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Nach dem Münchner Amoklauf : Müssen wir sie als Helden sterben lassen?

  • -Aktualisiert am

Nach dem Amoklauf von Winnenden im März 2009 zeigen Kreidespuren die Umrisse des Amokläufers vor einem Autohaus in Wendlingen am Neckar Bild: dpa

Einer meiner Klassenkameraden beging selbst einen Amoklauf, nachdem wir im Unterricht über Winnenden sprachen. Unsere Gier nach Informationen fordert Nachahmer geradezu heraus – warum wollen wir trotzdem alles über die Täter wissen?

          Der Amoklauf in München ist mindestens die zweite furchtbare Bluttat, die vom Amoklauf in Winnenden im März 2009 inspiriert war. Der 18 Jahre alte David Ali S. soll den siebzehnjährigen Tim K. verehrt haben, der am 11. März 2009 in Winnenden 15 Menschen und anschließend sich selbst tötete. Auch im Kopf des damals 18 Jahre alten Georg R., damals mein Klassenkamerad, entstand nach der Tat ein grausamer Plan, den er am 17. September 2009 am Ansbacher Carolinum in die Tat umsetzte. Mit einer Axt, mehreren Messern und Molotowcocktails zog er durch das oberste Stockwerk des Gymnasiums.

          Natürlich berichten die Medien ausführlich über die Täter. Immer wieder jedoch nehmen sich dadurch andere junge Menschen diese Täter zum Vorbild – und suchen auf ihrem Weg in den Tod dieselbe Aufmerksamkeit.

          Georg R. verletzte damals zwei Schülerinnen schwer, eine von ihnen kämpfte mehrere Tage ums Überleben. Er selbst versuchte sich das Leben zu nehmen und wurde von zwei Polizisten mit mehreren Schüssen zu Boden gebracht. Dass niemand starb, war glücklichen Umständen zu verdanken. Nach der Tat spielten sich private Dramen ab, die viel Leid mit sich brachten, ganz außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung.

          Eine bestehende Faszination kann verstärkt werden

          Georg R. überlebte. Wegen versuchten Mordes in 47 Fällen wurde im April 2010 im Ansbacher Landgericht das Urteil gesprochen: neun Jahre Haftstrafe, verurteilt nach dem Jugendstrafrecht, zunächst aber unbegrenzte Unterbringung in der Psychiatrie.

          Es ist mir zuwider, diese Tat noch einmal aufzurollen, auch weil es meiner These von den Nachahmungstätern widerspricht, und doch ist es notwendig.

          Der erste Tagebucheintrag von Georg R. entstand nicht lange nach dem Tag, als im Englisch-Unterricht der Schule im März 2009 die Geschehnisse aus Winnenden ausführlich besprochen wurden. Unter anderem wurde darüber diskutiert, dass es, wegen der Bauweise unserer Schule, am gefährlichsten wäre, würde ein möglicher Täter im dritten Stockwerk beginnen.

          Seine Faszination für solche Taten entstand nicht erst durch Winnenden. Das zeigte sich in zwei Situationen. Als in dieser Diskussionsrunde die Frage aufkam, ob es auf der Welt auch schon zu Amokläufen durch Frauen gekommen sei, meldete sich Georg R., was nicht oft vorkam. Aus dem Stegreif zählte er mehrere Beispiele aus den Vereinigten Staaten mit Datum auf. In seinem Leistungskurs Deutsch hatte er nicht lange vor der Tat in Winnenden für seine Facharbeit als Thema „Klein und Wagner“ von Hermann Hesse angeboten; die Erzählung kreist um den Lehrer Ernst August Wagner, der in der realen Welt am Morgen des 4. September 1913 in Stuttgart und Umgebung 14 Menschen tötete.

          Ansturm durch Journalisten

          Die Faszination für solch grausame Taten war also schon vorhanden. Doch der konkrete Plan reifte, so ist es in den Tagebucheinträgen nachzuverfolgen, nach Winnenden. In der öffentlichen Urteilsverkündung im April 2010 las der Richter Auszüge aus dem Tagebuch vor. In einem Abschnitt hatte der spätere Täter geschrieben, dass über einen einfachen Selbstmord in den Medien nicht berichtet werde. Doch durch eine solche Tat ließen die Medien den Täter als Held sterben. Da wurde in den ersten Reihen, den dicht gefüllten Reihen der Medienvertreter, gelacht.

          Trauernde Bürger haben an der U-Bahn-Station Olympia-Einkaufszentrum in München Blumen niedergelegt

          Die Schule wurde noch Tage nach dem Amoklauf von Polizisten bewacht, wegen des Ansturms der Journalisten. Sie verfolgten uns mit ihren Kameras, lauerten uns auch bei einem geheimen Treffen auf, bei dem es um die Verarbeitung der Tat des Klassenkameraden ging. Auch Unbeteiligte wurden von einem Privatsender über ihren „Mitschüler“ befragt. Überall sah man in den Zeitungen sein Gesicht. Auch den Attentäter aus Würzburg oder den Piloten der Germanwings-Maschine kenne ich mittlerweile – ob ich will oder nicht.

          Müssen wir wirklich alles über die Täter wissen?

          Natürlich weiß ich, schließlich werde ich selbst Journalistin, dass die Öffentlichkeit ein großes und berechtigtes Interesse an solchen Taten hat. Denn es geht um die verzweifelte Frage nach dem Warum. Es mag für viele Betroffene auch eine Art Befreiung sein, über solche Taten zu sprechen. Für uns war es das damals aber nicht. Die Medien sollten sich wenigstens bewusst machen, dass eine sehr detaillierte Berichterstattung über die Täter auch Nachahmer anregen kann. Dass sie neben ihrer Rolle als Aufklärer auch eine Verantwortung haben.

          Ich kann keine befriedigenden Antworten bieten, bis heute nicht. Aber kann es denn sein, dass manche Medien Betroffenen in schrecklichen Ausnahmesituationen das Leben noch weiter zur Hölle machen? Und kann es sein, dass durch die Form der Berichterstattung über solch furchtbare Taten psychisch labile junge Männer das Gefühl erhalten, auf diese Weise tatsächlich noch als Held sterben zu können?

          Müssen wir wirklich alles über solche Täter wissen? Muss so viel spekuliert werden? Brauchen wir für die Aufarbeitung unbedingt das Gesicht und den Namen? Ein Mensch ohne Gesicht, so viel ist sicher, kann nicht so leicht zum Vorbild werden.

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