolle Prävention. Man solle darauf achten, dass kein Wurfmaterial herumliegt, das Gelegenheitstäter animiere. Allerdings werden die Brücken ohnehin regelmäßig gesäubert. Und in den meisten Fällen mit tödlichem Ausgang hatten die Täter ihre Wurfgeschosse nicht auf der Brücke gefunden.

Durchnummerierung

Der ADAC sieht kaum eine Möglichkeit, die Autofahrer vor Steinewerfern zu schützen. Bei 37.000 Brücken in Deutschland sei der finanzielle Aufwand nicht zu rechtfertigen, da die tödlichen Fälle zum Glück recht selten seien. Maximilian Maurer vom ADAC sagt, in der Regel seien Jugendliche unter Alkoholeinfluss für die Taten verantwortlich. „Unter Gruppenzwang lassen die sich auch nicht von Fangnetzen und Plexiglaswänden abhalten.“

Als sinnvoll sieht der ADAC indes die Überlegung an, die Brücken durchzunummerieren, wie es in Italien gemacht wird. So könnten Zeugen im Falle eines Anschlags der Polizei schneller sagen, um welche Brücke es sich genau handelt. „Der Polizeihubschrauber kann dann sofort am Tatort sein und die Täter eventuell schneller finden.“ Denn bei Steinewerfern, wo meist jede Beziehung zwischen Täter und Opfern fehle, sei die Fahndung schwierig. Es fehlten Ansatzpunkte. Zu oft blieben die Täter unerkannt.

Quelle: F.A.Z., 01.04.2008, Nr. 76 / Seite 9

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Autobahn 3 Neubau der Lahntalbrücke bei Limburg gut im Plan

Als die Limburger Autobahnbrücke vor einem halben Jahrhundert gebaut wurde, tröpfelte der Verkehr noch. Jetzt entsteht ein Neubau, der die Verkehrsflut der Zukunft verkraften soll. Mehr

16.03.2015, 15:08 Uhr | Rhein-Main
Feuerwehreinsatz Brandanschlag auf Hamburger Morgenpost

Täter haben Steine und Brandsätze auf das Archiv der Hamburger Morgenpost geworfen. Die Zeitung hatte nach dem Anschlag in Paris Karikaturen der Satirezeitung Charlie Hebdo vom Propheten Mohammed nachgedruckt. Mehr

11.01.2015, 11:52 Uhr | Gesellschaft
Mülldeponie und Kioske NRW erbt jedes Jahr Millionen

Gaststätten, halbe Brücken, Hotelzimmer - Nordrhein-Westfalen erbt jedes Jahr Kuriositäten. 5,5 Millionen Euro wurden im Vorjahr vererbt - dem standen aber auch Kosten in Millionenhöhe gegenüber. Mehr

22.03.2015, 15:26 Uhr | Wirtschaft
Köln Dutzende verletzte Polizisten bei Hooligan-Demo

Wasserwerfer, Schlagstöcke und Reizgas: Die Polizei hat am Sonntag mit einem massiven Einsatz auf Ausschreitungen bei einer Hooligan-Kundgebung gegen Salafisten in Köln reagiert. Beamte seien mit Flaschen, Steinen und Feuerwerkskörpern beworfen worden, sagte ein Polizeisprecher. Dagegen sind wir vorgegangen. Ein Einsatzfahrzeug der Polizei wurde von den Demonstranten auf die Seite geworfen. Ersten Angaben zufolge soll es mindestens zehn Verletzte gegeben haben. 17 Personen festgenommen. Mehr

27.10.2014, 07:51 Uhr | Politik
Zunächst Test mit Kleinlastern Schiersteiner Brücke soll nach Ostern befahrbar sein

Die Sperrung der Schiersteiner Brücke neigt sich ihrem Ende zu. Spätestens zum Ende der Osterferien könne die Brücke wieder für den Verkehr freigegeben werden - zunächst aber nur für Autos, heißt es. Mehr

25.03.2015, 12:22 Uhr | Rhein-Main
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 01.04.2008, 09:34 Uhr

Steuerhinterziehung Nadja Auermann zu Geldstrafe verurteilt

Das frühere Top-Model Nadja Auermann hat wohl bei der Steuererklärung getrickst, Thomas Gottschalk erzählt eine makabre Anekdote, und Nina Hagen kann wegen Zahnschmerzen nicht auftreten – der Smalltalk. Mehr 1

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden

Lufthansa unter Schock

Von Carsten Knop

Hätte es Lufthansa ahnen können, dass ein Kopilot die Maschine in den Boden steuert? Wer jetzt die Fluggesellschaften verantwortlich macht, verkennt, dass ein Suizid selten vorhersehbar ist. Mehr 7 26